Aus dem Partyfloß wird im neuen Jahr eine fahrende Weinlaube mit dem Namen Neckarbesen. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth/privat

Die Cannstatter Schiffsflotte stand vorm Aus. Jetzt hat Wolfgang Thie, seit 1997 Chef des Neckar-Käpt’n, Käufer gefunden, die mit Ideen für Events durchstarten. Im Retro-Stil soll’s 2020 aufwärts gehen. Motto: Stuttgart feiert auf dem Neckar.

Stuttgart - Die Frau des Cannstatter Kies- und Tiefbauunternehmers Karl Epple, der von 1893 bis 1961 gelebt hat, hieß Berta Epple. Ihr Name ist bis heute am Neckar präsent und weckt Kindheitserinnerungen. Eines der berühmtesten Ausflugsschiffe ist auf Berta Epple getauft worden – und auch die Musiker der ehemaligen Formation Tango Five nennen sich heute so. Dem Ehepaar Epple ist es zu verdanken, dass Rundfahrten auf dem Neckar überhaupt möglich wurden.

Als Stuttgart Ende der 1950er dank Wangen zur Hafenstadt werden sollte, machten die Epples so lange Druck, bis sich ihr Traum erfüllte, den Neckar für Ausflüge zu nutzen. Bis dahin fuhren nur Frachtschiffe auf dem Fluss. Zwischen Stuttgart und Heilbronn wurden – mithilfe etlicher Gemeinden – 15 Anlegestellen eingerichtet. 1956 ist die Firma Neckar-Personenschifffahrt Berta Epple gegründet worden. Am 7. März 1957 taufte Yvonne Klett, die Ehefrau des Stuttgarter OB Arnulf Klett, die beiden ersten Schwesterschiffe auf Dorothea Epple und Stuttgart. Am 31. März 1958 hat Bundespräsident Theodor Heuss den Hafen eröffnet.

Aus den Plänen zur Neckaraufwertung wurde bisher nicht viel

Schon in den 1950ern hieß es, die Stadt mache zu wenig aus ihrem Gewässer. 2015 hat OB Fritz Kuhn (Grüne) einen Masterplan für die Entwicklung des Neckars angekündigt. Der Fluss sollte an Aufenthaltsqualität gewinnen. Es blieb aber bei schönen Versprechungen. Stuttgart mit seinem Neckar zu versöhnen und die Stadt näher an ihn zu rücken – davon ist noch wenig zu spüren. Ganz im Gegenteil.

Im April dieses Jahres hatte Wolfgang Thie, der langjährige Chef des Neckar-Käpt’n, Alarm geschlagen und damit gedroht, seinen Betriebssitz nach Marbach zu verlegen. Denn die Stadt lasse ihn im Stich. Die schlechte Baustellensituation am Neckarufer in Bad Cannstatt und die aus seiner Sicht zähe Zusammenarbeit mit der Rathausverwaltung hatten den gebürtigen Hanseaten, der 1997 mit seiner Frau die Flotte übernommen hatte, verärgert.

„Die Zukunft ist gesichert“, freut sich der Neckar-Käpt’n Thie

Sein Verlust, sagte er damals, hätte zuletzt bei 50 000 bis 70 000 Euro pro Jahr gelegen. Jetzt kann Thie aufatmen. Er hat sein Unternehmen verkauft und glaubt, dass es künftig in guten Händen ist. „Die Zukunft ist gesichert“, sagt er gegenüber unserer Zeitung. Die Macher des Maultaschenproduzenten Herr Kächele sind nun die Eigentümer. Anfang 2020 soll’s offiziell unter neuer Regie losgehen.

Der 63-jährige Wolfgang Thie wird weiterhin als Berater und Schiffsexperte dabei, aber nicht mehr selbst an Bord sein. Auch das Risiko, erneut rote Zahlen zu schreiben, ist er los. Neuer Geschäftsführer der Firma, die den alten Namen Neckar-Personenschifffahrt Berta Epple annimmt, wird Michael Conz, der langjährige und ausgeschiedene Stadtrat der FDP.

