Diese Weltkugel ist aufblasbar, die echte Welt wollen die Studierenden der Uni Hohenheim nachhaltiger gestalten: Paulina Leiman, Darya Zaitseva, Andreas Henrich, Martin Junghanns. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Wie kann man die Welt nachhaltiger gestalten? Antworten darauf wollen Forscher und Studierende der Uni Hohenheim ein ganzes Jahr lang mit dem bundesweiten Leitthema Bioökonomie geben. Nicht nur im stillen Kämmerlein, sondern mit vielen Aktivitäten in der ganzen Stadt.

Stuttgart - Martin Junghanns hat schon im ersten Semester die Zeichen der Zeit erkannt. Der Student der Agrarbiologie, mittlerweile 20 und im dritten Semester, nahm an der Forschungsschnupperwoche der Uni Hohenheim teil, leckte Blut und belegte gleich zum Studienstart das Humboldt-reloaded-Forschungsprojekt „Drink coffee and drive a Tesla“. Wie das eine mit dem anderen zusammenhängt? „Wir haben Abfallbiomasse – Kaffeesatz – verwendet, um ­Biokohle herzustellen“, erzählt Junghanns, „als Komponente für Superkondensatoren.“ Diese finden Anwendung als Batterien in der Elektromobilität. Und genau das ist eine ­Facette der Bioökonomie. Was diese genau bedeutet und welche Facetten es noch gibt, will die Uni Hohenheim im bundesweiten Wissenschaftsjahr 2020 der Öffentlichkeit vermitteln – mit vielfältigen Aktionen in der ganzen Stadt.

Wozu ist Bioökonomie gut?

Waschmittel aus natürlichen Rohstoffen, Kunststoffe aus Biomasse, zum Beispiel Perlonstrümpfe aus Chicoréerüben, Algen als neue Eiweißquelle für Menschen: vor dem Hintergrund einer wachsenden Weltbevölkerung, knapper werdender Ressourcen, des Klimawandels und eines Rückgangs der Artenvielfalt gibt die Bioökonomie Antworten darauf, wie Menschen nachhaltiger leben können. Es gehe darum, nachwachsende biologische Stoffe bereits nachhaltig zu erzeugen und sie dann innovativ zu nutzen, erklärt Iris Lewandowski bei der Vorstellung des Programms. „Auf diese Weise können wir mineralische und fossile Rohstoffe ersetzen und Produkte umweltverträglicher und klimafreundlicher herstellen.“ Lewandowski leitet das Fachgebiet Nachwachsende Rohstoffe und Bioenergiepflanzen und ist Chief Bioeconomy Officer (CBO). Ihre Professorenkollegin Andrea Kruse ergänzt: „Die Wirtschaftsform muss sich wandeln – und die Wissenschaft kann dazu Lösungen liefern.“ Kruse leitet das Fachgebiet Konversionstechnologien nachwachsender Rohstoffe und koordiniert das Wissenschaftsjahr in Hohenheim. „Aber einen Wechsel schaffen wir nur alle zusammen“, erklärt Kruse, „daher ist es so wichtig, die Bio­ökonomie auch für die Bevölkerung greifbar zu machen.“ Das fängt bei ganz einfachen ­Dingen des Alltags an.

Wie geht die Uni Hohenheim damit um?

Es sei „ein Thema, das sich über alle drei Fakultäten spannt: Agrarwissenschaften, Naturwissenschaften, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften“, betont Rektor Stephan Dabbert. Und es sei „ein Thema, an dem alle Fakultäten Anknüpfungspunkte haben – in Forschung und Lehre“. Das habe eine engere Zusammenarbeit innerhalb der Uni zur Folge. „Und aus diesem Strukturvorteil ziehen wir großen Nutzen“, so Dabbert.

Weshalb sind die Studierenden so begeistert?

Paula Leiman ist extra aus Kasachstan gekommen, um in Hohenheim Nachwachsende Rohstoffe und Bioenergie zu studieren. „Ich mache das, was zukunftsrelevant ist“, sagt die 21-Jährige – die im fünften Semester ist – in sehr gutem Deutsch. Das habe sie sich in zwei Jahren selber beigebracht. Wie sie auf Hohenheim gekommen ist? „Einfach gegoogelt“, sagt sie, „ich hatte ein Interesse an Ökologie.“ Darya Zaitseva (27) kommt aus der Ukraine und arbeitet bereits an ihrer Masterthesis im Studiengang Bioeconomy. „Die Öffentlichkeit muss ihren Lebensstil nachhaltiger gestalten“, findet sie – und plant ein Bioökonomie-Festival. „Das weltweit erste, das haben wir schon recherchiert.“ Ihr Plan: Studierende, Schüler, Öffentlichkeit, Wissenschaft zusammenzubringen, mit Kunst und Unterhaltung.

Welche öffentlichen Aktionen gibt es?

„Wir haben jeden Monat unter ein Thema gestellt“, so Kruse. Mit ganz unterschiedlichen Aktionen: öffentlichen Vorträgen, auch in Cafés, Podiumsdiskussionen, Forschung vor Ort: Fachgebiete öffnen ihre Türen – „alle Leute, die das interessiert, können dann kommen“. Auch einen Schülerwettbewerb gebe es – und eine Speisekarte der Zukunft. Die wird jetzt aber noch nicht verraten.

Wo findet was statt?

Zum Auftakt erläutert Iris Lewandowski am Samstag, 25. Januar, um 13 Uhr bei der Samstags-Uni der Volkshochschule im Großen Sitzungssaal des Stuttgarter Rathauses, wie Bioökonomie zu einem zukunftsfähigen Wirtschaftssystem führen kann. Im Februar dreht sich alles um den Klimawandel. Am 3. Februar erläutert der Hohenheimer Klimaexperte Volker Wulfmeyer um 19.30 Uhr in der California Lounge (Börsenplatz 1) neue Strategien im Umgang mit dem Klimawandel und was die Bioökonomie dazu beitragen kann. Am 5. Februar steigt gegen 18.30 Uhr am Heidfeldhof der Uni (nahe Haltestelle Garbe) eine Lasershow. Ein senkrechter, starker Laserstrahl visualisiert die Luftverschmutzung. Am 28. Februar um 19 Uhr diskutieren Vertreter von Fridays for Future, Forscher und Politiker im Euroforum der Uni über Klimaneutralität 2040.

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