Treffpunkt Foyer-Gäste: Julia Lindholm und Matthias Reim Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Da staunt auch Newcomerin Julia Lindholm: Ganz leise wird es bei „Im Himmel geht es weiter“, der ganze Saal singt mit bei „Verdammt, ich lieb’ Dich“ – Matthias Reim zeigt sich beim Treffpunkt Foyer der „Stuttgarter Nachrichten“ als Künstler mit so scharfem wie vertrauenden Blick auf das Leben.

Stuttgart - Am Ende greift Matthias Reim nochmal zur Gitarre. Nicht zum ersten Mal an diesem Abend, aber natürlich haben alle beim Treffpunkt Foyer der „Stuttgarter Nachrichten“ im Mozartsaal der Stuttgarter Liederhalle auf dieses eine Lied gewartet. Hunderte Leser singen mit, als der Song ertönt, der den 61-Jährigen über Nacht berühmt gemacht hat. „Verdammt, ich lieb’ Dich“ stand 1990 stolze 16 Wochen lang auf Platz 1 in Deutschland. Der Beginn einer langen, wechselvollen Karriere mit Höhen und Tiefen. Eine Geschichte vom wahren Leben.

„Man muss immer glaubwürdig bleiben“

„Ich bin gefallen und wieder aufgestanden. Das hat Spuren hinterlassen“, sagt Reim. Heute lebt er in Stockach in der Nähe des Bodensees und feiert wieder große Erfolge. Sein neues Album „MR20“ ist erst vor wenigen Tagen erschienen. „Man muss immer glaubwürdig bleiben“, sagt Reim. Zu erzählen jedenfalls hat er eine ganze Menge.

Gegen das Schubladendenken

Im Herzen ist er ein Rocker. Vielleicht kann Matthias Reim auch deshalb mit dem klischeebeladenen Begriff Schlager nicht viel anfangen. Seine Idole waren schon immer Deep Purple oder Led Zeppelin. „In meiner Jugend war Schlagerhören Hochverrat. Da hat man solche Platten unterm Kopfkissen versteckt, wenn die Freunde kamen“, erinnert er sich. Als sein Riesenhit dann den Stempel Schlager aufgedrückt bekam, war das für ihn ein echtes Problem. „Dieses Schubladendenken ist ein typisch deutsches Phänomen“, weiß der Sänger. Zum Glück habe sich das in den vergangenen Jahren verändert. Heute ist deutschsprachige Musik salonfähig – in jeglicher Ausprägung.

Julia Lindholm startete im Internet durch

Das hat man auch in Schweden bemerkt. Julia Lindholm könnte man beinahe so etwas wie den Gegenentwurf zu Matthias Reim nennen. Die 25-Jährige kommt aus Stockholm und steht noch ganz am Anfang ihrer Karriere. Seit kurzem lebt sie in Köln, singt auf Deutsch und hat einen Weg gewählt, der früher noch nicht möglich gewesen wäre: über das Internet. Besonders auf Youtube hat sie mit Videos auf sich aufmerksam gemacht, ihr aktueller Hit „Boom Boom“ wird fleißig geklickt.

„Es gibt nur eine Julia“

Doch wer glaubt, im Internet liefen die Dinge wie von allein, täuscht sich. „Youtube ist eine großartige Plattform, wo viele Leute die Chance bekommen, sich zu zeigen. Die Konkurrenz dort ist aber so groß geworden, das man etwas Einzigartiges haben muss, um aufzufallen.“ Um diesen „Wow-Effekt“ zu erzielen, sei viel Arbeit notwendig. Und auch sie betont: „Ob auf der Straße, im Internet oder auf der Bühne: Man muss glaubwürdig sein und man selbst bleiben. Es gibt nur eine Julia.“

Geht das Konzept verloren?

