Zwei Seelenkenner als Hobbyschnüffler: Brigitte Klein (Katrin Bauerfeind) und Richard Brock (Heino Ferch) Foto: ZDF/Petro Domenigg

„Spuren des Bösen“ ist eine feine Krimireihe mit Heino Ferch als Kriminalpsychologe. Die Folge „Sehnsucht“ funktioniert prima als Hommage an einen Klassiker von Hitchcock.

Stuttgart - Richard Brock sitzt wegen einer Schussverletzung vorübergehend im Rollstuhl. Weil er nicht schlafen kann, vertreibt er sich die Zeit, indem er seine Nachbarn mit dem Fernglas beobachtet, darunter auch eine offenbar alleinstehende Mutter mit ihrem Baby. Eines Nachts wird er Zeuge, wie sie auf der Straße von einem Fremden bedrängt wird. Später dringt der Mann in ihre Wohnung ein. Der Beobachter ist überzeugt, dass die Frau ermordet worden ist, doch niemand glaubt ihm – zumal sie am nächsten Morgen wieder auftaucht. Brock ist sich jedoch sicher, dass es sich um eine andere handelt, die dem Opfer bloß ähnlich sieht.

Mit das Beste im Genre

Die Handlung der achten Episode der ZDF-Krimireihe „Spuren des Bösen“ erinnert derart deutlich an den Hitchcock-Klassiker „Das Fenster zum Hof“ von 1954, dass die Parallelen kaum noch als Inspiration durchgehen. Die deutsch-österreichischen Koproduktionen mit Heino Ferch als Psychiater, der die Kriminalpolizei immer wieder bei Ermittlungen unterstützt, gehören zum Besten, was das Genre hierzulande zu bieten hat.

Tatsächlich ist „Sehnsucht“ als offene Hommage zu verstehen, zumal die Geschichte eigene Akzente setzt. Sie ist die Fortsetzung der herausragenden letzten Episode der Reihe, „Wut“, eines in jeder Hinsicht ungewöhnlich finsteren Polizeithrillers. Am Ende entpuppte sich ausgerechnet Kommissar Mesek (Juergen Maurer), Brocks Vertrauter bei der Wiener Polizei, als größter Unhold von allen.

Ein Drogenwrack sieht Gespenster

Der von Albträumen geplagte Psychiater hat jedoch nach wie vor nichts gegen ihn in der Hand. Und nach der Sache mit dem angeblichen Mord im Haus gegenüber würde ihm ohnehin niemand mehr glauben: „Ein völlig heruntergekommenes Drogenwrack sieht Gespenster“, stellt der Kommissar mitleidlos fest.

Neben Brocks Tochter Petra (Sabrina Reiter), die für Mesek arbeitet und so tun muss, als wisse sie von nichts, gibt es allerdings noch einen weiteren Menschen, der dem Psychiater glaubt, eine weitere Parallele zu „Das Fenster zum Hof“. Bei Hitchcock hat James Stewart die männliche Hauptfigur gespielt, seine Filmpartnerin war Grace Kelly: Die Verlobte des Helden musste an seiner Stelle in die Höhle des Löwen und wurde dort prompt vom Mörder überrascht.

Spiel mit Licht und Schatten

Für diesen Part hat sich der Autor Martin Ambrosch ein schlüssiges Pendant ausgedacht: Aus Sorge um ihren Vater bittet die Tochter Petra die Psychiaterin Brigitte Klein (Katrin Bauerfeind) um Hilfe. Fortan machen sich die beiden Seelenfachleute einen Spaß daraus, sich gegenseitig zu analysieren. Und natürlich bleibt es nicht lange bei der rein psychischen Annäherung, selbst wenn sich Brock noch unnahbarer gibt als sonst.

Während der Regisseur Andreas Prochaska bei „Wut“ alle Register des Thrillers gezogen hat, ist „Sehnsucht“ ein gänzlich anderer Film, selbst wenn das düstere Spiel mit Licht und Schatten gewohnt kunstvoll ist. Gegen Ende wird allerdings auch „Sehnsucht“ – nicht zuletzt dank der anfangs sanften, nun aber donnernden Musik von Matthias Weber – zum Thriller, zumal es im Verlauf des schockierenden Finales zu weiteren Todesfällen kommt.

Anders als bei Hitchcock

Anders als Hitchcock erzählen Ambrosch und Prochaska die Geschichte nicht ausschließlich aus der Perspektive der Hauptfigur. Trotzdem ist der Gruseltransfer mehr als gelungen. Der Held von „Das Fenster zum Hof“ ist ein Fotoreporter, also ein Mensch, bei dem ein gewisser Voyeurismus zum Berufsbild gehört. Brock wiederum muss als Psychiater tiefe Einblicke in die menschliche Seele nehmen, ist also, wenn man so will, ebenfalls ein Voyeur, der allerdings ohne technische Hilfsmittel auskommt.

Umso interessanter ist das Psychoduell mit der Kollegin, die ihn umgehend als Narzissten und Drama-Queen entschlüsselt. Kein Wunder, dass „Sehnsucht“ der Idee, den Eigenbrötler Brock mit einem kessen Gegenentwurf zu konfrontieren, die unterhaltsamsten Szenen verdankt.

Ausstrahlung: ZDF, 2. September 2019, 20.15 Uhr

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