Nicole (Hanna Hilsdorf, l.) zeigt. Jana (Natalia Belitski) ihr schwer verletztes Baby. Foto: ZDF/Britta Krehl

Der ZDF-Film „Stumme Schreie“ mit Natalia Belitski als Rechtsmedizinerin erzählt erschütternd von Kindesmisshandlung. Nachgespielt werden hier reale Fälle.

Stuttgart - Erschütternd ist als Begriff fast noch zu harmlos für die tragische Geschichte, die Thorsten Näter (Buch) und Johannes Fabrick (Regie) mit „Stumme Schreie“ erzählen. Ihr Film wird dem Thema Kindesmisshandlung gerecht und funktioniert doch als fesselnde Unterhaltung. Trotzdem sind einige Szenen beinahe unerträglich. Das Drehbuch basiert auf dem Sachbuch „Deutschland misshandelt seine Kinder“ des bekannten Rechtsmediziners Michael Tsokos und seiner Koautorin Saskia Guddat.

Näter hat aus der Vorlage ein Drama mit Krimielementen gemacht. Die Handlung beginnt mit dem ersten Arbeitstag der Ärztin Jana Friedrich (Natalia Belitski) am Berliner Institut für Rechtsmedizin. Ihr Chef, Professor Bremer (Juergen Maurer), führt sie in eine Welt ein, in der Kinder ein albtraumhaftes Dasein führen.

Die Hand auf der Herdplatte

Von den vielen Fällen aus der Vorlage hat sich Näter zwei herausgepickt: Ein kleiner Junge wird behandelt, weil er auf eine glühende Herdplatte gefasst hat. Das Kind weist jedoch weitere Verletzungen auf: der Rechtsmediziner Bremer spricht von einem „Kalender der Gewalt“. Mit Hilfe von auf dem Tisch verteilten Zucker führt er dem schockierten Vater vor Augen, wie der Unterschied zwischen einer flüchtigen Berührung und einer auf den Herd gepressten Hand aussieht.

Dieser Moment ist jedoch nur der Prolog einer Geschichte, die vor allem Eltern an den Rand des Zumutbaren führen wird, zumal es sich beim nächsten Patienten um ein Baby handelt. Dessen junge Mutter, Nicole (Hanna Hilsdorf), hat zwei weitere Kinder und außerdem einen zu Gewalttätigkeiten neigenden Freund. Ronnie (Julius Nitschkoff) lässt seine Aggressionen nicht nur an Nicole, sondern auch an ihren Kindern aus. Mit einem Blick erkennt Bremer, was dem Baby widerfahren ist. Das Kind wurde so lange geschüttelt, bis jene Hirnverletzungen eintraten, an denen es sterben wird. Die Vertreterin des Jugendamts (Claudia Geisler-Bading) rät dem Pärchen, sich einen Anwalt zu nehmen, weshalb Ronnie zunächst davonzukommen scheint.

Drama statt Lehrfilm

Mit der von Natalia Belitski sehr intensiv verkörperten Hauptfigur hat die Geschichte eine Heldin, die nie überhöht wird. Dass sie als Kind selbst häusliche Gewalt erlebt hat, macht die Figur umso glaubwürdiger. Ihr Engagement muss sie aber bitter bezahlen. Weil schließlich sogar ihr Leben auf dem Spiel steht, wird „Stumme Schreie“ zum Thriller.

Am bemerkenswertesten ist jedoch Fabricks Geschick, eine Vielzahl an Informationen unterzubringen, ohne das Drama je wie einen Lehrfilm wirken zu lassen. „Tatort“-Episoden zu gesellschaftlich brisanten Themen leider immer wieder unter diesem Manko, weil einer der Mitwirkenden regelmäßig Kurzreferate über die jeweiligen Missstände halten muss. Das ist hier nicht anders, wird aber durch die Konstellation der Figuren aufgefangen: Jana absolviert ihre Facharztausbildung, weshalb ihr Chef automatisch eine Lehrfunktion hat.

Emotionale Tiefe

Es gibt für Schauspieler kaum größere Herausforderungen, als Menschen vom Rande der Gesellschaft zu verkörpern. Julius Nitschkoff macht das derart unangenehm gut, dass viele Zuschauer seine Gewalttätigkeiten gegen die Kinder wie Schläge ins eigene Gesicht empfinden werden; erst recht, wenn die Kamera Ronnies Wut aus Perspektive der Kinder zeigt. Warum Nicole es zulässt, dass sich der Mörder ihres Babys weiterhin zu ihr ins Bett legt, lässt das Drehbuch offen.

Der Österreicher Fabrick steht für namhaft besetzte, stets exzellent gespielte Dramen, in denen es oft todtraurig zugeht: „Ein langer Abschied“ (2006) schildert das Sterben eines Kindes und einer Liebe; „Der letzte schöne Tag“ (2012, Grimme-Preis) handelt vom Umgang mit dem Suizid eines geliebten Menschen. Fabricks Filme zeichnen sich durch eine emotionale Tiefe aus, die im deutschen Fernsehen ihresgleichen sucht. Im Anschluss an „Stumme Schreie“ zeigt das ZDF die Dokumentation „Tatort Kinderzimmer“.

Ausstrahlung: Montag, 18. November 2019, 20.15 Uhr

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