In der Vesperkirche Foto: Horst Rudel

In der Stadtkirche finden Menschen von unterschiedlichem sozialem Stand zueinander.

Göppingen - Ein lautes Klappern und Klirren hallt von den hohen Kirchenwänden wider, als Wolfgang Baumung seinen Rollwagen mit benutztem Geschirr zur Spülmaschine ins Nebengebäude fährt. Der Leiter des Vereins „Haus Linde“, der Wohnungslose im Kreis Göppingen unterstützt, hat alle Hände voll zu tun. Bei der 24. Vesperkirche in Göppingen wird noch bis zum 17. Februar zwischen 11.30 und 13.30 Uhr täglich ein mehrgängiges Mittagessen angeboten. Durchschnittlich kommen 170 Besucher, die von rund 70 Helfern bewirtet werden. Gekocht wird in der Zentralküche der Wilhelmshilfe. Etwa 40 Prozent der Kosten für das Essen werden von den Gästen getragen, der Rest von Spendern.

Unter den Besuchern sind viele Alleinerziehende

Unter den Besuchern der Vesperkirche sind viele Senioren. „Altersarmut ist ein Thema“, sagt Baumung. Während bei einigen von ihnen das Geld knapp ist, steht für andere die Gemeinschaft im Vordergrund. „Man muss hier nicht allein essen.“ Eine weitere Gruppe, die das Angebot der Vesperkirche gerne annimmt, sind Alleinerziehende mit ihren Kindern.

Bezahlt werden sollten für das Menü mit Suppe, Kaffee und Kuchen mindestens zwei Euro. Wer mehr geben kann, darf dies gerne tun. Der Selbstkostenpreis für ein Essen liegt bei sechs bis sieben Euro. Eingeladen sind ausdrücklich nicht allein Menschen mit kleinem Geldbeutel. Die Vesperkirche soll ein Ort sein, an dem Menschen mit unterschiedlichen Lebensgeschichten, unterschiedlicher Herkunft und Religion sowie verschiedenen finanziellen Möglichkeiten an einem Tisch zu Mittag essen. „Der Großteil der Gäste ist kommunikativ“, berichtet Baumung. Wer sich nicht unterhalten wolle, werde aber auch in Ruhe gelassen, hebt der Sozialarbeiter hervor. „Manche Menschen schämen sich für ihre Armut“, erklärt er. In Göppingen gebe es zwischen zehn und zwanzig Obdachlose. Ferner gebe es rund 250 Wohnungslose im Landkreis. Das sind Menschen, die zwar irgendwo ein Dach über dem Kopf hätten, aber keine eigene Wohnung.

Besseres Verständnis für andere Lebenswelten

Die Organisatoren hoffen neben der handfesten Hilfe für Bedürftige am Jahresanfang auch für ein besseres Verständnis für andere Lebenswelten sorgen zu können. Auch nach vielen Jahren als Sozialarbeiter berühren Wolfgang Baumung die Lebensgeschichten der Menschen, die in Armut und am Rande der Gesellschaft leben, teils zu Tränen, wie er zugibt. Manche Schicksale, die Menschen in die Armut und in die Obdachlosigkeit treiben, sind auch für ihn kaum zu ertragen.

Missbrauch, der Verlust des Arbeitsplatzes oder eine Scheidung könnten einen sprichwörtlich aus der Bahn werfen, berichtet der Fachmann. Auch die Belastungen der heutigen Arbeitwelt ließen manche Menschen verzweifeln, beispielsweise wenn sich trotz einem Fachkräftemangel über Jahre befristete Arbeitsverträge mit Phasen der Arbeitslosigkeit abwechselten.

„Irgendwann geht es an die Substanz“, verdeutlicht Baumung. Es gebe zwar ein soziales Netz in Deutschland. Doch Hartz IV wird nur jenen Menschen ausbezahlt, die funktionieren, also Termine beim Amt wahrnehmen, Formulare ausfüllen und so weiter. Wer etwa aufgrund psychischer Probleme nicht mehr funktioniert, wie er es soll, fällt schnell durch das Raster.

Und selbst wenn Transferleistungen bezahlt werden, sind die finanziellen Möglichkeiten äußerst gering. Die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben mit Café-, Hallenbad- oder Kinobesuch sei mit rund 400 Euro im Monat nur schwer zu verwirklichen. Auch ein Restaurant ist mit diesem Budget kaum bezahlbar. In der Vesperkirche finden die Gäste deshalb zum kleinen Preis einen schön gedeckten Mittagstisch.

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