Ein unbekannter Täter hat Kontodaten von Studenten der Uni Hohenheim gehackt und beleidigende E-Mails verfasst. Foto: dpa

Ein Unbekannter hat über illegal beschaffte Nutzerzugänge gezielt Angehörige der Uni Hohenheim diffamiert und mit Fake-Kommentaren im Intranet Stimmungmache gegen sie betrieben.

Stuttgart - An der Uni Hohenheim soll ein bisher unbekannter Täter sich illegal Zugang zu den Nutzer-Accounts von Studierenden verschafft und unter deren digitaler Identität beleidigende E-Mails an Uni-Mitarbeiter verschickt haben. Außerdem soll der Unbekannte mittels anonymen Fake-Kommentaren in der digitalen Mitarbeiterzeitung „Hohenheimer Online-Kurier“ uni-öffentlich Stimmung gegen einzelne Mitarbeiter gemacht und Scheindebatten entfacht haben. Von den Beleidigungen und Verleumdungen betroffen sind laut Unirektor Stephan Dabbert zehn bis 15 Unimitarbeiter „aller Gehaltsstufen“. Es ­gehe um rund 50 diffamierende Mails und Kommentare.

Die Polizei ermittelt bereits seit Frühjahr 2015 – es seien immer wieder Fälle aufgetreten, bestätigt ein Polizeisprecher, laut Uni zuletzt am 6. Februar 2017. Weil die Sache nun eskaliert sei, ging der Unirektor am Freitag in die Offensive und informierte alle Uniangehörigen über den Nutzungsmissbrauch.

Die Mails haben „ein Maß an Heimtücke“ erreicht

„Die Opfer wissen erst seit kurzem, dass sie nicht allein sind“, sagte Dabbert. Zunächst sei man von Einzelfällen ausgegangen. Doch in letzter Zeit habe sich das gehäuft, die jüngsten Mails hätten „ein Maß an Heimtücke“ erreicht, das ihn zu diesem Schritt bewegt habe, so der Rektor. „Die Leute werden als Alkoholiker diffamiert, als bestechlich, als Leute, die krank feiern, inkompetent sind und Machtpositionen ausnutzen“, ergänzte Unisprecher Florian Klebs.

Es habe sich herausgestellt, dass der Täter die digitalen Identitäten von 17 ausländischen Zeitstudierenden, drei regulären Studierenden und zwei Mitarbeitern für die diffamierenden Mails missbraucht ­habe. Seit Juli 2015 würden die Vorfälle von einer Justitiarin im Team mit der IT-Sicherheit der Uni Hohenheim betreut. Inzwischen habe man 330 Accounts von Austauschstudenten überprüft. Aus Sicherheitsgründen wurden 100 Studierenden-Accounts gesperrt – bei 20 davon stehe der Missbrauch fest, bei 80 sei er nicht ausgeschlossen, so die Uni. Denn mit dem Zugang könne der Täter auch die Noten der Studierenden einsehen, E-Mails der Uni abfangen oder unter fremdem Namen verschicken. Es gebe aber bisher keine Hinweise, dass dies passiert sei.

Möglich geworden sei der Missbrauch durch mangelndes Sicherheitsbewusstsein von Uniangehörigen. So hätten diese ihr Passwort für den Uni-Account trotz Aufforderung nicht geändert, an andere weitergegeben oder öffentlich zugängliche PCs benutzt, ohne sich danach abzumelden.

Bewusst darf unter Pseudonym kommentiert werden

Unter denselben gestohlenen Identitäten seien die Fake-Kommentare im ­„Hohenheimer Online-Kurier“ verfasst worden, und zwar unter unterschiedlichen Pseudonymen. Ganz bewusst lasse man dort bei der Kommentarfunktion neben Klarnamen auch ein Pseudonym zu, erklärte Dabbert – „weil das für die unter 25-Jährigen eine normale Kommunikationsform ist“. Natürlich seien fremdenfeindliche oder beleidigende Aussagen nicht erlaubt. „In neun Jahren mussten wir drei Kommentare löschen“, so Klebs. Das Besondere an den Fake-Kommentaren sei, dass jeder für sich noch unter dieser Schwelle sei, sie in der Gesamtheit jedoch eine diffamierende Wirkung erzeugt hätten.

„Am meisten wurmt mich, dass jemand, der zu uns gehört, so massiv gegen uns agiert“, sagt Dabbert – „es muss jemand sein, der die universitären Abläufe und Einzelheiten gut kennt“. Zudem ärgert den Rektor auch, dass somit „ein Stück weit die Diskussionskultur in Frage gestellt“ werde. Doch nun gehe es darum, „sich von solchen Leuten die Agenda nicht aufdrücken zu lassen“, sagt Dabbert. „Wir haben zugesichert, dass Kommentare im Online-Kommentar nicht verfolgt werden.“ Auch künftig sollen diese erlaubt sein, samt Pseudonym. Die Fake-Kommentare habe man gelöscht.

Auf Anfrage bestätigte die Staatsanwaltschaft, es habe bereits im Jahr 2015 ein Verfahren wegen „Beleidigungen unter der Gürtellinie“ gegeben, die eine Uni-Mitarbeiterin per Mail erhalten habe. Man habe das Verfahren aber einstellen müssen, da man den tatsächlichen Urheber nicht ermitteln konnte und das Mail von einem ­öffentlich zugänglichen Rechner der Uni verschickt worden sei.

Die Hohenheimer Asta-Vorsitzende ­Sarah Graf findet die ganze Angelegenheit „ziemlich krass – das war gezieltes Mobbing gegen Einzelpersonen, das ist für die Unikultur nicht schön“. Die Kommentarfunktion in Online-Kurier sei wichtig, die Verwendung des Pseudonyms erlaube, hierarchische Abhängigkeiten aufzubrechen.

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