Mittlerweile ist auch Osiander in Stuttgart wegen der Corona-Krise geschlossen: Co-Chef Christian Riethmüller fordert die Verbraucher auf, den regionalen Einzelhandel in Krisenzeiten zu unterstützen. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Osiander-Chef Christian Riethmüller appelliert an die Verbraucher, während der Corona-Krise Internet-Bestellungen bei regionalen Unternehmen aufzugeben, um den Einzelhandel vor Ort zu unterstützen. Das Krisenmanagement der Landesregierung hält er für „sehr schlecht“.

Tübingen - Christian Riethmüller ist Geschäftsführer des Tübinger Familienunternehmens Osiander, mit rund 80 Filialen einer der größten Buchhändler im Land. Im Interview geht er hart mit der Landesregierung ins Gericht. Er setzt auf die Solidarität der Verbraucher und einen Ausgleichsfonds für die Händler im Land.

Herr Riethmüller, wie ist bei Ihnen die Lage?

Wir mussten alle Läden schließen und 650 von 700 Mitarbeitern in Kurzarbeit schicken. Die übrigen Mitarbeiter kümmern sich um unsere Telefon-Hotline, den Webshop und den Versand für das Internet-Geschäft.

Wie sehr helfen Kurzarbeitergeld und Kredite?

Ohne das Kurzarbeitergeld würde es im Einzelhandel wohl in zwei Wochen die erste Pleitewelle geben. Ich glaube, dass es in den nächsten Monaten dennoch zu Insolvenzen im Einzelhandel kommen kann, weil die Kredite, die es geben soll, ja irgendwann wieder zurückgezahlt werden müssen. Das können die Händler bei den enormen Umsatzausfällen aber nicht leisten. Da gehen manche vielleicht lieber in die Insolvenz.

Hilft das Online-Geschäft, die Ausfälle zu mindern?

Ein wenig. Bisher macht das bei uns nur rund neun Prozent des Umsatzes aus. Zwar steigen derzeit die Bestellungen kräftig an – aber das hilft eben nur ein wenig, wenn 90 Prozent der Erlöse aus dem stationären Geschäft wegfallen. Außerdem haben wir beim Online-Geschäft schlechtere Margen und auch Porto und Verpackung müssen wir bezahlen. Richtig helfen würde es nur, wenn alle bei ihrem regionalen Buchhändler online bestellen. Das wäre ein tolles Zeichen von Solidarität.

Gehen die Menschen gezielt auf Ihre Online-Seiten, um zu bestellen?

Einige ja. Aber ich weiß von Lehrern, die ihren Schülern vor den Schulsperrungen gesagt haben, dass sie ihre Lernhilfen bei Amazon bestellen sollen. Da falle ich vom Glauben ab. Wer finanziert denn mit seinen Steuern unsere Krankenhäuser und Schulen? Wir müssen jetzt die Bevölkerung aufrufen, online regional zu bestellen, sei es bei Modehäusern, Sportgeschäften oder uns Buchhändlern. Das kann Händler, die vor der Pleite stehen, vielleicht retten und damit auch das Leben in den Innenstädten.

Wie zufrieden sind Sie als Unternehmer derzeit mit dem Krisenmanagement der Landesregierung?

Die ist sehr schlecht. Am Dienstagabend hat die Landesregierung eine Verordnung erlassen, dass am nächsten Tag Läden geschlossen werden müssen. Das ist kaum zumutbar, denn die Politik hat sich keine Gedanken gemacht, was das für den Einzelhandel bedeutet, über Nacht Läden zu schließen. Man muss Telefone und Mails umleiten, die Mitarbeiter informieren, Putzfirmen und Geldabholungen abbestellen und vieles mehr. Bayern hat das mit zwei Tagen Vorlauf angekündigt. Und es ist auch inkonsequent.

Warum das?

Warum lässt man einen Friseur offen, wenn es engen Kontakt mit dem Kunden gibt, aber den Buchhandel nicht? Auch Bau- und Gartenmärkte dürfen noch öffnen. Konsequenter wäre es gewesen, man macht bis auf die Lebensmittelgeschäfte und Apotheken alles dicht. So aber fordere ich einen Ausgleichsfonds. Die jetzigen Profiteure wie Aldi, Lidl, Müller und Co. sollten höher besteuert werden und die Abgaben in einen Ausgleichsfonds fließen, der dem notleidenden Handel zu Gute kommt. Und dafür muss man auch endlich Amazon zur Kasse bitten. Das ist jetzt wichtige Aufgabe der Politik, um ein großes Händlersterben zu verhindern.

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