Sofort 112 wählen: Nach einem Schlaganfall, auch Hirninfarkt genannt, zählt jede Minute. Foto: dpa

Ein erheblicher Anteil der Schlaganfälle betrifft heute schon Menschen unter 55. Diese Zahl steigt seit Jahren. Die Gründe liegen in der Lebensweise. Aber es gibt noch andere Ursachen.

Stuttgart - Schlagartig verspürte Dirk H. ein Unwohlsein. Er saß an seinem Schreibtisch im Büro und wusste nicht, was los war. Der 40-Jährige hatte keine Schmerzen, er spürte nur ein Kribbeln im linken Arm, der sich zudem nicht so recht bewegen ließ. Seine Kollegin bemerkte, dass sein Gesicht ganz schief war, Wange und Mund hingen auf einer Seite herab. Beim Schlaganfall ihrer Mutter hatte sie die gleichen Symptome gesehen und wusste daher, was zu tun ist. Der sofort gerufene Krankenwagen brachte Dirk H. auf die Schlaganfallspezialstation (Stroke Unit) eines Krankenhauses, wo man auch bei ihm einen Hirninfarkt diagnostizierte und schnell mit der Akutbehandlung begann.

Die weit verbreitete Meinung, ein Schlaganfall trete nur bei Älteren auf, stimmt so nicht. „Ein erheblicher Anteil der Schlaganfälle betrifft Menschen unter 50 beziehungsweise 55 Jahren“, erklärt Wolf-Rüdiger Schäbitz, Chefarzt der Klinik für Neurologie am Evangelischen Krankenhaus Bielefeld-Bethel und Pressesprecher der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft. „Man spricht hier von juvenilen Schlaganfällen.“ Meldungen aus den USA weisen darauf hin, dass die Zahl der jungen Schlaganfall-Patienten seit 20 Jahren kontinuierlich steigt.

Ein Schlaganfall wird durch eine Durchblutungsstörung im Gehirn hervorgerufen

In Deutschland sind jährlich rund 30 000 Menschen davon betroffen. Sie stehen mitten im Berufsleben, planen ihre Karriere oder gründen eine Familie. Die Auswirkungen sind gravierend, denn häufig leiden die Betroffenen anschließend an chronischen Problemen wie Lähmungen und Sprachstörungen. Ungefähr 33 Prozent der Patienten bleiben nach einem juvenilen Schlaganfall dauerhaft arbeitsunfähig, 27 Prozent der Betroffenen wechseln die Arbeit und nur rund 40 Prozent können an den ursprünglichen Arbeitsplatz zurückkehren – oft nach langer Rehabilitationszeit.

Ein Schlaganfall – egal ob bei Jung oder Alt – wird durch eine plötzlich auftretende Durchblutungsstörung im Gehirn hervorgerufen. Eine Ausnahme stellen die Fälle dar, bei denen es zu einer Blutung im Gehirn kommt. Meist verstopft ein Blutgerinnsel eine Arterie im Gehirn beziehungsweise am Hals oder ein Blutgefäß wird aufgrund von Ablagerungen oder Wandbeschädigungen so verengt, dass kein Blut mehr hindurchströmen kann. Durch die Blockade des Blutflusses wird die dahinterliegende Hirnregion nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff und anderen Nährstoffen versorgt: Sie nimmt Schaden oder stirbt sogar ab.

„Dies äußert sich mit neurologischen Symptomen, die ganz plötzlich auftreten“, erläutert Schäbitz, „so zum Beispiel mit halbseitigen Lähmungen der Gesichtsmuskulatur oder einem eingeschränkten Gesichtsfeld.“ Wird der Schlaganfall gleich erkannt und der Patient schnell in ein Krankenhaus eingeliefert, können die Ärzte mit verschiedenen Methoden den Blutdurchfluss wieder herstellen und so Schlimmeres verhindern.

Schon ein Hustenanfall kann bei Jüngeren zum Schlaganfall führen

Die Ursachen für einen juvenilen Schlaganfall sind prinzipiell die gleichen wie bei dem älterer Patienten, sie sind aber anders gewichtet. Im Gegensatz zum klassischen Schlaganfall haben sogenannte Gefäßdissektionen einen recht großen Anteil. Dabei reißt die innere Gefäßwand auf, was zu Einblutungen zwischen den Wandschichten führt. Auslöser kann schon eine heftige Hustenattacke oder eine abrupte Kopfbewegung sein. Das Gefäßinnere wird im schlimmsten Fall bis zum totalen Verschluss verengt. Bei Älteren sind derartige Gefäßverletzungen relativ selten.

