Neustart im Beruf: so viele Risiken, so viele Chancen Foto: Denis Magilov/ADobe Stock

Der Job sorgt für Frust, die Kollegen nerven, Aufstiegschancen fehlen – da kann es an der Zeit sein für eine berufliche Neuorientierung. Wie Ausstieg und Neustart gelingen können.

Stuttgart - Noch nie konnten so viele Menschen in den westlichen Ländern so frei entscheiden, mit welcher Arbeit sie ihren Lebensunterhalt verdienen möchten. Trotzdem läuft vieles nicht glatt. Der Job sorgt für Frust, die Kollegen nerven, Aufstiegschancen fehlen – da kann es an der Zeit sein für eine berufliche Neuorientierung. Wie Ausstieg und Neustart gelingen können.

Wann macht ein Neustart Sinn?

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„I don’t like Mondays“ – der Klassiker der Band „The Boomtown Rats” aus dem Jahr 1979 ist für viele Arbeitnehmer zu einer Art Hymne avanciert. Doch wenn es nicht mehr nur der Montagmorgen ist, an dem sie darüber fluchen, zur Arbeit zu müssen, sondern sich dieses Gefühl an jedem beliebigen Arbeitstag einstellt, ist es an der Zeit, neue berufliche Herausforderungen ins Auge zu fassen. Schon der Gesundheit wegen – denn andauernde berufliche Unzufriedenheit macht krank, wie viele Studien zeigen. Am plastischsten verdeutlicht das die Anzahl der Fehltage unzufriedener Arbeitnehmer: Sie liegt einer Gallup-Studie zufolge um 76 Prozent höher als bei zufriedenen Mitarbeitern, die eine hohe emotionale Bindung zu ihrer Arbeitsstelle haben. Doch was tun, wenn die Unzufriedenheit überhand nimmt? Ist ein beruflicher Neustart immer die richtige Option?

Warum landen viele Menschen im vermeintlich falschen Job?

Die Lage ist durchaus paradox: Noch nie konnten so viele Menschen in den westlichen Ländern so frei entscheiden, mit welcher Arbeit sie ihren Lebensunterhalt verdienen möchten. Früher war klar, dass der Sohn des Bäckermeisters auch Bäcker werden würde, für den Filius des Arztes stand mit seiner Geburt praktisch fest, dass er Medizin studieren und die väterliche Praxis übernehmen würde. Ganz zu schweigen von den Töchtern, die einfach nur lernten, ihrem künftigen Ehemann den Haushalt zu führen. Doch mit der neuen Freiheit, sich eine Tätigkeit zu suchen, die eigene Talente stimuliert und die Persönlichkeit entfaltet, kommen viele nicht zurecht. Sie scheitern an ihrer Selbstverwirklichung – und werden beruflich unglücklich.

Wann ist es an der Zeit, seinem Job den Rücken zu kehren?

Für Tom Diesbrock, Psychologe, Karriere-Coach und Buchautor aus Hamburg, gibt es einen klaren Gradmesser, ob es an der Zeit ist, sich neu zu orientieren: „Wenn man die Frage, ob man seinen Job noch in fünf Jahren machen will, sehr spontan mit einem klaren ‚Nein’ beantwortet.“ Eine berufliche Veränderung will allerdings trotzdem wohlüberlegt sein – schließlich gibt man dadurch auch ein Stück Sicherheit aus der Hand. Je älter man ist, desto mehr Zwängen unterliegt man. Die Miete beziehungsweise der Hauskredit müssen regelmäßig bezahlt werden, die Kinder wollen versorgt sein – und für die Altersvorsorge sollte man auch ein paar Euro einplanen. Nutzen und Risiken gilt es also genau gegeneinander abzuwägen, bevor man sich endgültig für Schlussstrich und Neustart entscheidet.

Muss es etwas komplett Neues sein?

