Das Westportal Foto: factum/Granville

Die Darmsheimer Nordumfahrung entlastet den Ortskern und die Anwohner enorm. Davon profitieren auch die Pendler, die zur Firma Daimler wollen: Es gibt so gut wie keine Staus mehr. Dennoch wird vereinzelt Kritik laut – wegen des Lärms.

Sindelfingen - Hasso Bubolz war ein Mann der ersten Stunde. Er gilt als der Vater der Zählungen mit einer Anzeigentafel an der Döffinger Straße Sindelfingen-Darmsheim. „Für den meisten Verkehr sorgten die Beschäftigten der Firma Daimler. Sie machten sich im Betrieb einen Spaß daraus, wenn sie sich gegenseitig fragten: ‚Der wievielte warst du heute‘?“, sagt der 69 Jahre alte Darmsheimer. Diese Zeiten sind seit der Tunneleröffnung im Mai vorbei. Die Blechlawine mit bis zu 15 000 Fahrzeugen in Richtung Sindelfingen wälzt sich nicht mehr durch den Ortskern und nach Schichtende bei Daimler nicht mehr zurück. Dafür passiert etwa eine gleiche Anzahl der Pendler die Röhre der Darmsheimer Nordumfahrung – ein paar wenigen Einwohnern ist das aber auch nicht recht. Sie klagen über eine neue Lärmbelästigung am Westportal des Tunnels.

Hinter dem Tunnelportal geben die Fahrer Gas

Allen voran Heiner Stopper und Johannes Ries. Sie taten ihren Unmut in der jüngsten Ortschaftsratssitzung kund. Ries bemängelte, dass er früher bei offenem Fenster habe schlafen können. Nun werde er frühmorgens vom Verkehrslärm geweckt. „Je nach den Windverhältnissen kann es schon sein, dass Autogeräusche stören können“, sagt Hasso Bubolz. Besonders eben am Westportal. Vor allem dann, wenn die Fahrer nach der Durchquerung des Tunnels aufs Gaspedal treten. In der Röhre selbst gilt Tempo 60.

„Es wird immer welche geben, die meckern“, meint Bubolz. Derselben Auffassung ist der Ortsvorsteher Martin Lambert. Die beiden Bürger seien bisher die einzigen gewesen, die sich öffentlich zu Wort gemeldet hätten. Das Lärmempfinden sei bei jedem anders, sagt Lambert. Früher habe es weithin vernehmbar ein gleichmäßiges Rauschen gegeben, ergänzt Bubolz. Das Mitglied der Freien Wähler hält es durchaus für möglich, dass selbst Einwohner von Darmsheim, die mehr als einen Kilometer entfernt wohnen, den Autolärm vor den Tunnelportalen hören. Auch wenn zu ihm bisher keine weiteren Beschwerden durchgedrungen seien, nimmt sie Lambert ernst. Er möchte den Lärm messen: „Dann sehen wir, wie es sich damit verhält.“

Der Ortskern kann jetzt neu geplant werden

„Wir haben jahrzehntelang für die Umfahrung gekämpft“, unterstreicht Bubolz, der eine Bürgerinitiative mitbegründet hatte. Tausend Bürger hatten bereits im Jahr 2007 mit einer Traktorendemonstration auf der Landesstraße auf ihr Anliegen aufmerksam gemacht. Die Bürgerinitiative Nordumfahrung verfasste auch eine Petition an den Landtag. „Wir sind froh, dass wir endlich am Ziel sind“, betont Bubolz, „mit der Umfahrung fließt der Verkehr sagenhaft ab.“ Der 69-Jährige kann sich noch gut daran erinnern, dass man zu den Stoßzeiten nicht über die Döffinger Straße kam: „Dort ist es jetzt ruhig geworden.“ Auch die Ampelschaltung unweit des jetzigen Tunnels sei inzwischen okay. Früher habe er in einer Kolonne mitunter mehr als zehn Minuten warten müssen. Nun dauere es oft nicht einmal eine Minute, bis man durchkomme, erklärt Bubolz.

Das geringere Verkehrsaufkommen bietet Darmsheim neue Möglichkeiten. „Wir arbeiten an der weiteren Ortskernentwicklung“, sagt der Ortsvorsteher Lambert. Der Dorfplatz ist bereits neu gestaltet worden. Es gebe jede Menge erhaltenswerte Bausubstanz, eine Sanierung der Häuser erscheine nun in einem völlig neuen Licht. Auch der Bereich an der historischen Mühle am Ortseingang könnte aufgewertet werden. „Das Nadelöhr der Döffinger Straße“, bilanziert Bubolz, „ist Vergangenheit.“

Land zahlte 32 Millionen Euro

Bauwerk
: Das Kernstück der 1,4 Kilometer langen Nordumfahrung mit neuen Straßenanschlüssen im Osten und Westen ist der 460 Meter lange Tunnel mit einem Fluchtstollen. Die Fahrspuren sind 3,75 Meter breit (eine in jede Richtung). Die Arbeiten waren kompliziert, weil der Tunnel einen Höhenunterschied von 14 Metern hat und sich die Fahrbahn im Wechsel um bis zu sechs Grad nach rechts und links neigt. Die Bauzeit betrug drei Jahre.

Baukosten:
Der erste Spatenstich war im Juni 2010. Danach verhängte das Land einen Baustopp, weil es Etatprobleme gab. Die Kosten hatten 2008 noch bei 15 Millionen Euro gelegen, später waren die Planer von 28 Millionen Euro ausgegangen. Zuletzt kostete das Vorhaben rund 32 Millionen Euro – darin sind die Umfahrung und der Tunnel enthalten. Das Land trug die Kosten, weil es sich um eine Landesstraße handelt.

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