In Tunis protestiert das Volk gegen die Regierung, die es nicht schafft, das Land aus der Krise zu führen. Foto: AP

Sieben Jahre nach der Revolution in Tunesien steckt das Land noch immer in der Krise. Bei einer Veranstaltung in Stuttgart wird nach Auswegen gesucht.

Stuttgart - Die Enttäuschung sitzt bei vielen Tunesiern tief. Ziemlich genau sieben Jahre sind seit der sogenannten Jasmin-Revolution in dem Maghrebstaat vergangen, doch das Land kommt weder politisch noch wirtschaftlich auf die Beine. Die Wiege der arabischen Revolution ist – trotz aller Erfolge – weiter ein Problemfall. „Wenn wir nach Ägypten, Libyen oder Syrien sehen, ist die Lage in Tunesien stabil“, sagt Moez Khalfaoui. Der Professor für islamisches Recht an der Universität Tübingen war einer der Redner bei einer Veranstaltung im Stuttgarter Rathaus. Eingeladen hatten die Stadt und der Verein der tunesischen Akademiker. Doch der Hinweis auf andere Staaten war für die fast 100 meist tunesischstämmigen Zuhörer im Saal ein schwacher Trost. Sie wissen, dass die Lage im Land selbst desolat ist: Die Arbeitslosigkeit ist hoch, das Wachstum schleppend, die Korruption ist ein allgegenwärtiges Übel und das Leben für die einfachen Familien kaum mehr zu bezahlen.

Tunesien muss sich selber helfen

Moez Khalfaoui hofft auf Hilfe aus Europa. Dabei meint er weniger direkte finanzielle Unterstützung, sondern eher Angebote zur Ausbildung und Weiterentwicklung der Demokratie. Dem widerspricht Yassine Ayari. Während der Revolution hat der Mann als Blogger das Geschehen kommentiert und ist nun Abgeordneter im tunesischen Parlament. Er glaubt nicht, dass das Interesse Europas an seinem Land besonders groß ist. „Tunesien muss sich selber helfen“, sagt er und fordert: „Gebt uns keinen Fisch, sondern zeigt uns, wie man angelt.“ Bei diesem Satz nicken alle Anwesenden im Stuttgarter Ratssaal, denn er formuliert den kleinsten gemeinsamen Nenner an diesem Abend: Das Land muss von selbst auf die Beine kommen. Auch beim Benennen der Ziele sind sich die Zuhörer einig. „Tunesien braucht eine funktionierende Verwaltung, ein effizientes Bildungssystem und eine florierende Wirtschaft“, zählt Khalfaoui, der Professor aus Tübingen, auf. Das gebe den Menschen Hoffnung.

Die Menschen brauchen Hoffnung

Angesichts der aktuell desolaten Lage in Tunesien wird diese Hoffnung allerdings eher erstickt, bemerkt ein Fragesteller aus dem Publikum. Einige der Zuhörer bringen sogar ihre Sorge zum Ausdruck, dass die vor sieben Jahren erkämpften Freiheiten wieder einkassiert werden könnten. Doch Moez Khalfaoui versucht zu beruhigen. Alle im Volk hätten die Vorteile der Rede- und Meinungsfreiheit erkannt, und niemand wolle die alte Zeit zurück. Der Professor sagt es und blickt in viele zweifelnde Gesichter.

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