Jeff Bridges und Hailee Steinfeld im neuen Film der Coen-Brüder "True Grit" Foto: dpa;Berlinale

Im Western "True Grit" stiehlt die 14-jährige Hailee Steinfeld sogar Jeff Brigdes die Show.

Berlin - Große Festivals zeigen in den Hauptreihen eigentlich keine Filme, die schon im Kino laufen, doch Berlinale-Chef Kosslick hat eine Ausnahme gemacht. Mit dem Spätwestern "True Grit" der Brüder Joel und Ethan Coen, in den USA längst gestartet, hat die Berlinale die gelungenste Eröffnung seit langem gefeiert.

Und das liegt nicht nur an der herausragenden Qualität des Films, sondern auch an den Gästen: Neben den Regisseuren sind die Schauspieler Jeff Bridges und Josh Brolin ebenso angereist wie die erst 14-jährige Hailee Steinfeld.

Geist archaischer Gewalt und Gesetzlosigkeit

Sie spielt eine vorlaute, rechenbegabte Göre im winterlichen Arkansas des Jahres 1872, die im Indianerterritorium den Mörder ihres Vaters zur Rechenschaft ziehen möchte. Dazu heuert sie den versoffenen, bärbeißigen Marshal Rooster Cogburn (Bridges) an, der den Ruf hat, zuerst zu ziehen und dann zu fragen. Aug um Aug, Zahn um Zahn geht es zu in dem riesigen rechtsfreien Raum, der permanent die noch wacklige Zivilisation bedroht, in der öffentliche Hinrichtungen an der Tagesordnung sind.

"True Grit" heißt auf Deutsch in etwa "wahrer Schneid", und schon in diesem Titel schwingt ein Blick auf den Wilden Westen mit, der bis heute das Selbstverständnis vieler US-Amerikaner prägt: Wer Mumm hat, bietet dem Bösen mit Waffengewalt Einhalt. Nicht um Desperados und skrupellose Geschäftemacher geht es da wie einst bei Sergio Leone, sondern um Bürger in einer Welt ohne Skrupel, in der der Tod überall lauert. "Wenn sie ein anständiges Begräbnis wollten, hätten sie sich im Sommer umbringen lassen sollen", sagt Jeff Bridges als Marshall in einer Szene trocken über akute Todesopfer.

Es sieht stark so aus, als hätten die Coen Brothers bewusst den Western-Mythos demontieren wollen, so brillant führen sie den Geist archaischer Gewalt und Gesetzlosigkeit vor, der die Expansion der USA über den ganzen Kontinent begleitet hat. Das aber erweist sich als sehr europäische Lesart der Dinge: "Darüber haben wir gar nicht nachgedacht", sagt Joel Coen auf der überfüllten Pressekonferenz, "uns ging es um diese spezielle Geschichte."Und sein Bruder Ethan ergänzt: "Es gibt weder einen autobiografischen Bezug zu uns noch einen zur Gegenwart. Uns interessieren fesselnde Geschichten, der Einsatz muss hoch sein, und das ist er, wenn es um Leben und Tod geht. Ich glaube, Charles Potis hat das genauso gesehen, als er den Roman schrieb."

Coen Brothers haben sich selbst übertroffen

Das Buch erschien 1969 und wurde direkt verfilmt, John Wayne, genannt Duke, spielte damals die Hauptrolle des Marshals. Nun verkörpert ihn Jeff Bridges, der seit der Raymond-Chandler-Persiflage "The Big Lebowsky" (1998), dem letzten Berlinale-Einsatz der Coen-Brüder, den Spitznamen der späthippiesken Hauptfigur trägt: Dude. Mehr hätten beide Filme nicht gemeinsam, sagt Joel Coen: "Wir haben den Originalfilm als Kinder gesehen und haben ihn nicht noch einmal angeschaut. Wir waren völlig enthusiastisch über das Buch und wollten uns nur danach richten."

Das hat auch Bridges getan, der in der Form seines Lebens ist und nach seinem ersten Oscar 2010 für "Crazy Heart" direkt auf den nächsten zusteuert. "Als klar war, dass es nicht um ein Remake geht, war ich interessiert", sagt er. "Dann las sich das Buch und wusste, wieso sie es verfilmen wollen: Es ist geschrieben wie ein Coen-Brothers-Drehbuch mit all den speziellen Charakteren und Wendungen. Ich arbeite gern mit Romanen, denn sie liefern einem jede Menge Hintergrundinformation über die Figur."

Die Entdeckung des Films ist sicher Hailee Steinfeld, zum Zeitpunkt der Dreharbeiten erst 13 Jahre alt, die die harten Kerle im Film überstrahlt. "Erst war ich ein bisschen eingeschüchtert", sagt sie gar nicht schüchtern, "aber als ich dann alle kennenlernte und feststellte, dass sie locker drauf sind, war das wie weggeblasen. Sie sind für mich alle Vaterfiguren geworden."

Coen Brothers haben sich selbst übertroffen

Eine davon meldet sich zu Wort: "Sie hatte eine Fluchkasse", sagt Bridges. "Wer zum Beispiel das F-Wort benutzte, musste fünf Dollar zahlen. Ich habe irgendwann nur noch anschreiben lassen und schulde ihr immer noch Geld." Und Josh Brolin mutmaßt: "Sie hat mit dieser Kasse wahrscheinlich mehr Geld gemacht als mit der Rolle."

Für Steinfeld war es die erste Begegnung mit Western überhaupt. Nun höre sie auf der Straße Gleichaltrige über den Film reden, sagt sie, "er scheint den Nerv meiner Generation zu treffen". Natürlich läuft "True Grit" außer Konkurrenz, und er hätte wohl auch keine ernstzunehmende - die Coen Brothers haben sich selbst übertroffen, das Timing ist perfekt, jedes Wort, jede Einstellung, jede Geste sitzt so exakt, dass einem der Atem stockt vor so viel vor Vollendung.

Heute beginnt der eigentliche Wettstreit, nach einem schwachen Kinojahr 2010 sind nur 16 Filme im Rennen. Jurymitglied Aamir Khan hofft auf "Filme, die mich berühren, die starke Gefühle auslösen, die mir etwas klarmachen über mich selbst und mein Leben". Schöner kann man nicht in Worte fassen, was auch dieses Jahr unzählige Menschen veranlasst, in langen Schlangen um Berlinale-Karten anzustehen.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: