Gefährliches Granulat?! – Gut möglich, dass in naher Zukunft jedes Plastikteilchen auf den Allwetter-Sportplätzen einzeln aufgesammelt werden muss. Foto: Egon Kaiser

Die Diskussionen wegen der Verschmutzung durch Mikroplastik laufen auf Hochtouren. Ein Uhinger Landwirt klagt jetzt gegen die Stadt, weil er wegen des Baus eines Kunstrasenplatzes die Qualität seiner Ernte gefährdet sieht.

Uhingen - Jahrzehntelang sind Kunstrasenplätze vor allem für Fußballer, die ihren Sport bei jeden Wetter ausüben wollen, so alternativlos gewesen wie Asphalt als Straßenbelag. Im Zuge der aktuellen Diskussionen über die Verunreinigungen von Böden und Gewässern durch Plastikmüll und Mikrokunststoffe hat sich das Blatt allerdings gewendet.

So spielte dieses Thema, als es bei einem Bürgerentscheid in Zell unter Aichelberg um den Bau einer neuen Sportanlage ging, ebenso eine Rolle wie jüngst im baden-württembergischen Umweltausschuss. Dort wurde eine Vorlage beschlossen und an den Landtag weitergereicht, den Bau solcher Plätze wegen möglicher Gesundheits- und Umweltgefährdungen durch das verwendete Granulat nicht mehr durch Zuschüsse zu fördern.

Daiber: Die Stadt will unbedingt Fakten schaffen

In diesem Licht betrachtet scheint die Klage eines Uhinger Landwirts gegen den Bau einer solchen Anlage in der Nähe seiner Felder durchaus nicht chancenlos zu sein. Wolfgang Daiber, der einen Aussiedlerhof unweit des Stadtteils Holzhausen bewirtschaftet, hat beim Verwaltungsgericht in Stuttgart einen Eilantrag auf einstweiligen Rechtsschutz gestellt, fordert also einen vorläufigen Baustopp. Einen Anhörungstermin in dieser Sache gebe es, wie ein Gerichtssprecher erklärte, jedoch noch nicht. Dabei drängt aus Daibers Sicht die Zeit. Auf dem Haldenberg seien die Arbeiten längst in vollem Gange. „Hier will die Stadt unbedingt Fakten schaffen“, schimpft er.

Der Obmann der Uhinger Bauern stellt zugleich klar, dass er weder etwas gegen den Sport noch gegen einen Sportplatz an sich habe. „Ich hätte zwar einen anderen Standort als besser empfunden, weil an der jetzigen Stelle Ackerland zerschnitten wird. In erster Linie aber geht es mir um den Belag.“ Daiber befürchtet, dass das Granulat, von dem bis zu 35 Tonnen auf einem Kunstrasenplatz verteilt werden, durch Wind und Regen ausgetragen und auf seinen Feldern landen könnte. Da er dort Lebensmittel produziere und regelmäßigen Kontrollen unterliege, sei dies kritisch. „Bei den durchaus möglichen Verunreinigungen wäre alles, was dort wächst, wertlos“, betont der Landwirt.

Bürgermeister Wittlinger weist die Vorwürfe zurück

Daiber, der im Mai für die neue Gruppierung Unabhängige Bürger Uhingen (UBU) in den Gemeinderat gewählt wurde, wirft der Stadtverwaltung zudem „Beratungsresistenz“ vor. „Ich habe mehrfach vergeblich das Gespräch gesucht und habe ebenso wenig wie die UBU das Gutachten zur Zusammensetzung des Kunstrasenbelags bekommen“, sagt er verärgert.

Der Uhinger Bürgermeister Matthias Wittlinger dementiert diese Vorwürfe entschieden. Es hätten mehrere Gespräche mit den Landwirten stattgefunden, und es werde in der nächsten Woche über den Sachstand auch im Gemeinderat berichtet, der letztmals in der alten Besetzung zusammentrete. „Wir gehen davon aus, dass das Sand-/Kunststoffgemisch, das wir auf dem Platz einsetzen, allen Überprüfungen standhält, und müssen die Baustelle schon deshalb fertigmachen, weil das Oberflächenwasser bei jedem Regen für Probleme sorgt“, sagt Wittlinger.

UBU fordert, das Thema im Gemeinderat neu zu behandeln

Fertig gestellt werden soll der neue Platz im Spätherbst, was wiederum die UBU auf den Plan ruft. Die siebenköpfige Fraktion fordert unter anderem, die Bauarbeiten, abgesehen von denen am Entwässerungssystem, „unverzüglich einzustellen und das Thema im Gemeinderat neu zu behandeln“. Das Ziel müsse es sein, alternative Lösungen zu entwickeln, um die Arbeiten zeitnah fortzuführen und die Sportstätte dauerhaft nutzen zu können.

Dass es im anderen Fall dazu kommen könnte, dass das Areal vorerst brach liegt, kann sich Matthias Wittlinger derweil nicht vorstellen. „Wenn das Material, das wir benutzen, von der EU wirklich verboten werden würde, gibt es in ganz Europa keine Kunstrasenplätze mehr.“

Sportverbände halten Zurückhaltung für angebracht

Ganz so zuversichtlich ist man beim Württembergischen Landessportbund (WLSB) allerdings nicht. „Bereits bewilligte Projekte bekommen ihre zugesagte Förderung. Wo es bis jetzt nur eine Baufreigabe gibt, muss das noch geklärt werden. Und was danach kommt, ist eh mit einem großes Fragezeichen behaftet“, sagt Thomas Müller, der Pressereferent des WLSB. „Unsere Experten für Sportstättenbau em­pfehlen, den Bau möglichst lange hinauszuzögern, da die Hersteller nun gefordert sind, alternative Materialien zu entwickeln und auf den Markt zu bringen.“ Wer sofort bauen müsse, solle möglichst auf Sand oder Kork ausweichen oder ohne Verfüllung bauen.

Bei Heiner Baumeister, der die Kommunikationsabteilung beim Württembergischen Fußballverband (WFV) leitet, „ist das Thema Kunstrasen ebenfalls aufgeschlagen“. So stehe am 10. Juli ein Fachgespräch bei der Landtagsfraktion der Grünen an, und am 17. Juli beschäftige sich der Gemeindetag mit dem Thema. Eine gewisse Brisanz sei also nicht zu verleugnen, sagt Baumeister. „Dass allerdings, wie in Uhingen, ein Landwirt gegen den Bau eines Kunstrasenplatzes klagt, ist mit persönlich bis jetzt nicht bekannt“, fügt der WFV-Kommunikationschef hinzu.

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