Von der Unternehmensberaterin zur Schriftstellerin, vom Manager zum Tauchlehrer – solche gebrochenen Karrieren gehören zur Folklore der Arbeitswelt. Doch manchmal tut es auch schon eine kleinere Veränderung. Viele Menschen würden ihren Job zu negativ sehen, meint Madeleine Leitner, Karriere-Coach aus München. „Bei genauer Betrachtung waren nur etwa drei von hundert meiner Klienten wirklich im falschen Beruf gelandet. Bei den meisten ist die Problematik mit überschaubarem Aufwand lösbar.“ Am Ende müssen die Wenigsten alles bis dorthin Erarbeitete hinwerfen und ihr bisheriges Leben zurücklassen, um zufriedener und mit sich selbst im Reinen zu sein. Häufig reicht es schon aus, innerhalb der Branche die Funktion zu wechseln. Innerhalb des Unternehmens in eine neue Abteilung zu kommen. Oder von einem großen Konzern in ein kleineres Unternehmen umzuziehen. Leitner: „Vielfach geht es vor allem darum, schon vorhandene Dinge in Form zu bringen.“

Wie viel Bedenkzeit sollte man sich selbst einräumen?

Auch kleine Veränderungen brauchen Zeit – und die sollte man sich nehmen. „Bei manchen ist es auch eine Ausrede, keine Zeit zu haben, um sich Gedanken zu machen, Ideen zu entwickeln“, sagt Karriereexperte Diesbrock. „Entweder reicht ein Wochenende, oder man verwendet mal ein oder zwei Wochen Urlaub dafür.“ Das ist sowieso sinnvoll, wenn man weitreichende Entscheidungen treffen möchte, denn gute Lösungen lassen sich am ehesten aus einem Zustand der Ruhe und Gelassenheit heraus finden. Hat man die nötige Ruhe gefunden und ein wenig abgeschaltet, lauten die wichtigsten Fragen: Was will ich? Und was kann ich? „Da hilft es, Freunde, Verwandte oder Kollegen zu fragen, wie sie einen sehen“, rät Diesbrock.

Und wenn doch ein komplett neuer Beruf her soll?

Wer zu dem Schluss kommt, das Berufsfeld komplett wechseln und sich beispielsweise selbstständig machen zu wollen, braucht unbedingt externen Rat. Dieser könne dabei helfen, Gelegenheiten zu erkennen und berufliche Optionen ehrlich zu bewerten, sagt Karriereberaterin Leitner. Auch müsse vorab geprüft werden, welche zusätzlichen Qualifikationen für die angestrebte neue Position erworben werden müssen. Zunächst gilt es aber, die Marktsituation zu prüfen – und zu klären, ob man in dem auserkorenen Bereich wirklich nachhaltig erfolgreich sein kann. Hilfreich ist es auch, wenn sich das Risiko ein wenig abfedern lässt. So sollten Arbeitnehmer überlegen, ob der Partner beispielsweise übergangsweise sein Teil- zu einer Vollzeitstelle aufstocken kann, um vorübergehend mehr Geld zu verdienen oder ob vielleicht die Eltern einen kleinen Kredit geben können. Außerdem sollte man sich eine Frist setzen: Wer sich selbstständig macht, sollte nach eineinhalb bis zwei Jahren davon leben können, lautet die Faustregel. Ist das nicht realistisch, sollte man es bleiben lassen.

Nicht vergessen: die Perspektiven und das Gehalt

Fehlende Karrierechancen sind der häufigste Kündigungsgrund für Arbeitnehmer. Demzufolge sollte die neue Stelle bessere Perspektiven bieten. Und selbst wenn auch der neue Job auf lange Sicht gesehen nicht unbedingt die ersehnte Traumstelle ist, bietet er vielleicht die Möglichkeit, die Fähigkeiten zu erweitern, neue Kenntnisse zu erwerben oder auch das persönliche Auftreten zu verbessern – etwa im direkten Kundenkontakt. Auch die Kontakte, die sich mithilfe einer neuen Stelle knüpfen lassen, können im späteren Berufsleben vielleicht noch einmal sehr nützlich werden.

Bei der Frage nach dem Gehalt ist Fingerspitzengefühl wichtig: Utopische Forderungen sollte man nicht stellen, aber sich unter Wert verkaufen sollte man natürlich auch nicht. Als Faustregel für die Gehaltsforderung beim Verhandeln mit dem neuen Arbeitgeber gilt das alte Gehalt zuzüglich 15 Prozent. Dann ist auch noch etwas Spielraum da, um dem neuen Arbeitgeber noch ein wenig entgegen zu kommen.

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