Thiel ist im Stress. Foto: WDR

Töchter, Tote und Stummelschwanzmakaken: In „Fangschuss“, der neuen „Tatort“-Folge aus Münster wird mal wieder Kette kalauernd einiges zusammengerührt. Und am Ende ist sie eine One-Man-Show.

Münster - Ist schon blöd, wenn man vom Ex einen Mantel zurückhaben möchte und im frischen Trennungsfuror voller Zorn kreischt, er solle das Kleidungsstück eben kurz aus dem x-ten Stock runterwerfen. Und der Ehemalige dann inklusive Jacke neben einem landet. So hart der Aufschlag, so unsanft der Einstieg in die Münsteraner „Tatort“-Folge „Fangschuss“. Überhaupt wirken in Westfalen inzwischen alle ziemlich spaßbefreit: Der untersetzte Frank Thiel (Axel Prahl) hetzt jetzt regelmäßig ins Fitnessstudio. Die kettenrauchende Staatsanwältin (Mechthild Großmann) raucht nicht mehr. Und Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) leidet schwer unter androgenetischer Alopezie – anlagebedingtem Haarausfall. „Danke, Papa“, sagt er dazu. Wie deprimierend ist das denn alles?

Dann steht auch noch die junge Leila (Janina Fautz) mit blau gefärbtem Haar vor Thiels Tür und behauptet, er müsse ihr Vater sein. Denn der einzige andere potenzielle biologische Vater hat sich vor Jahren sterilisieren lassen und ist jetzt eh tot: ein – so will es das Klischee in Münster - alkoholkranker Journalist, der kurz davor war, irgendetwas echt Krasses aufzudecken.

Schalenwild und wilde Wendungen

Egal. Denn Thiels Privatleben rückt nun in den Vordergrund: eine Liebschaft mit Leilas Mutter Biggi, die im Sterben liegt. Was in anderen Fällen oft nervt, macht diesen Fall stark, macht „Fangschuss“ zur One-Man-Show, zur Thiel-Show. Der alberne Quatsch wird diesmal Boerne überlassen, der seinen Haarausfall mit einer geheimnisumwobenen Tinktur bekämpfen will und dafür den Jagdschein mit Bravour ablegen muss. Deswegen büffelt er noch am Tatort: „Wie hoch muss bei Abgabe eines Fangschusses auf Schalenwild die Mündungsenergie mindestens sein? 200 Kilojoule. Jaaa! Du bist gut. Richtig gut!“

Tochter, Tote und Stummelschwanzmakaken. Ohne Comedy und Klamauk, aber natürlich kettekalauernd werden die verschiedensten Ängste verknüpft: dass aus Artemis, der Göttin der Jagd, noch Nemesis, die Göttin des gerechten Zorns, werden könnte, und dass das auf Boerne gemünzte Wort Stummelschwanzmakake nicht nur eine Beleidigung, sondern der Hinweis auf noch viel mehr sein könnte. Und was ist eigentlich mit dem verseuchten Gemüse? Ist Leila Thiels Tochter? Und was hat das Ganze mit dem Stummelschwanzmakaken Boerne zu tun? Ist das ein Krimi oder gehört das so? Was sich nach krude konstruierten und abgedrehten Erzählsträngen anhört, ist auch genau das. Münster eben. Nur dass die Stränge diesmal sehr fein miteinander verquickt werden. Am Ende bleibt für beides sehenswerter Platz: für Thiels Seelenleben und Boernes Spleenigkeit. Kurz gesagt: Für beide, aber für sich. Bei allen gemeinsamen und stets gepflegten Kabbeleien: So individuell darf man die Münsteraner Ermittler selten erleben.

Sonntag, ARD, 20.15 Uhr

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