Jens Caspar, der Chef von Herr Kächele, sagt, ein Kindheitstraum von ihm erfülle sich nun. Als gebürtiger Cannstatter sei er oft mit seiner Großmutter auf dem Neckar gefahren. Das Marketing will er erneuern und verstärken, die Schiffe im Retrostil der 1960er mit moderner Medien- und Küchentechnik umbauen, mit einem neuen Stromgenerator den Ausstoß der Schadstoffe deutlich verringern. Motto: Stuttgart feiert auf dem Neckar. „Künftig wird wieder die Marke Berta Epple verwendet – statt wie die letzten 21 Jahre Neckar-Käpt’n“, sagt er unserer Zeitung.

Aus dem Partyfloß wird der Neckarbesen

Die MS Wilhelma (für maximal 300 Personen) soll einen gestrafften Fahrplan nach Marbach erhalten und vor allem zur „grandiosen Eventlocation“ werden, „bestens für Feiern und Seminare geeignet“. Das bisherige Partyfloß soll zum „Neckarbesen“ werden, zu einer fahrenden Weinlaube. Die neuen Besitzer wollen die MS Bad Cannstatt nicht mehr bewegen, sondern umbauen und danach darauf acht Appartements tageweise vermieten, geplant sind 80 Euro pro Nacht. Die Tickets für die weiterhin fahrende MS Wilhelma und den künftigen Neckarbesen werden online erhältlich sein, sie müssen nicht mehr an der Anlegestelle gekauft werden. Die Werbemittel und den Auftritt werde man im Stil der 1960er gestalten. „Es wird Restaurantabende, Comedyvorstellungen, Events geben“, sagt der Chef von Herr Kächele, „das Catering wird traditionell schwäbisch sein, hochwertig, Fleisch aus artgerechter Tierhaltung, ohne Chemie.“

Die neuen Besitzer sind gerade dabei, Partner zu finden, waren etwa beim VfB Stuttgart und bei in.Stuttgart. „Überall stoßen wir auf Zustimmung“, sagt der Inhaber der schwäbischen Imbisskette, „oft hören wir, dass die Stadt den Neckar nicht länger vernachlässigen darf.“

Die neuen Besitzer setzen auf Expansion

Bisher hatte Susanne Thie, die Ehefrau des langjährigen Besitzers, die Gastronomie auf den Schiffen betrieben. Im nächsten Jahr wird sie die Bewirtung an Herr Kächele übergeben. Noch etwa zwei Jahre will ihr Mann als Berater des Schifffahrtsunternehmens zur Verfügung stehen, sich dann aber endgültig zurückziehen.

Waren das Zeiten, als sich pro Saison rund 200 000 Menschen von den Linienschiffen schippern ließen! Die Spitzenbilanz der 1970er ebbte immer weiter ab. Das Freizeitverhalten hat sich verändert. Vor Weihnachten hat Neckar-Käpt’n Thie noch freie Plätze auf seinem Schiff. Seine Nachfolger setzen dank eines modernen Marketings, neuen Fahrplänen und neuen Ideen auf Expansion. Sie wollen ein weiteres Schiff einsetzen. Aus dem Plan, die Berta Epple von der Seine zurückzuholen, ist bisher nichts geworden. Das begehrte Schiff war vor einem Jahr innerhalb von Paris an neue Rundfahrtanbieter verkauft worden, die sich nicht von ihm trennen wollen. Die neuen Chefs in Stuttgart geben trotzdem nicht auf.

Vielleicht wäre die 1965 verstorbene Berta Epple ein wenig stolz, bis in die französische Stadt der Liebe aufgestiegen zu sein. Da ihre Erben in der Schifffahrtsfirma ihren Namen groß herausbringen wollen, wird die berühmte Berta Epple auch in der Heimat geehrt. Ein guter Name war schon immer was wert.

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