Hannes Steim predigt von der Kanzel des Scheiterns vor jungem Publikum. Foto: Sascha Maier

Eine „Fuck Up Night“ im Fluxus sollte vor allem Start-ups Mut machen, auch mal auf die Nase zu fliegen. Die Referenten sind wieder aufgestanden, auch, nachdem Popstar-Träume ausgeträumt waren.

Stuttgart - "Kennen Sie Hannes Orange? Nein? Sie haben nichts verpasst, so geht es den Allermeisten.“ Denn bei der Band aus Stuttgart kam es schon mal vor, dass ein einziger zahlender Gast zu einem Gig kam, erzählt Hannes Steim, Gründer der Fluxus-Händlergemeinschaft in der Calwer Passage und, was nur wenige wissen, einst Frontmann des ziemlich erfolglosen und letztlich gescheiterten Bandprojekts Hannes Orange. „Wir haben mit Veranstaltern sogar schon um das Fahrgeld kickern müssen.“

Es hatte etwas von den peinlichen Momenten, die dann entstehen, wenn man gemeinsam in alten Fotoalben kruschtelt, was Steim und die anderen Referenten bei der „Fuck Up Night“, Teil der Vortragsreihe „Diagonal“, im temporären Aktionsraum gezeigt haben. Denn anstatt sich mit Erfolgen zu brüsten, haben Steim, Blickfang-Gründer Dieter Hofmann und Matthias Straub, Gründer des Aktfotografie-Magazins „The Opéra“ Geschichten vom Scheitern erzählt.

Falsch auf der Showbühne

Grässliche Songzeilen sind kein Garant für Misserfolg, lehren unzählige Beispiele. Doch wenn Hannes Orange in einem Videoeinspieler „Dein Kleid ist viel zu eng, Deine Schuhe sind viel zu hoch“ singen und dann in den Refrain „Komm mit mir mit, Baby!“ einstimmen, lässt sich erahnen, warum Hannes Steim als Unternehmer, der er heute ist, womöglich eine bessere Figur macht als auf der Showbühne.

Wahrscheinlich ist es auch eher Steims Verhandlungsgeschick zu verdanken, dass Hannes Orange – sehr kurz – bei einem Label unter Vertrag standen, das zur Bertelsmann Music Group gehörte, und das poppige Video sogar einige Wochen auf dem Musiksender MTV gespielt wurde. Doch, abgesehen vom Unterhaltungswert: was lernen aus solchen Misserfolgen?

Ratschläge zu Wirtschaftsthemen

Ein Blick ins Publikum zeigte vor allem junge Gesichter. Viele von ihnen Studenten der Hochschule der Medien, wie sich herausstellte, als auch Steim erzählte, dass er während seiner Hannes-Orange-Zeit dort studierte und seine Diplomarbeit schrieb: „Sie handelte von dem Bandprojekt. Und da wurde mir erst bewusst, wie unwirtschaftlich all das war.“

Bei dem bewusst kreativen Chic in den Zuschauerreihen war nicht schwer zu erraten, dass viele selbst in der Gründerszene aktiv sind – oder zumindest damit liebäugeln. Im Nachgang der launigen Vorträge zeigten die Fragerunden auch durchaus eine ernste Komponente und gaben Ratschläge zu wirtschaftlichen Themen, die eine Rolle beim Weg in die Selbstständigkeit spielen.

Brutto und Netto verwechselt

Das wurde auch bei Dieter Hofmann deutlich, der die Designmesse Blickfang veranstaltet. Seine Geschichte – in der Gründungszeit einen Mitarbeiter zu beschäftigen, der ein halbes Jahr zwar auf Geschäftskosten auf Reisen ging, aber nicht ein geschäftliches Gespräch geführt hatte – hatte etwas weniger Unterhaltungswert.

Doch auch hier lauschten die Zuhörer aufmerksam, als Hofmann darüber erzählte, wie steinig der Weg zum Erfolg war: Unzuverlässiges Personal, Schulden, ziemlich beknackte, aber vielleicht gar nicht so wenig verbreitete Anfängerfehler: „Wir haben anfangs Brutto und Netto verwechselt.“ Hofmann versucht Mut zu machen: „In großen Misserfolgen kann der Samen für eine gute Sache liegen.“ Heute gibt es die Blickfang seit 25 Jahren, das Unternehmen beschäftigt 20 Mitarbeiter.

Und außerdem ist Scheitern immer noch eine Frage der Perspektive. Denn auch wenn kaum jemand Hannes Orange kennt: „Viele Loser mit Gitarre haben es nicht bis zu MTV geschafft.“

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