Alle wichtigen Kreuzungen im Blick: In der Verkehrsleitzentrale wird der Straßenverkehr in Stuttgart überwacht und gesteuert. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Die Verkehrsleitzentrale gibt aktuelle Verkehrsinfos zur Lage in Stuttgart und der Region auch digital weiter. Doch die Navis nehmen die Empfehlungen häufig nicht an. Das hat gravierende Folgen.

Stuttgart - Da bleiben die Navigationsgeräte stur: Die Verkehrsmeldungen im Radio mögen noch so betonen, dass das Parkhaus der Wilhelma wegen Überfüllung geschlossen ist und dass es Alternativen gibt – einmal gespeichert, beharrt der digitale Fährtenleser auf der Adresse in der Neckartalstraße als Zielort. Warum ist das so? Und was kann dagegen getan werden?

Großveranstaltungen

Ähnlich verhält es sich bei Großveranstaltungen im Stadion, in der Schleyerhalle oder auf dem Wasen: Der einzige Weg der Navigationsgeräte dahin führt für alle über die Gaisburger Brücke. Dabei gibt es schon längst eine Alternative für jene, die von Esslingen kommen sowie rechts vom Neckar, also etwa aus dem Remstal: Zum Parken auf dem Wasen könnten und sollten sie den Autotunnel unter der Mercedesstraße nehmen. Doch die Navis kennen diesen Weg nicht und sorgen mit ihrem sturen Blick auf die Gaisburger Brücke für ein Verkehrschaos, das häufig kilometerweit über den Knotenpunkt am Gaskessel hinausreicht.

Verkehrsleitzentrale

Ralf Thomas kennt sich mit dem Stuttgarter Verkehr bestens aus. Der Leiter der Integrierten Verkehrsleitzentrale ist der Herr über 818 Ampelanlagen auf Stuttgarter Gemarkung, 430 Kameras und unzählige Kontaktschleifen in den Straßen. Mit 22 Mitarbeitern überwacht und steuert er den Verkehr in Stuttgart an zahlreichen Monitoren.

Berufsverkehr

Dort wird nicht nur die Verkehrslage bei besonderen Situationen gesteuert – etwa beim Ansturm auf Wilhelma oder Neckarpark. Auch die Alltagsprobleme wie tägliche Staus im Berufsverkehr sind im Blick. Dazu gehören die kilometerlangen Kolonnen auf der A 8 rund um Stuttgart, insbesondere auf den Fildern, die viele dazu verleiten, den Weg durch Vaihingen und Möhringen zu nehmen. „So ein Stau ist nervig“, weiß Thomas, „aber für die Fahrt durch die Stadtteile gilt das noch mehr. Und wenn dort die Straßen verstopft sind, trifft es noch jene, die mit der Autobahn gar nichts zu tun haben.“ Und bis sich das Verkehrschaos in den Stadtteilen aufgelöst hat, ist das auf der Autobahn oft schon behoben.

Verkehrsbehörde

Für solch grundlegende Verkehrslenkungen gibt es die Verkehrsbehörde. Was diese will, steht auf den Hinweisschildern entlang der Straßen. So ist der Weg zwischen Innenstadt und B 14 Richtung Remstal und B 10 nach Esslingen und weiterführend über Neckartor und Schwanenplatz-Tunnel ausgeschildert. Der kürzere Weg führt da freilich durch den Wagenburgtunnel und die Talstraße. Diese Beschilderung ist aber auch so gewählt, damit der Osten weniger Durchgangsverkehr hat. Als „Belohnung“ für den längeren Weg winken überwiegend drei Fahrspuren pro Richtung und wenig Ampeln, der Weg durch den Osten dagegen ist voller Hindernisse mit jeweils nur einer Fahrspur, Tempolimit und drei Ampeln, bei denen Stadtbahn und Busse vorfahrtsberechtigt grünes Licht bekommen. Dennoch: Wenn nicht gerade ein größerer Stau ist, lotsen die Navis die Autofahrer durch den Osten.

Navigationsgeräte

„Wir steuern den Verkehr generell“, erklärt Thomas den Unterschied, „Navis agieren aber individuell“. Und je nach Hersteller haben sie eigene Entscheidungskriterien entsprechend den Besonderheiten, mit denen sie beworben werden. Das heißt: Navis verschiedener Marken reagieren auf die gleiche Verkehrssituation bei identischer Start- und Zieleingabe durchaus mit unterschiedlichen Routenvorschlägen. Und diese sogenannten Algorithmen müssen nicht immer der Logik der Fachkompetenz vor Ort entsprechen. Das beginnt schon damit, dass die Navis einen Stau erst dann als solchen erkennen, wenn er bereits vorhanden ist, wenn also viele Navi-Nutzer bereits Teil des Staus sind, der ja eigentlich umfahren werden sollte.

Harmonisierung

Dass die Ziele der Navi-Betreiber und der Verkehrsleitzentrale harmonieren können zum Nutzen der Allgemeinheit, zeigte das Projekt Navigar, das speziell vor drei Jahren für Stuttgart konzipiert und durchgeführt wurde. Das Resultat: Die 300 Probanden haben in der Sechs-Monats-Testphase die optimierten Empfehlungen gerne angenommen. Sie haben etwa auf der Route Innenstadt-B ­10/B 14 die geringen Zeitvorteile des längeren Wegs erkannt und so im Osten zur Stauvermeidung beigetragen. Damit dies möglich ist, braucht es viel digitale Feinarbeit. Und bei allem schon erreichten Erfolg: Das ist nur ein bescheidener Anfang. Denn mit Stuttgarter Lösungen ist es da nicht getan, alle bekannten Navi-Hersteller vertreiben schließlich ihre Geräte deutschland-, europa- und sogar weltweit. Und darauf sind deren Programme ausgelegt. Das bedeutet: Wenn die städtischen Verkehrslenker die Navis zum allgemeinen Nutzen optimieren wollen, müssen sie Standards entwickeln, die in anderen Städten genauso funktionieren wie hier. Da ist noch sehr viel zu tun.

Vernetzung

Die Verkehrsleitzentralen haben auch noch eine andere Kundschaft: den öffentlichen Personennahverkehr. Gerade wenn im Autoverkehr nur noch wenig geht, werden Busse und Bahnen umso wichtiger. Und da kommen dann wieder Navis ins Spiel: Der Blick nach vorne in Sachen Mobilität zeigt deutlich, dass es mit der Wahl eines einzigen Verkehrsmittels nicht mehr getan ist, um von A nach B zu kommen. Mobilität von morgen bedeutet die Kombination von mehreren Verkehrsmitteln. Dazu müssen die Daten über Fahrzeiten und -strecken aber aktuell und präzis sein. Davon sind die digitalen Angebote jedoch noch weit entfernt.

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