Die Anfänge der beiden könnten also kaum unterschiedlicher sein. Reim konnte seinem Vater als Bub „mit ganz viel Charme eine Gitarre aus dem Hintern leiern“. Mit 17 entdeckte er Udo Lindenberg für sich. „Da war ich am Haken und dachte: Es geht auch auf Deutsch. Das war für mich vorher unvorstellbar gewesen.“ Neue digitale Kanäle, das räumt er offen ein, sind eine Belastung für ihn. Er bespielt sie, und doch fehlt ihm dabei etwas. Werden keine ganzen Alben mehr gekauft, sondern nur noch einzelne Lieder heruntergeladen, geht die Konzeption eines Albums verloren. „Da muss ich radikal umdenken“, sagt er und fügt an: „Bei einer Platte hatte man noch einen großen Schatz in der Hand, bei einer CD zumindest einen kleinen.“ Lindholm dagegen beruhigt: Das neue digitale Zeitalter, sagt sie, müsse keine Angst machen. Die Nähe des Publikums zum Künstler erhalte sich durch Konzerte.

Lindholm: „Die neuen Songs gehören mir“

Und doch eint die beiden einiges. Denn egal, welchen Weg zur Karriere man gewählt hat, bleibt für die allermeisten Musiker doch der große Traum von den eigenen Liedern. Die beiden bisherigen Alben der 25-jährigen Schwedin waren gefüllt mit Cover-Songs. Sie hat zum Beispiel Abba-Lieder auf Deutsch gesungen. „Abba ist zeitlose Musik, fast etwas Heiliges“, sagt sie darüber. Und doch freut sie sich sehr darüber, dass ihr drittes Album, das Ende Februar veröffentlicht werden soll, eigene Lieder enthält. „Das ist zum ersten Mal die ganze Julia, diese Songs gehören mir.“ Viel Tanzbares ist da zu erwarten, Partymusik auf Deutsch, vielleicht Schlager, vielleicht Pop.

Lindholm „will Freude verbreiten“

Überhaupt verströmen die beiden Gäste auf dem Podium gute Laune und Zuversicht pur. „Ich bin eben ein kleiner Wirbelwind, ein Energiebündel. Ich will Freude verbreiten“, sagt Julia Lindholm. Selbst als Moderator Nikolai B. Forstbauer, Titelautor der Stuttgarter Nachrichten, den Fußballfan Reim nach einem Erfolgsrezept für den VfB fragt, bleibt der Sänger zuversichtlich. Der Fan von Borussia Dortmund sieht bei vielen Bekannten, die es mit dem VfB halten, wie sie leiden. „Man muss positive Energie rüberbringen und daran glauben“, sagt er. Ohne zu wissen, dass sich diese Energie im selben Moment auf die VfB-Kicker zu übertragen scheint, die praktisch zeitgleich in Hamburg das Siegtor schießen.

Reim: „Ich kann still und zickig sein“

Reim weiß nur zu gut, wovon er spricht. Wahrscheinlich macht das auch seinen Erfolg aus. Er ist Vater von sechs Kindern von fünf verschiedenen Frauen. „Ich kann still und zickig sein. Es ist nicht immer einfach mit mir“, gibt er zu. Um sofort wieder positiv zu werden: „Ich habe die Suche nach dem Heiligen Gral nie aufgegeben, nach der einen Liebe, die niemals aufhört.“ Wie er das so sagt, könnte es fast ein Liedtitel sein. Vielleicht fürs nächste Album, denn müde, das scheint klar, ist er noch lange nicht.

Zum Finale „Verdammt, ich lieb’ Dich“

Und dann singt der ganze Saal „Verdammt, ich lieb’ Dich“. Auch Lindholm stimmt mit ein in den Riesenhit aus dem Jahr 1990. Ist das Lied Segen oder Fluch? „Dieser Song begleitet mich noch heute massiv. Er war nicht zu toppen“, sagt Reim, als er die Gitarre zur Seite stellt. Und erzählt vom Balanceakt, sich nicht zu wiederholen, aber auch nicht komplett neu zu erfinden, weil die Leute ja mögen, was er gemacht hat. „Heute bin ich froh, dass ich dieses Lied habe. Wenn mir das auf einem Konzert 15 000 Menschen ins Gesicht singen, ist das der schönste Moment der Welt.“ Völlig egal, ob man es nun Schlager nennt oder nicht. Musik ist einfach Musik.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: