Prominente Protagonisten bei Hannover 96: Edel-Fan Carsten Maschmeyer, Präsident Martin Kind, Milliardär Dirk Roßmann und Altkanzler Gerhard Schröder (von links) Foto: dpa, Montage Klöpfer

Altkanzler, Milliardäre, Alleinherrscher: Hannover 96, der Gegner des VfB Stuttgart im Duell der Aufsteiger an diesem Freitagabend, ist sehr speziell. Ein Blick hinter die Kulissen des niedersächsischen Fußball-Bundesligisten.

Hannover - Gleich hinter dem schweren Rolltor, das den Weg zum Parkplatz an der Osttribüne schützt, beginnt sein Reich. Auch an diesem Freitag wird Martin Kind wieder ganz dicht an das Stadion heranfahren dürfen. Lässige Lederjacke, Dreitagebart, knorriger Smalltalk: Wenn der Präsident aus seinem sportlichen Auto steigt, beginnt das übliche Szenario rund um die Heimspiele von Hannover 96. Martin Kind schüttelt viele Hände, eilt durch die Menge und steuert zielstrebig die Sitzplätze vor seiner komfortablen Loge an. Der Blick auf das Geschehen ist bestens. Auf die Fankurve ebenfalls. „Kind muss weg“: Auch beim Heimspiel gegen den VfB Stuttgart (Freitag, 20.30 Uhr) muss der Vereinsboss wieder dieses störende Transparent mit der bösen Botschaft ertragen. Warum bloß wird jemand so von einem Teil der Fans empfangen, der sich seit 20 Jahren für ihren Verein engagiert?

Im richtigen Leben ist Kind der Chef eines von ihm erbauten und weltweit erfolgreichen Hörgeräte-Imperiums. Im bezahlten Sport ist der 73-Jährige ebenfalls ein Allesentscheider, dessen Art und Zielstrebigkeit allerdings nicht nur Sympathien wecken. Mein Verein, mein Stadion, meine Sache: In all den Jahren hat sich eingeschlichen, dass Kind eine extrem eigene Sicht der 96-Dinge entwickelt hat – was wohl auch durch den Mangel an Wertschätzung für sein Engagement zu erklären ist.

Gerhard Schröder führt seit Dezember 2016 den Aufsichtsrat an

„Ich möchte, dass unser Verein auf lange Sicht wettbewerbsfähig ist“, sagt der Präsident. Also gestaltet er ihn nach seinem Gusto um. Als Hauptgesellschafter, Präsident und mehrfacher Geschäftsführer spürt er nur wenig Gegenwind. Ein guter Freund von ihm, der früher Bundeskanzler war und Gerhard Schröder heißt, führt seit Dezember 2016 den Aufsichtsrat. „Es gibt keinen Widerspruch zwischen Kontrolle und perspektivischer Arbeit“, findet Schröder. Dass der Altkanzler Fan und Hinterfrager in Personalunion ist, gehört zu jenen Punkten, die Kind als normal einstuft. Das Fell, das er sich vor lauter Protesten, Klagen und Anfeindungen zugelegt hat, fällt dick aus.

Gerade einmal sechs Monate nach dem direkten Wiederaufstieg, einem in der Stadt umjubelten Ereignis, nimmt Hannover 96 eine zentrale, weil strittige Rolle im deutschen Profifußball ein. Kind möchte den von ihm dirigierten Verein unbedingt für Investoren öffnen – aus der Region, nicht aus China oder sonst wo.

Doch eine lautstarke Opposition, zu der nicht nur Trikot- und Schalträger zählen, glaubt ihm nicht. Dass Kind sein Ideal von Weiterentwicklung angeblich über die Belange des Stammvereins stellt und für sich eine Ausnahmeregelung von der 50+1-Regel erkämpfen will, treibt seine Kritiker an. Gegen ihn wird fleißig geklagt. Von einem Anwalt, der eine Faninitiative vertritt. Von einem Mitgesellschafter, der Kind zu einer anderen Art der Gewinnausschüttung zwingen will.

Polizeischutz für Präsident Martin Kind

All das gehört bei Hannover 96 derzeit zum Tagesgeschäft. Kind musste in diesem Jahr aus Angst vor gewaltbereiten Fans schon unter Polizeischutz gestellt werden. Seine Frau hat ihm vor Kurzem vorgeschlagen, alle Anteile am Verein zu verkaufen und abzutreten. Aber wer trennt sich schon gerne von seinem Lebenswerk?

Der Chef vom Ganzen hat eingeräumt, dass es in den vergangenen Jahren versäumt worden ist, die nötige Transparenz herzustellen und konstruktive Dialoge mit dem normalen Publikum zu führen.

Von der Nordkurve aus, wo der harte Kern der Anhänger seine Heimat hat, blicken die Fans auf eine ganz eigene 96-Welt mit einem schwer zu durchschauenden Firmengeflecht. Kind empfängt in seiner Stadionloge Größen wie Dirk Roßmann. Der Milliardär und Chef einer Drogeriemarktkette ist Hauptgesellschafter von Hannover 96 und zugleich Kinds Tenniskumpel. Auch Klaus Meine, der Sänger der hannoverschen Rockband Scorpions, gehört zu den potenziellen Doppelpartnern. Altkanzler Schröder ebenfalls. Aus solchen Männerrunden, die nicht verwerflich, sondern in einer überschaubaren Stadt wie Hannover typisch sind, kann Gemütliches und Großes entstehen. Aber Kumpanei an der Grenze zu Schickimicki erzeugt eben auch Neid, der von Skepsis begleitet wird.

