Fototermin vor dem Rathaus in Rommelshausen: Kandidat Benedikt Paulowitsch und seine Verlobte Chantal Kristin Foto: Patricia Sigerist

Drei Tage vor Ablauf der Bewerbungsfrist hat sich Benedikt Paulowitsch überraschend um den Chefsessel im Rathaus beworben. Er ist der einzige Kandidat, der am 29. September gegen den Amtsinhaber antritt.

Kernen - Die Bürgermeisterwahl in Kernen wird für Stefan Altenberger nicht zur Solo-Veranstaltung. Kurz vor Torschluss erwächst dem Amtsinhaber noch unerwartete Konkurrenz. Seine Bewerbungsunterlagen für den Chefsessel im Rathaus hat am Freitag auch Benedikt Paulowitsch (31) abgegeben.

Damit ist drei Tage vor dem Ende der Bewerbungsfrist klar, dass die Bürger in Stetten und Rommelshausen am Wahlsonntag, dem 29. September, tatsächlich eine Wahl haben. Paulowitsch, studierter Verwaltungswissenschaftler und nach beruflichen Stationen in Berlin, Brüssel und New York aktuell als Regierungsrat im Stuttgarter Innenministerium tätig, will den Urnengang mit seiner Last-Minute-Bewerbung aber nicht nur spannend machen. Er rechnet sich im Ringen um die Stimmen auch gegen den Amtsinhaber gute Chancen aus.

Der Kandidat hat bereits mehr als 300 Briefe zur Vorstellung verschickt

„Ich trete nicht an, um Erfahrung zu sammeln oder bekannt zu werden. Ich möchte hier in Kernen zum Bürgermeister gewählt werden“, sagt er. Seinen Überraschungsauftritt hat der in Herrenberg im Kreis Böblingen aufgewachsene Kandidat professionell vorbereitet: Schicker grauer Anzug, hellbraunes Schuhwerk, Dreitagebart, die Krawatte farblich aufs Kleid seiner Verlobten Chantal Kristin abgestimmt. Sie ist dabei, als der 31-Jährige fürs Pressefoto die Bewerbungsunterlagen in die Kamera hält, im Gespräch verrät die in einer Waiblinger Arztpraxis arbeitende Herzensdame, dass im Juni 2020 geheiratet werden soll – wenn es mit dem Amt als Rathauschef klappt, natürlich in Kernen.

Zeit verstreichen lässt Benedikt Paulowitsch bei seinem Wahlkampfauftakt nicht. Noch während das seit Jahresanfang in Leutenbach lebende Paar mit der Lokalpresse plaudert, sind Verwandte und der aus Köln angereiste Schwiegervater in spe dabei, die Briefkästen in Kernen mit Kandidatenprospekten zu bestücken. Gut 300 Briefe mit einer Kurzvorstellung hat der Bewerber an Kirchen, Ärzte, Vereine und Unternehmen geschickt, eine Homepage ist ebenso eingerichtet wie eine Facebook-Seite. Die ersten Termine für einen „Bürgerdialog“ stehen ebenfalls schon fest: Am kommenden Mittwoch, 4. September, stellt sich Paulowitsch um 19 Uhr im Burgstüble in Stetten vor, einen Tag später steht er zur gleichen Zeit im Lamm in Rommelshausen Rede und Antwort.

Trotz SPD-Parteibuch will er ein unabhängiger Kandidat sein

Und selbstverständlich hat der Newcomer auch bereits Kontakt zu den Fraktionsvorsitzenden im Gemeinderat gesucht – Paulowitsch weiß nicht erst aus seiner Zeit als Leiter des Minister-büros in der Berliner Landesvertretung, wie das politische Geschäft funktioniert. „Ich habe früh gelernt, Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen“, sagt er. Dass er das SPD-Parteibuch in der Tasche hat, begründet der mit zwei Geschwistern aufgewachsene VfB-Fan mit seiner politischen Gedankenwelt: „Gerechtigkeit, Solidarität und Freiheit sind Werte, die mir wichtig sind.“

Allerdings betont Paulowitsch, dass er in Kernen als unabhängiger Kandidat antritt: „Ein Bürgermeister hat sein Amt über Parteigrenzen hinweg auszuüben. In der Kommunalpolitik hat Parteiideologie keinen Platz.“ Ohnehin sieht der Hobbykoch (Putenrouladen mit Pfifferlingen) und Grillfan seine Stärken in der Suche nach dem besten Kompromiss: „Ein moderner Bürgermeister weiß, dass auch andere gute Ideen haben. Ich möchte die gesamte Gemeinde ermutigen, gemeinsam mit der Verwaltung einen Schatz an Ideen zu heben und Kernen gemeinsam voranzubringen“. Nachholbedarf sieht er in der Frage um die Zukunft des Seniorenheims Haus Edelberg und in der Ansiedlung von Betrieben aus Zukunftsbranchen.

Für schlecht aufgestellt allerdings hält der Bewerber die Gemeinde nicht: „Das werden Sie von mir nicht hören. Kernen steht sehr gut da. Ob das jetzt nur am Bürgermeister liegt, ist eine andere Frage.“

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: