Fitnesstrainer Chima Onyeike macht den VfB-Profis Beine Foto: Baumann

Er hat seinen Beruf in vielerlei Facetten gelernt, er hat ehemalige Weltstars wie Roberto Carlos und Samuel Eto’o betreut. Seine Devise für den VfB vor der Bundesliga-Rückrunde: Kraft ist im Fußball gut, aber nicht alles.

Lagos - Der Kerl ist eine Wucht. Wenn Chima Onyeike das Zimmer betritt, dringt kein Licht mehr durch den Türschlitz. Sein Körper, 1,92 Meter groß und 105 Kilogramm schwer, und seine muskelgestählte Schulterpartie verdunkeln den Raum. Erst sein Lächeln signalisiert Entspannung. Onyeike weiß um seine Wirkung, er sagt: „Nach meiner Profikarriere habe ich 13 Kilo zugelegt.“ An Muskelmasse, nicht an Fett. Wobei der Konditionstrainer des VfB Wert auf die Feststellung legt, dass er kein Eisenfresser ist. Stundenlanges Hanteltraining ist seine Sache nicht. Onyeike (39) setzt auf Kontinuität. Was nun auch dem VfB zugute kommen soll.

Keine Frage, der Niederländer mit nigerianischen Wurzeln strahlt Autorität aus. Die Spieler haben Respekt vor ihm. Das kann nicht schaden, wenn er sie nach seiner Pfeife tanzen lässt. „Ich bin kein Schleifer“, sagt Chima Onyeike, „ich will die Spieler nicht kaputt machen, aber wenn sie mit mir trainieren, müssen sie ihren Körper spüren.“ Da dürfen sie schon mal bis an ihre Schmerzgrenzen gehen. Schließlich weiß Onyeike genau, was er tut.

Mit 16 Jahren begann er gegen den Rat seines Vaters Bob in Haarlem seine Trainerausbildung: Fußball, Athletik, Sportmassage, Physiotherapie. Papa Bob riet ihm dringend, ein Profiangebot anzunehmen, doch Chima setzte seinen Kopf durch: „Profi kann ich immer noch werden.“ Mit 19 Jahren war es dann so weit: HFC Haarlem, FC Dordrecht, Excelsior Rotterdam, FC Oss, VVV Venlo und SC Cambuur hießen seine Stationen. Höhepunkt war sein Aufstieg in die Ehrendivision mit Excelsior. Nach 13 Jahren und 257 Spielen (65 Tore) beendete er seine Karriere als Stürmer. Als „target man“, wie er selbst sagt – als einer, der Ziele hat und diese konsequent verfolgt.

Im Fußball war es das gegnerische Tor, im Leben ist es sein beruflicher Aufstieg. Onyeike setzte seine Ausbildung fort, ließ sich zum Reha-Trainer schulen und gab selbst Kurse als Personal Coach. 2011 holte ihn Guus Hiddink in seinen Stab beim russischen Erstligisten Anzhi Makhachkala, wo er unter anderen die ehemaligen Weltstars Roberto Carlos und Samuel Eto’o betreute. Zwei Jahre später traf er auf Huub Stevens.

Der VfB-Trainer war gerade zu Vertragsgesprächen bei Paok Saloniki, als er aus allen Wolken fiel. Auf dem Clubgelände lief ihm Onyeike über den Weg. „Was machst du denn hier?“, fragte Stevens. „Ich werde hier Trainer“, antwortete er. „Ich auch“, sagte Stevens, der fünf Stunden vor Onyeike eingetroffen war. Der gleiche Dialog hatte sich zuvor im Flugzeug aus Amsterdam zwischen Onyeike und Ton Lokhoff abgespielt. Lokhoff wurde Stevens’ Assistent bei Paok. Im Frühjahr 2014 wechselten die beiden zum VfB. Onyeike sollte mitkommen, doch Paok gab ihn nicht frei.

Onyeike bringt neue Ideen mit zum VfB

Onyeike bedeutet auf Deutsch Kraft

Jetzt ist er mit Verspätung hier und staunt Bauklötzchen: „Der VfB ist ein größerer Verein als alle Clubs, bei denen ich bisher war. Das Gelände, die Bedingungen – alles optimal. Wir haben alle Möglichkeiten, um erfolgreich zu sein.“ Das Punktekonto spricht dagegen. Deshalb ist „für uns jedes Spiel ein Endspiel“, sagt Onyeike und fügt hinzu: „Unsere jungen Spieler müssen schnell erwachsen werden.“ Dabei will er sie nach Kräften unterstützen.

Kraft – ein gutes Stichwort. Onyeike bedeutet, welch ein Zufall, auf deutsch „Kraft“. Wobei Chima (auf Deutsch: Gott weiß) als Fitnesstrainer weniger Wert darauf legt, dass die VfB-Profis an Muckis zulegen: „Wichtiger ist es, dass sie schnell und geschmeidig bleiben.“ Dafür benötigen sie im Kraftraum „eine gute Technik, und mit dieser Technik müssen sie dann hart, aber vor allem kontinuierlich arbeiten“. So hat er es mit Konditionstrainer Christos Papadopoulos besprochen, mit dem er sich die Arbeit aufteilt. „Papa ist schon lange beim VfB, die Spieler kennen ihn gut. Jetzt bringe ich neue Ideen mit ein, das kann nur ein Vorteil sein“, sagt Onyeike, der auch im Trainingslager in Lagos ein hartes Regiment führen wird, allerdings nicht mehr so uneingeschränkt wie in der bisherigen Vorbereitung: Zunehmend verschieben sich die Schwerpunkte jetzt auf spielspezifische Inhalte.

So sehr Onyeike einerseits als harter Hund gilt, so herzlich ist sein Naturell. Sein Vater stammt aus Nigeria, Chima selbst war noch nie in dessen Heimatdorf, was weniger an ihm lag als an den Umständen: Dreimal hatte er bereits ein Flugticket gekauft, doch zweimal war er kurzfristig bei seinen Clubs unabkömmlich, einmal hielten ihn politische Unruhen in Nigeria von einem Besuch ab. Dabei sind Vater und Sohn Onyeike dort durchaus präsent, indirekt eben. Regelmäßig schicken die beiden Geld, mit dem sie Wasserleitungen bauen und Generatoren für die Stromversorgung kaufen lassen. Außerdem finanziert Chima Onyeike das Studium seiner Nichten und Neffen mit.

Da zeigt sich seine andere Seite: harte Schale, weicher Kern. Das gilt erst recht, wenn er im Kreis seiner Familie ist. Noch wohnt Chima Onyeike im Hotel, doch demnächst sollen seine Frau Kim und die drei gemeinsamen Töchter Mali (10), Sarah (3) und Rosa (18 Monate) aus Amsterdam nachkommen. Das wird sein Wohlbefinden heben, doch perfekt ist sein Glück erst, wenn sich der VfB gerettet hat. Denn dann weiß er, dass auch er gute Arbeit geleistet hat.

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