Die Ul­tras boykottieren die Stimmung im Stadion und schweigen

Die aktuelle Tabelle der Fußball-Bundesliga gibt Kind, seiner Art und seiner Welt recht. Für einen Aufsteiger steht Hannover 96 in dieser Saison bisher bestens da. „Es ist nicht so einfach, uns zu schlagen“, versichert Cheftrainer André Breitenreiter. Als er Mitte der 90er Jahre noch Spieler der Roten war, steuerte Hannover 96 auf eine Insolvenz zu.

Mit dem Amtsantritt von Kind im September 1997 wurde eine rettende Kurskorrektur eingeleitet, an die sich nur noch wenige seiner Kritiker erinnern können. Heute hat Hannover 96 ein schickes Stadion. Ein modernes Nachwuchsleistungszentrum ist in diesem Sommer eingeweiht worden. Ein neues Breitensportzentrum, das gerade entsteht, soll aus vereinseigenen Mitteln bezahlt werden. Und doch kommt im Streit mit dem harten Kern der Fans kein Ende in Sicht. Die Ul­tras boykottieren die Stimmung im Stadion und schweigen. Sie hassen es, wenn Kind von der Marke Hannover 96 spricht, die er national bis international so gut wie möglich positionieren und etablieren möchte.

Sportdirektor Horst Heldt ist als smarter Vermittler gefragt

In Horst Heldt gibt es bei Hannover 96 einen smarten Vermittler. Als Sportdirektor soll er an der Nahtstelle zwischen Sport und Geld glänzen. Gleich links, hinter der Eingangstür zu seinem Büro, befindet sich in einer Art Nebenraum ein moderner Kaffeevollautomat. Das Gerät ist in den vergangenen zehn Jahren von fünf verschiedenen leitenden Angestellten bedient worden. Sie alle haben versucht, Kind zu gehorchen und dennoch ein eigenes Profil zu entwickeln. „Hier in Hannover kann man jede Menge bewegen und gestalten“, meint Heldt. Er möchte eines Tages nicht nur Sportdirektor, sondern auch Geschäftsführer von Hannover 96 sein. Bis dahin soll er sich laut Kind aber erst einmal bewähren.

Mehrfach in der Woche klingelt frühmorgens das Handy von Heldt, weil der Präsident extremer Frühaufsteher ist und sich abstimmen möchte. Und spätabends, falls zum Beispiel gegen den VfB Stuttgart ein Heimsieg gelungen sein sollte, ist Kind mitten in der Umkleidekabine der Spieler präsent, um ihnen zu gratulieren und sie zu motivieren. Der „Alte“, wie Kind hinter vorgehaltener Hand dann oft genannt wird, ist in diesen Momenten ganz nah an seiner großen Leidenschaft, die ihm erschreckend viel Ärger beschert.

Das Promiquartett von Hannover 96

Gerhard Schröder: Seit Ende vergangenen Jahres ist der Altkanzler nicht nur der prominenteste Fan des Clubs mit eigener Loge, sondern auch dessen oberster Kontrolleur. Als Chef des Aufsichtsrats von Hannover 96 soll Schröder Manager und Präsident kritisch über die Schulter schauen. Vor allem aber profitiert der Club von Schröders Netzwerk und Prominenz. Schröder ist Kuratoriumsmitglied der DFL-Stiftung. Mit Wladimir Putin ist er per Du. In China und der Türkei fungiert „Acker“, wie der 73-Jährige früher als Stürmer von TuS Talle genannt wurde, immer wieder als Türöffner für die deutsche Wirtschaft. Seine Bekanntheit verschafft dem als bieder geltenden Verein internationales Flair – für die Vermarktung keine schlechten Argumente.

Martin Kind: Der langjährige Präsident von Hannover 96 machte mit Hörgeräten ein Vermögen und ist mit 600 Millionen Euro heute einer der reichsten Deutschen. 1997 zum Präsidenten gewählt, rettete der Deutschschweizer den damaligen Regionalligisten vor der Insolvenz und führte ihn sukzessiv in die Bundesliga. Kind beteiligte Unternehmen aus Niedersachsen finanziell am Verein und stellte 96 so auf wirtschaftlich solide Füße. Seit der 73-Jährige aber die alleinige Kontrolle über den Club fordert, um noch mehr Investorengelder einzusammeln, ist die Beziehung zwischen Fans und Vereinsführung zerstritten.

Dirk Roßmann: Der Erfinder des Drogeriemarkts, in dem sich Kunden selbst bedienen, und Geschäftsführer des Rossmann-Imperiums ist auch einer der größten Teilhaber an Hannover 96. Auf Bitten seines Tennisfreunds Martin Kind übernahm er 2012 ein Fünftel der Gesamtanteile am Verein und saß bis zum letzten Jahr im Aufsichtsrat. Der 71-Jährige pflegt einen zurückhaltenden Lebensstil, seit Jahren ist er lauter Befürworter einer hohen Steuer für Reiche. Das „Forbes“-Magazin schätzt sein Vermögen auf 2,3 Milliarden Euro.

Carsten Maschmeyer: Als Jugendlicher pilgerte er kilometerweit ins Stadion, um Hannover zuzujubeln, später trug die 96-Spielstätte den Namen seiner jetzt verkauften Finanzfirma AWD. Maschmeyer stieg mit klugen Investments vom mittellosen Medizinstudenten zu einem der mächtigsten Geldgeber in Deutschland auf. Zu Spitzenpolitikern pflegt der 58-Jährige freundschaftliche Beziehungen. In Interviews bekundet er stets, dass die Werbeinvestitionen in Hannover 96 aus rein geschäftlichem Interesse stammen. Trotz Fußballliebe zog er für seine Ehefrau und Schauspielerin Veronika Ferres kürzlich nach München.

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