In der Domkirche zu St.Eberhardt werden die heiligen Öle verteilt. Foto: Lichtgut/Leif-H.Piechowski

Zu den liturgischen Ritualen der Karwoche gehört in der katholischen Kirche die Weihe der heiligen Öle. Sie wurden jetzt in St. Eberhard an die Boten der Gemeinden verteilt.

Stuttgart - Christian Hermes entledigt sich erst mal des kleinen Ornats, in dem er gerade in St. Eberhard die Vesper gefeiert hat. Wie leicht könnte ein Fettfleck dran kommen. Es sind die Flaschen mit grün schimmerndem Öl, die in der Sakristei aufgebaut sind und den Stadtdekan an solch ganz praktische Probleme denken lassen. „Es wäre nicht das erste Mal, dass eine Flasche umfällt“, sagt er. Dabei sollte doch kein Tropfen verloren ­gehen, denn die Öle in den Flaschen sind ­geweiht und damit heilig.

Nicht nur Papst Franziskus hat in Rom mit der Weihe von Öl und Ölzweigen die Karwoche eingeläutet, auch Gebhard Fürst, der Bischof der Diözese Stuttgart-Rottenburg, erfüllte in der Chrisammesse dieses Ritual. In St. Eberhard, der Stuttgarter Kon-Kathedrale, wurde die Kostbarkeit nun an die Boten der Stuttgarter Gemeinden verteilt.

Nichts darf durcheinanderkommen

Es ist die Stunde der Mesnerinnen und Mesner, die nach der Vesper geduldig in der Sakristei Schlange stehen, um Chrisam, Katechumenen- und Krankenöl abzuholen. Bis sie an der Reihe sind bei Ulrich Singer, dem Mesner von St. Eberhard, oder Hubertus Maier, dem Sprecher der Kirchendiener, die zuteilen. In kleinen Dosen, denn für 42 Gemeinden und zusätzlich 18 muttersprachliche Gemeinden müssen sechs Liter Öl reichen. Sorgfältig und mithilfe eines kleinen Trichters abgefüllt, teilweise in Apothekerfläschchen, aber meist in traditionelle Dosen aus Metall, die mit „Inf“, „Cat“ und „Chris“ genau gekennzeichnet sind. Damit nichts durcheinanderkommt beim Einfüllen.

In die Nase steigt ein Duft von Limonen

„Inf steht für Infermorum“, sagt Hermes, „es ist das Krankenöl. Reines Olivenöl, das dem Kranken Stärkung bringen soll und den Gedanken an Heilung aufrechterhält.“ Denn von der Letzten Ölung, bei der Kranke alle Hoffnung fahren ließen, spricht niemand mehr. Reines Olivenöl ohne Zusatz ist auch das Katechumenen-Öl (Cat), das Taufbewerber auf ihrem Weg zur Taufe bestärken und in der Abkehr von alten Gewohnheiten unterstützten soll. Für den Chrisam wurde dem Olivenöl traditionell Balsam beigemischt. Statt Balsam, erklärt Hermes, nehme man jetzt ätherische Öle, und lässt an der Chrisam-Flasche schnuppern: In die Nase steigt ein Duft von Limone, der in die Heimat des Öls versetzt: Es stammt aus Sizilien. 1-a- Qualität, bio und extra vergine, gepresst spätestens sechs Stunden nach der Ernte.

Christus bedeutet der Gesalbte

Mit Chrisam wurden und werden Kaiser und Könige, Propheten, Bischöfe, Priester und Diakone, Kirchen, Altäre und Glocken gesalbt. Aber es wird auch Täufling und Firmling zuteil, um die Aufnahme in die christliche Gemeinschaft zu unterstreichen. Denn Christus heißt nichts anderes als der Gesalbte. Und der geistliche Sinn der Beimischung bei Chrisam besteht darin, dass die Gesalbten den Wohlgeruch Christi, nämlich das Evangelium verbreiten wollen.

Vor dem dunkelvioletten Fastentuch, das die Mosaik-Abbildung von Christus, dem Triumphator, bis zur Auferstehung verhüllt, stimmt eine Vesper mit der Lesung aus Jesaia, „Der Herr hat mich gesalbt, ein Gnadenjahr des Herrn auszurufen“, auf die Verteilung der Öle ein. Wird es ein Jahr lang reichen? „Bestimmt“, versichert Mesnerin Tatjana Klindic der Gemeinde Maria Himmelfahrt in Degerloch. „Die Reste des Öls vom vergangenen Jahr werden im Osterfeuer verbrannt.“ Ein reinigendes Feuer. Kein vernichtendes: „Das Feuer von Notre-Dame hat auch die Gläubigen am Boden zerstört“, gedachte Hermes bei der Vesper der Katholiken in Frankreich.

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