Inger Nilsson und Walter Sittler vor der rauen See Foto: ZDF/Marion von der Mehden

Ein Verdacht in den eigenen Reihen treibt Gotlands Polizei um im aktuellen ZDF-Krimi „Der Kommissar und das Meer“.

Stuttgart - Es ist leicht nachvollziehbar, warum die Zuschauer diese Krimis von der schwedischen Ostseeinsel Gotland lieben: Die ZDF-Reihe bedient eine Sehnsucht nach rauer Küstenkulisse, sie bietet ein wenig Nostalgie in Gestalt der Pippi-Langstrumpf-Darstellerin Inger Nilsson – und sie wartet mit einem sanften, aber beharrlichen Kommissar auf, bei dem selbst Erwachsene kaum Nein sagen könnten, wenn er ihnen väterlich über den Kopf streichen wollte. Der Stuttgarter Schauspieler Walter Sittler verkörpert diesen Robert Anders, und jedes Mal, wenn er auftritt, vermittelt er durch seine bloße Anwesenheit das Gefühl, dass alles am Ende doch noch gut werden könnte.

Das ist umso bemerkenswerter, als in Fernsehkrimis ja per Genre-Definition nie alles gut sein kann, und auch dieser Auftritt Sittlers auf Gotland beginnt mit einer Leiche. In „Der Kommissar und das Meer – Aus glücklichen Tagen“ wird bei einer Einbruchsserie ein Hausbesitzer erschossen, und bald erkennt Anders einen Zusammenhang mit einem älteren Fall, dem Tod eines Kollegen auf der kleinen Nachbarinsel Farö. Der war angeblich ein Suizid per Abgasschlauch im eigenen Auto, doch einer hatte an dieser Version der Geschichte schon immer Zweifel: der verhaltensauffällige Polizist Sigge (Matti Boustedt), der einen Kollegen verdächtigte, gemobbt wurde und nach Visby auf Gotland versetzt werden musste.

Es ist klar, dass Sigge durchdrehen wird

Zoe (Ellen Bergström), die Kellnerin der Polizistenkneipe und Tochter einer Zirkusfamilie, gerät ebenso ins Visier der Ermittler wie Colin (Johan Hallström), der neue Lebensabschnittsgefährte von Sigges Ex-Frau Nala (Hanna Ullerstam). Diese schützt den Vater ihrer kleinen Tochter Filippa lange, obwohl er sie penetrant stalkt und Colin gegenüber sogar handgreiflich wird. Sigge wiederum erschleicht sich heimliche Vater-Tochter-Momente, die zu Herzen gehen.

Währenddessen läuft ein Wettlauf mit der Zeit: Wird es Kommissar Anders gelingen, die Geschichte aufzuklären, bevor Sigge durchdreht? Dass Sigge ganz sicher durchdrehen wird, ist von Beginn an klar, und spätestens, als er vorschnell von seiner Dienstwaffe Gebrauch macht, müssten die Kollegen ihn aus dem Verkehr ziehen – dass sie es nicht tun, bringt den Plot voran, ist aber ein kleiner Schwachpunkt dieses Krimis.

Einfühlsames menschliches Miteinander

Dieser lebt von den menschlichen Beziehungen und von seiner wolkenverhangenen Atmosphäre – nichts ist ja schöner, als Wind und Mistwetter aus der warmen Stube heraus anzuschauen mit einer Tasse dampfenden Glückstees und sich dabei vorzustellen, wie die salzige Brise die Atemwege frei macht.

Der deutsch-portugiesische Regisseur und Drehbuchautor Miguel Alexandre („Die Frau vom Checkpoint Charlie“) hat diesen düsteren, blutigen Krimi inszeniert, und er balanciert explizite Gewalt durch visuelle Verfremdungen aus und durch einfühlsames menschliches Miteinander – was nicht ganz einfach ist, wenn man zweisprachig dreht und manche der schwedischen Darsteller ein wenig hölzern nachsynchronisiert sind. Inger Nilssons Dialogsätze als Gerichtsmedizinerin Ewa Svensson zum Beispiel wirken vollkommen ausdruckslos und wie aufgesagt.

Beim letzten Mal geht es um letzte Fragen

Am Ende macht sich Wehmut breit: Walter Sittlers 28. Auftritt auf Gotland war sein vorletzter. Trotz anständiger Quoten beendet das ZDF die Krimireihe, plant eigenen Angaben zufolge aber eine weitere Zusammenarbeit mit dem Schauspieler. Sittlers letzter Fall als Ostsee-Kommissar trägt einen vielversprechenden Arbeitstitel: „Woher wir kommen, wohin wir gehen“. Letzte Fragen wird aber auch dieser Film wohl nicht klären können.

„Der Kommissar und das Meer – aus glücklichen Tagen“ wird am Samstag, 21. November, um 20.15 im ZDF-Fernsehen gezeigt und ist bereits seit 20. 11. in der ZDF-Mediathek verfügbar.

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