Die Helfer bringen das Essen seit diesem Jahr an die Tische. Foto: Julia Schramm

Das Vesperkirchen-Team hat in diesem Jahr die Warteschlange an der Essensausgabe abgeschafft. Die Ehrenamtlichen bringen das Essen nun an die Tische. Die erste Bilanz ist positiv.

Stuttgart - Wer in die Vesperkirche kommt, hat in der Regel Hunger. Um die Mittagszeit war die Schlange vor der Essensausgabe deshalb immer sehr lang. Und die Stimmung oft nicht gut. Auch deshalb hat Gabriele Ehrmann, Leiterin der Stuttgarter Vesperkirche, dieses Jahr ein neues System eingeführt. Die Ehrenamtlichen bedienen die Gäste nun an ihren Tischen. Ihr erstes Fazit? „Das hat Ruhe in die Kirche hineingebracht“, sagt Ehrmann. „Davor hatten wir diese große, große Schlange, in der es häufig Rempeleien gab, manche ihren Ärger rausgelassen haben.“ Nun sei auch die Stimmung offener und die Besucher schätzten die neue Gastfreundschaft.

Er finde es gut, dass ihm das Essen nun an den Tisch gebracht werde, sagt ein älterer Herr knapp. Mehr Fragen könne er aber nicht beantworten, sagt er. „Ich habe genug eigene Fragen.“

Die Idee der Vesperkirche: einen gemeinsamen Treffpunkt schaffen

Seit 26 Jahren gibt es die Vesperkirche in Stuttgart. Der Diakoniepfarrer Martin Fritz hat das soziale Projekt im Jahr 1995 erstmals in der Leonhardskirche veranstaltet. Seitdem finden dort jedes Jahr von Ende Januar bis Anfang März Obdachlose, Bedürftige und Drogenkranke für sieben Wochen ein Zuhause auf Zeit. Es ging Fritz gar nicht so sehr darum, den Armen etwas zu Essen zu geben, sondern ein Gemeinschaftserlebnis – weil sie sonst oft nirgends dazu gehören.

Viele dort haben schwere Schicksale hinter sich, der Umgang ist deshalb nicht immer ganz einfach. Für manche ehrenamtliche Helfer ist dies auch mal eine Herausforderung. Auch ihr gingen viele Schicksale dort zu Herzen. „Manche unserer Ehrenamtlichen kennen die Lebenswirklichkeit unserer Gäste nicht“, sagt Gabriele Ehrmann. Für die sei manches schwerer zu ertragen. „Und viele unserer Gäste tragen zwangsläufig das Gefühl in sich, im Leben zu kurz gekommen zu sein.“ Deshalb versuche man immer wieder, die Abläufe zu verbessern, so wie nun mit dem Mittagessen. Ehrmann weist aber auf einen Unterschied hin: „Wir haben aber Gäste in der Kirche und Gäste vor der Kirche.“ Heißt: Es dürfe zwar jeder kommen, aber es gebe in der Kirche Regeln. Die durchzusetzen sei im letzten Jahr in der zweiten Hälfte der Vesperkirche sehr anstrengend gewesen, gibt sie zu. Dieses Jahr laufe es aber bislang besser.

Allzu „Dünnhäutig“ darf man als Helfer eher nicht sein

Kurt Klöpfer, Diakon bei der Evangelischen Kirche, hat das Gefühl, dieses Jahr sei dadurch die Essensausgabe tatsächlich vieles besser. Auch er hat das Gefühl, die Stimmung sei insgesamt deutlich ruhiger. Vielleicht helfe auch die soziale Kontrolle, wenn die Ehrenamtlichen durch die Reihen liefen. „Früher hatten wir ja schon mal den einen oder anderen der beim Essen vom Stuhl gefallen ist“, erinnert er sich. Einige Ehrenamtlichen seien anfangs dem neuen System skeptisch gegenübergestanden. „Aber nun läuft es gut“, sagt Klöpfer.

Auch Martin Mantzel, Chef des Putzteams der Vesperkirche, ist froh, dass mit Abschaffung der Schlange ein Konfliktherd weggefallen ist. „Da haben viele Ungeduldigen immer reingedrängelt, das gab oft Ärger.“ In der Vesperkirche träfe die komplette Bandbreite an Menschen aufeinander – und alles in einem Raum. Das sei natürlich manchmal schwierig. Positiv findet er deshalb, dass der Austausch und der Kontakt zwischen den Helfern und Besuchern nun auch größer ist. „Jetzt schwätzt man auch miteinander“, sagt Mantzel. Was ihn aber insgesamt besorgt, wie es eben manchen Gästen geht. Manche kämen zu ihm und sagen: „Herr Mantzel, ich bin seit zwanzig Jahren hier und habe nie den Sprung raus geschafft.“

Viele reden jetzt auch mehr miteinander

Und: „Inzwischen sind sehr viel mehr ältere, alleinstehende Damen hier.“ Viele hätten sich ihr Leben lang um die Familie gekümmert und stünden jetzt nur mit einer schmale Rente da.

Joachim Schlegel, 69, hilft seit sieben Jahren mit. Schon als Jugendlicher hatte er in seiner Stammkneipe in einer Kleinstadt mit Obdachlosen zu tun. „Das waren ganz zwanglose Begegnungen, interessant, aber auch lustig“, erzählt er. Schlegel engagiert sich zusätzlich in der Bewährungshilfe. Manche seiner Schützlinge von dort bringt er auch mal mit in die Vesperkirche. „Die reagieren dann etwas befremdlich. Aber ich will ihnen zeigen, wie das Leben laufen kann.“

Mit den Gästen der Vesperkirche kommt er gut klar, er sei „nicht dünnhäutig“: „Wenn mal einer schlechte Stimmung hat, versuche ich drüber zu stehen.“

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