So sehen die Flex-Busse, im engeren Sinn höchstens Kleinbusse, aus. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Seit 1. August können die individuellen Flex-Busse der Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) per App – bis auf wenige Flecken in Industriegebieten – vom gesamten Stadtgebiet aus gerufen werden. Sie fahren am Wochenende bis 4 Uhr.

Stuttgart - Es hat etwas Spielerisches, wie sich das gelbe Rechteck über die Landkarte von Stuttgart-Vaihingen schiebt. Noch eine Kurve - und dann stopp. „Hier müsste er nun auf uns warten“, sagt Dietmar Fillinger, Fachbereichsleiter IT Organisation und Anwendungen bei der Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB). Er hat die Straßenbahnschienen überquert und ist in ein ruhiges Seitensträßchen eingebogen, so wie ihn das Display seines Smartphone angeleitet hat. „Da steht er auch schon!“ Zufrieden blickt er auf den realen gelb-weißen Kleinbus, der just noch das virtuelle Rechteck auf dem Mobiltelefon war.

Nicht, dass Fillinger etwas anderes erwartet hätte. Aber die App, mit der er den Bus zuvor rief, wurde überarbeitet – seit einem Tag ist sie einsatzbereit für das gesamte Stadtgebiet Stuttgart. Seit seinem Start am 1. Juni 2018 war das Angebot SSB Flex, mit individuell anzufordernden Kleinbussen von A nach B zu kommen, auf Bad Cannstatt und Degerloch begrenzt. Und davor hatte Daimler-Tochter Moovel, der Kooperationspartner bietet der SSB die Software-Plattform, an drei Wochentagen kostenlos den Fahrdienst getestet. Das trug genug Erfahrungen zusammen, um nun loszulegen, betont Fillinger, der das Projekt leitet.

Im ersten Betriebsjahr habe sich gezeigt, dass die Flex-Busse vor allem in den Abendstunden unterwegs waren. Tagsüber betrug die Nachfrage lediglich sieben bis zehn Prozent der Gesamtfahrten. Daher sollen nun die 13 Flex-Busse, es handelt sich um Mercedes V-Klassen sowie zwei elektrische B-Klassen mit je fünf Sitzen, sonntags bis donnerstags von 18 bis 2 Uhr und freitags bis samstags von 18 bis 4 Uhr fahren. SSB Flex funktioniert wie Sammeltaxis mit Liniengenehmigung nach dem Personenbeförderungsgesetz. Letzteres sei bisher einzigartig in Deutschland, erklärt Fillinger, die „RideSharing-„ oder „On demand bus“-Angebote in anderen Städten, etwa in Berlin der BerlKönig, myBus in Duisburg oder der IsarTiger in München, liefen noch im Testmodus.

5000 Haltepunkte im Stadtgebiet

In der Landeshauptstadt lenkten die Busse zunächst Busfahrer des städtischen Nahverkehrsbetrieb, nun sind es – weil die eigenen Mitarbeiter den regulären Busverkehr abdecken – viele Studierende, insbesondere am Wochenende.

Wie Christian Dell, der die V-Klasse an diesem frühen Abend nach Vaihingen navigiert hat. Der Architekturstudent ist seit Mai Fahrer im Nebenjob. „Es macht Spaß“, bekennt er. Nette Leute und manch’ spannendes Gespräch habe er bereits erlebt. An den Wochenenden werde er eher zu den späteren Stunden angefordert. „Aber jeder Abend ist anders.“

Auf den ersten Kilometern Richtung Degerloch geht es ruhig zu. Doch kurz vor dem Aussteigen in der Epplestraße macht es „pling“. „Ein anderer Kunde fordert an“, erläutert Fillinger, der auf seinem Laptop zeigt, wie die Leitstelle auf das Geschehen blickt. „Die Fahrzeuge mit den weißen Punkten sind mit Fahrgästen unterwegs, die blauen Punkte sind Haltepunkte – über 5000 sind im Stadtgebiet hinterlegt.“

Algorithmus soll lernen

Die werden aktiviert, wenn die Kunden in die App ihren Standort und ihr Ziel eingeben und wie viele Personen mitfahren. Die Software berechnet dann, wie die verschiedenen Fahrwünsche zu einer möglichst effizienten Strecke gebündelt werden. „Maximale Transparenz ist essenziell“, so Fillinger. Er zeigt auf sein Handy-Display: Es erscheint nicht nur das Angebot des Flex-Busses samt Weg zum nächsten Haltepunkt, der nicht weiter als 200 Meter entfernt liegen sollte, sondern auch das der anderen ÖPNV-Verkehrsmittels.

Der Preis des Flex-Busses wird nach Strecke berechnet: Möhringen – Degerloch gibt die App, die auf Smartphones mit Android oder Apple funktioniert, mit etwas mehr als elf Euro an – insgesamt für drei Personen. Die Straßenbahn liegt unter drei Euro. Hat der Kunde bereits ein Abo wird SSB Flex günstiger. „Der Flex-Bus kostet etwas mehr, er ist auch individueller und komfortabler“, so Fillinger. Bezahlt wird – übersichtlich und einfach ¬– per Fingerdruck aufs Handy. Kaum angekommen ist schon die Abrechnung da. Für Unter-18-Jährige wurde ein Prepaid-System hinterlegt.

Apropos, da SSB Flex – anders als übliche Linienbusse – über jene Haltepunkte fährt, an denen sie angefordert wurden, fallen Umwege an. Die Fahrzeit soll sich dadurch maximal um zehn Minuten verlängern, so Fillinger. „Es ist ein Lernprozess. Wir sind auch auf die Rückmeldung der Kunden angewiesen, wie viel Umwegzeit sie gewillt sind in Kauf zu nehmen.“ Er bittet Dell, die Kunden zum Feedback anzuregen. Lernen soll auch der Algorithmus der Software, ergänzt er. Etwa wie sich die Flex Busse über das Stadtgebiet am kundengerechtesten verteilen. „Er registriert, wo am meisten zu welcher Zeit angefordert wird.“

Vorteile gegenüber dem Ruftaxi

Insgesamt wolle man so Lücken in der Bus- und Bahnbedienung schließen. Aber auch mit Moovel längerfristig vernetzte und multimodale Mobilität erproben, in die künftig womöglich selbstfahrenden Autos auch durch andere Anbieter eingebunden werden. „Es geht nicht darum, mit SSB Flex neue Konkurrenz aufzubauen, sondern eine weitere nachhaltigere Form der Mobilität durch ,Pooling’ anzubieten, indem sich mehrere Personen ein Fahrzeug teilen“, so Fillinger. „Das kann für Berufstätige genauso interessant sein wie für jene, die am späteren Abend heimkehren.“ Herauskristallisiert habe sich indes bei Kundenbefragungen, dass die App nicht per se eine Alterssache sei, indes vor allem jene interessant, die offen für neue technische Möglichkeiten seien. „Das funktioniert so nur mit dem Smartphone“, so Fillinger. „Mit einem Anruf à la Ruftaxi würde das nicht gehen.“

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