Ebenfalls bei jungen Schlaganfallpatienten häufig zu beobachten sind Gerinnsel, die aus Strukturveränderungen des Herzens herrühren. Dies kann beispielsweise ein Herzklappenfehler oder eine angeborene Öffnung zwischen dem rechten und linken Vorhof des Herzens sein, ein sogenanntes offenes Foramen ovale. Normalerweise schließt sich dieser Durchgang in den ersten Lebenswochen, bei rund einem Viertel aller Menschen bleibt er bestehen, oft ohne dass sie davon wissen. Unter Druck, beim Niesen etwa, kann er sich öffnen, wodurch Gerinnsel in die falsche Herzkammer geraten können und von dort direkt ins Gehirn geschwemmt werden.

„Bei einem nicht unerheblichen Anteil der juvenilen Schlaganfälle wird jedoch trotz sorgfältigster Abklärung keine Ursache gefunden“, sagt Wolf-Rüdiger Schäbitz. „Die Ursachensuche ist besonders wichtig, denn dann kann man mit speziellen blutverdünnenden Medikamenten, die je nach dem Auslöser variieren, das Risiko für einen erneuten Schlaganfall minimieren.“

Durch eine ungesunde Lebensweise werden die Blutgefäße zusehends starrer

Das vermehrte Auftreten von juvenilen Schlaganfällen führen Schäbitz und seine Kollegen auf den Anstieg von typischen Risikofaktoren für die Gefäße zurück. Dazu zählen beispielsweise ein hoher Blutdruck, Diabetes, Rauchen und Übergewicht. „Durch eine ungesunde Lebensweise werden die Blutgefäße zusehends starrer. Ein plötzlich auftretender hoher Blutdruck wird dann nicht mehr abgefedert, wie das bei elastischen Gefäßen der Fall ist“, erklärt der Neurologe. Dazu passt auch eine aktuelle Studie des Deutschen Diabetes-Zentrums, wonach Frauen mit Diabetes ein um 50 Prozent höheres Risiko haben, einen Schlaganfall zu erleiden, als Frauen ohne Diabetes.

Nach einem Hirninfarkt zählt jede Minute, ganz gleich, ob der Betroffene jung oder alt ist. Im Krankenhaus wird zunächst ein CT oder MRT gemacht, um eine Gehirnblutung auszuschließen. Erst danach können die Ärzte sich darum kümmern, den Gefäßverschluss zu beseitigen, damit das Blut wieder fließt und alle Bereiche des Gehirns versorgt. Innerhalb der ersten vier bis fünf Stunden nach dem Schlaganfall kann das Gerinnsel in vielen Fällen durch eine Infusion mit einem speziellen Medikament noch aufgelöst werden.

Reha-Behandlungen bei jüngeren Patienten sind oft aussichtsreicher

Etwas mehr Zeit bleibt für die mechanische Entfernung des Pfropfens, die Thrombektomie. Dabei wird die verstopfte Hirnarterie mit einem Mikrokatheter wieder durchgängig gemacht. Häufig kombiniert man die beiden Behandlungsformen. Nach einem überstandenen Schlaganfall müssen zwei Drittel der Betroffenen mit Beeinträchtigungen rechnen. „Gerade in der jungen Altersgruppe finden dadurch häufig gravierende Veränderungen des Lebenslaufes statt – anders als im fortgeschrittenen Alter“, meint Schäbitz.

Dennoch sind die Reha-Behandlungen bei jüngeren Patienten oft aussichtsreicher. „Das Gehirn ist noch plastischer. Ein Teil der ausgefallenen Funktionen kann durch andere Gehirnareale übernommen werden. Im Alter wird dies immer schwieriger.“ Auch Dirk H. hat sich nach seinem Schlaganfall wieder zurückgekämpft. Seinen linken Arm kann er noch nicht so wie früher bewegen, aber er sitzt an seinen Schreibtisch und kann arbeiten.

Im Notfall sofort die 112 wählen

Bei einem Schlaganfall sofort die Telefonnummer 112 wählen, damit der Patient schnell in ein Krankenhaus mit einer Stroke Unit kommt. Die häufigsten Symptome:

Gesichtslähmung
: Einseitige Lähmung der Gesichtsmuskulatur: Wange, Mundwinkel oder das Augenlid hängen herab.

Gesichtsfeld:
Ein eingeschränktes Gesichtsfeld: Der Betroffene übersieht Gegenstände auf der rechten oder linken Seite, stolpert über Dinge. Räumliches Sehen kann beeinträchtigt sein.

Sprachstörungen:
Stockendes oder verwaschenes Sprechen. Silben oder Buchstaben werden verdreht. Das Sprechvermögen kann auch völlig verloren gehen.

Wahrnehmungstörungen:
Taubheitsgefühle oder Kribbeln in einem Arm oder Bein

Körperlähmungen
: Lähmungserscheinungen, die sich über eine gesamte Körperseite erstrecken können.

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