Das Modell zeigt das adaptive Hochhaus samt externem Treppenturm. Die Gestaltung der Fassaden wird von 2021 an erarbeitet. Foto: Gabriele Metzger, Ilek

An der Universität Stuttgart wird ein adaptives Hochhaus entwickelt. Das Vorhaben auf dem Campus in Stuttgart-Vaihingen ist nun als eines der Projekte für die Internationale Bauausstellung (IBA) 2027 ausgewählt worden.

Vaihingen - Im Rahmen der Forschung am Sonderforschungsbereich (SFB) 1244 der Universität Stuttgart entsteht auf dem Campus in Stuttgart-Vaihingen ein Hochhaus, das auf Umwelteinflüsse reagieren kann. Der IBA-Aufsichtsrat hat das Projekt für die Internationale Bauausstellung StadtRegion Stuttgart 2027 ausgewählt. Walter Haase, Geschäftsführer des SFB 1244 und Leiter der Arbeitsgruppe „Leichtbau und Adaptive Systeme“ des Instituts für Leichtbau Entwerfen und Konstruieren (Ilek) der Uni Stuttgart, erklärt, was das adaptive Hochhaus kann und was bis zur Präsentation 2027 noch erforscht werden wird.

Auf dem Campus entsteht ein Novum. Können Sie erklären, was es damit auf sich hat, Herr Haase?

Wir entwickeln das erste Hochhaus der Welt mit einem adaptiven Tragwerk und adaptiven Fassaden.

Was bedeutet das?

Das bedeutet, dass das Gebäude auf veränderliche Einwirkungen reagieren kann, beispielsweise auf Wind oder Erdbeben. Normalerweise werden Gebäude beim Bau auf die Maximallast ausgelegt, also für extreme Verhältnisse, wie sie aber nur selten vorkommen. Das verbraucht viel Baumaterial und Energie. Und für 99 Prozent der Fälle sind die Häuser überdimensioniert. Unser Ziel ist ein Hochhaus, das weniger Baumaterial und Energie benötigt und damit nachhaltiger ist.

Mit diesem Ziel wurde der Sonderforschungsbereich als IBA-Projekt ausgewählt. Haben Sie damit gerechnet?

Wir hatten es gehofft. Wir wissen, dass wir ein gutes Projekt haben, aber wir waren uns nicht sicher, dass wir ausgewählt werden. Wir freuen uns sehr darüber. Es ist eine gewisse Auszeichnung, Teil der IBA zu sein. Unser Projekt passt gut in das Konzept der IBA, etwas Neues und Weiterführendes in Sachen Bauen und Wohnen präsentieren zu wollen.

Gibt es nun eine Zusammenarbeit mit den IBA-Akteuren?

Unser vormaliger Institutsleiter Werner Sobek und unsere Mitarbeiter im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit sind bereits seit mehr als einem Jahr in Gesprächen mit den IBA-Akteuren und haben die Arbeit des Sonderforschungsbereichs 1244 vorgestellt. Diese Gespräche wird es natürlich auch weiterhin geben.

Wie weit ist das Projekt vorangeschritten?

Seit 2017 befassen sich 14 Institute der Uni Stuttgart sowie drei außeruniversitäre Forschungseinrichtungen mit der Frage, wie künftig mehr Wohnraum mit weniger Material geschaffen werden kann. Wir errichten ein zwölfstöckiges, 37 Meter hohes Demonstratorhochhaus auf dem Campus, in dem wir unsere Forschungsergebnisse testen können, nebst einem externen Treppenturm zur Erschließung des Demonstrators. Bis jetzt haben wir uns hauptsächlich mit dem Tragsystem beschäftigt, ab dem kommenden Jahr wollen wir in ein intensiveres Erforschen der Fassaden einsteigen. Auf dem Campus steht bereits ein Testrahmen für den Demonstrator, eine Tragstruktur mit Hohlprofilen, in denen Aktorikelemente sitzen, also die Elemente, die das Hochhaus auf Umwelteinflüsse reagieren lassen können.

Wie funktioniert diese Aktorik?

Die Aktuierung erfolgt mittels Hydraulikzylinder und entsprechenden Aktorikkomponenten. Damit können Länge und Steifigkeit der Tragelemente variiert werden und somit Schwingungen, etwa bei Sturm, aktiv ausgeglichen werden. Unsere Prognose ist, dass wir auch unter Berücksichtigung der Aktuierung in Extremsituationen eine deutlich günstigere Material- und Energiebilanz haben als herkömmliche Hochhäuser, die schon beim Bau viel mehr Baustoff und damit graue Energie benötigen. Unser Tragsystem ist wesentlich leichter und effektiver.

Hat die Auswahl zum IBA-Projekt Einfluss auf Ihre Arbeitsweise?

Ja und nein. Der „SFB 1244 – Adaptive Hüllen und Strukturen für die gebaute Umwelt von morgen“ wird gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), unterstützt durch die Uni Stuttgart und das Land Baden-Württemberg. Durch das Forschungsprogramm, das die DFG bewilligt hat, ist der Aufgabenbereich schon vorgegeben. Wir haben nun die Chance, die Ziele und Ergebnisse des SFB 1244 im Rahmen der IBA der Öffentlichkeit näherzubringen und werden hierfür noch entsprechende Angebote und Beiträge ausarbeiten und Veranstaltungen, wie etwa Führungen durch das Testgelände auf dem Campus, vorsehen.

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