Auf der Tunnelbaustelle nahe der Autobahn 8 bei Kirchheim hat ein Arbeiter versehentlich den Trinkwasser- mit dem Abwasseranschluss verwechselt. Foto: SDMG/Archiv

Das Trinkwasser in mehreren Haushalten in Kirchheim unter Teck ist möglicherweise verunreinigt, weil auf der Tunnelbaustelle zur ICE-Neubaustrecke von Frisch- und Abwasseranschlüsse verwechselt wurden.

Kirchheim - Die Gefahr, dass Keime in das Trinkwasser einiger Haushalte in Kirchheim (Kreis Esslingen) gelangen könnten, ist auf einen Fehler bei Bauarbeiten am Tunnelportal der ICE-Neubaustrecke Stuttgart–Ulm zurückzuführen. Wie Martin Zimmert, der Geschäftsführer der Kirchheimer Stadtwerke, erklärt, sei dort „wohl versehentlich eine Trinkwasserleitung an eine Abwasserleitung angeschlossen worden“. Zunächst hatte es geheißen, es sei in einem Privathaushalt zu einer Panne gekommen.

Grund ist „menschliches Versagen“

Jörg Hamann, der Kommunikationsleiter des Bahnprojekts Stuttgart-Ulm, bestätigt Zimmerts Darstellung. Am Mittwoch sei auf der Tunnelbaustelle beim Anschluss von Frisch- und Abwasser an einen Vorratsspeicher ein Fehler passiert – durch „menschliches Versagen“. Allerdings sei es unwahrscheinlich, dass verunreinigtes Wasser in das Kirchheimer Netz geraten sei, da nach den bisherigen Erkenntnissen nur das System innerhalb der Baustelle betroffen sei.

Die Trinkwasserleitungen der Baubüros am Tunnelportal seien zwar an das städtische Netz angeschlossen, doch sei der Druck in diesen Rohren erheblich höher als der in den Abwasserrohren. Deshalb sei es wohl nicht zu einer Einleitung von Abwasser in das städtische Trinkwassersystems gekommen, so Hamann. Dennoch habe der Bauleiter am Mittwochnachmittag sofort den Wasserzufluss gestoppt und die Stadt informiert. Es sei wichtig, alle Vorsichtsmaßnahmen zu treffen, um eine Gefährdung von Verbrauchern auszuschließen.

Laut dem Stadtwerke-Chef Martin Zimmert, der sich am Donnerstagvormittag mit Vertretern der Bahn, dem Gesundheitsamt und der Polizei an der Baustelle Tunnelportal Ost getroffen hat, ist der Fehler behoben. Allerdings bestehe nach wie vor das Gebot, das Trinkwasser vorsichtshalber abzukochen. Und zwar so lange, bis eine Entwarnung gegeben werden könne. Davon betroffen seien Haushalte, in denen insgesamt 3000 bis 4000 Personen leben.

Wasser wird vorsichtshalber gechlort

Wolf-Dieter Roser, der stellvertretende Sprecher des Esslinger Landratsamts, erklärt, das Gesundheitsamt habe Proben genommen, um sie auf eine Keimbelastung hin zu prüfen. Zudem werde das Wasser sicherheitshalber gechlort, um eventuell vorhandene Krankheitserreger abzutöten. Außerdem würden die Leitungen gründlich durchgespült. Das daure allerdings seine Zeit, da es sich um ein relativ großes Netz handle, sagt Roser. Die Stadt treffe keine Schuld, betont Martin Zimmert. Ob und wie sich der Verursacher zu verantworten habe, sei unklar. Die Polizei sei ebenfalls informiert.

Michael Schaal ein Sprecher des Reutlinger Polizeipräsidiums, bestätigt dies. Kollegen des Dezernats Gewerbe und Umwelt seien ebenfalls zur Baustelle gefahren. Es müsse nun abgewartet werden, ob sich in der Wasserprobe Keime fänden. Man rechne damit, frühestens an diesem Freitag Ergebnisse zu haben. Wenn Krankheitserreger nachgewiesen würden, aber dadurch niemand zu Schaden komme, handle es sich um eine Ordnungswidrigkeit. Ansonsten bewege man sich im Bereich einer Körperverletzung. Wenn das Wasser keimfrei sei, würden wohl keine weiteren Ermittlungen aufgenommen.

Ein Schaden ist aber in jedem Fall entstanden. Denn sämtliche Filialen der Kirchheimer Bäckerei Kienzle blieben am Donnerstag geschlossen. Alle Backwaren, die mit möglicherweise keimbelastetem Wasser vorproduziert wurden, „landen notgedrungen im Müll“, klagt der Bäckereiinhaber Peter Kienzle. Den Schaden, der ihm durch den eintägigen Totalausfall im Verkauf – Kienzle betreibt sechs Filialen in Kirchheim und zwei im nahen Nürtingen – sowie bei den Personalkosten entstanden seien, könne er noch nicht beziffern. Er habe keine andere Wahl gehabt, da seine Produktionsstätte in der Kirchheimer Gaußstraße und damit in dem gefährdeten Bereich liege.

Das Risiko, dass seine Backwaren mit verunreinigtem Trinkwasser hergestellt wurden und dadurch die Gesundheit der Kundschaft gefährden könnten, „gehe ich auf keinen Fall ein“. Nach der Maxime „es wird schon nichts sein“, könne er nicht verfahren, wenngleich es „zum Heulen“ sei, die Lebensmittel zu entsorgen. An diesem Freitag werde er seine Filialen – unabhängig von dem Probenergebnis – jedoch wieder beliefern können, erklärt Peter Kienzle. Denn er beziehe vorübergehend Frischwasser aus Leitungen, die nicht an dem betroffenen Netzsystem hingen.

Bahn will Schaden regulieren

Wer letztlich für seinen Schaden aufkomme, darüber mache er sich im Augenblick aber noch keine Gedanken, sagt Kienzle. „Darauf sitzen bleibe ich jedoch nur ungern“, sagt er. Der Bahnsprecher Jörg Hamann erklärt, Kienzle solle sich an die Bahn wenden. Dann werde geklärt, ob es sich um einen Versicherungsfall handle oder der Schaden auf andere Weise reguliert werde. Auch die Kirchheimer Stadtwerke werden wohl auf den Konzern zukommen, denn auch ihnen sind laut Martin Zimmert Kosten durch den groß angelegten Einsatz entstanden.

Noch keine Entwarnung

Gebiet
Das betroffene Areal im Südosten des Kirchheimer Stadtgebiets wird im Westen abgegrenzt durch die Lauter, im Norden durch die Jesinger Straße, im Osten durch die Ortsgrenze von Jesingen und im Süden durch die Autobahn 8.

Maßnahmen
Die Haushalte sollten noch mindestens bis Freitag, 18 Uhr, ihr Trinkwasser abkochen. Erst wenn eine einwandfreie Wasserprobe vorliegt, wird Entwarnung gegeben.

Informationen
Für Fragen haben die Kirchheimer Stadtwerke unter der Nummer 0 70 21/5 02-180 ein Informationstelefon geschaltet.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: