Immer mehr Hochbetagte fahren auch Auto. Bisher gibt es keine Tests für sie. Foto: dpa

Die Zahl hochbetagter Autofahrer nimmt zu und damit auch das Risiko, dass sie Unfälle verursachen. Die Politik muss dies endlich erkennen und den Fuß von der Bremse nehmen, wenn es um zusätzliche Tests für Senioren geht, findet unser Autor Eberhard Wein.

Bad Säckingen - Es sind ausgerechnet die Opfer, die an der Sinnhaftigkeit des Bad Säckinger Prozesses so ihre Zweifel haben. „Es war doch ein Unfall“, sagt eine Frau im Zeugenstand des Bad Säckinger Amtsgerichts. An jenem Samstag vor einem Jahr saß sie in der Fußgängerzone der Kleinstadt am Hochrhein in der Sonne und wäre fast zum dritten Todesopfer geworden, als ein 85-jähriger Mann mit dem Fuß von der Bremse aufs Gaspedal rutschte und unkontrolliert mit seinem Automatikwagen durch die Gasse raste.

Viele, die damals teils schwerste Verletzungen davontrugen, bringen dem Mann, der an allem schuld ist, kaum Wut, sondern vor allem Mitleid entgegen. Das hat Gründe. Zum einen hat schon jeder beim Autofahren kleine Fehler gemacht, die vielleicht nur nicht so fatale Folgen hatten. Vor allem aber dürften viele bei der Gretchenfrage stutzen: Werde ich es denn selbst rechtzeitig erkennen, wenn ich aus Altersgründen nicht mehr hinters Steuer sollte?

Das eigene Auto garantiert im Alter Unabhängigkeit und Flexibilität. Dies bringt Lebensqualität und wirkt auch lebensverlängernd. Deshalb fällt der Abschied vom eigenen Autoschlüssel vielen genauso schwer wie der Auszug aus den eigenen vier Wänden.

Die wachsende Zahl hochbetagter Autofahrer sei offenbar ein gesellschaftlich akzeptiertes­ Risiko, sagt der Anwalt eines Nebenklägers. Doch seine Forderung nach einem harten Urteil, um an einem alten Mann ein Exempel zu statuieren, geht fehl. Um hochbetagte Autofahrer zur Einsicht zu bringen, braucht es wohl keine zusätz­liche Abschreckung. Vielmehr müssen die Verkehrspolitiker endlich den Fuß von der Bremse nehmen, wenn es um Hilfestellungen geht, wie Senioren ihre Fahrtüchtigkeit besser einschätzen können. Viele Nachbarländer haben mit dem sanften Druck turnusgemäßer Tests gute Erfahrungen gemacht. Das Strafrecht, das haben viele der damaligen Opfer verstanden, ist nämlich ungeeignet, um das Problem zu lösen.

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