Reid Anderson beim Treffpunkt Foyer in der Stuttgarter Liederhalle Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Im September 2018 geht nach 22 Jahren die Ära des Reid Anderson zu Ende. Beim Treffpunkt Foyer unserer Zeitung hat der Intendant Bilanz gezogen und skizziert, was nötig ist, damit der Glanz des Stuttgarter Balletts auch in Zukunft nicht erlischt.

Stuttgart - Schritte in die Zukunft versprach Reid Anderson einst. Das Stuttgarter Ballett ist sie gegangen. Und wie! Die Kompanie gehört heute zu den besten der Ballettwelt. Gleichwohl geht es am Montagabend beim Treffpunkt Foyer unserer Zeitung zu Beginn erst einmal um die Vergangenheit. Um die Zeit, in der Anderson als Direktor 1996 vom National Ballett of Canada in Toronto in die Landeshauptstadt wechselte.

Spagat zwischen Extraklasse und dem Sinn für das Ganze

Befragt von Nikolai B. Forstbauer, Titelautor unserer Zeitung, skizziert der heute 68-jährige Ballettchef, wie hart das Aufräumen in den ersten Monaten und wie lehrreich die ersten Jahre für ihn waren. Am Beispiel von Margaret Illmann, die wie ein Filmstar gewesen sei und so viel Elan gehabt habe wie sonst nur wenige Tänzerinnen, beschreibt Anderson den Spagat, den er als Intendant leisten musste: zwischen der Begeisterung für tänzerische Extraklasse und dem Sinn fürs Ganze: „Unser Problem war: Sie passte nicht in die Kompanie. Und die Kompanie hat immer Vorrang für mich.“

Die Verjüngung der Kompanie war „die Hölle“

Eigentlich denkt Anderson nicht mehr an seine Anfangszeit zurück, wie er sagt. Doch um Aufbauarbeit leisten und das Erbe des 1973 verstorbenen Ballettgründers John Cranko weiterentwickeln zu können, war gerade die Verjüngung der Kompanie, die Anderson als „Hölle“ bezeichnet, elementar. Immer wieder spricht der gebürtige Kanadier an diesem Abend vor rund 500 Leserinnen und Lesern unserer Zeitung im Mozartsaal der Liederhalle in Metaphern. Das Schloss, das Cranko einst gebaut habe, sei wie bei Dornröschen wild zugewuchert ­gewesen, sagt er: „Da konnte ich nicht mit der Schere rangehen, da musste ich mit der Machete ran.“

Der Aufbruch gelingt mit Absolventen der Cranko-Schule

Doch die unbequemen Entscheidungen haben sich gelohnt. Anderson konnte seine Vorstellungen verwirklichen und das Stuttgarter Ballett zum an diesem Abend als „Ballettwunder 2.0“ bezeichneten Triumph führen. Die Kompanie entwickelte sich ständig weiter, auch dank des Drucks von innen heraus – den die vielen eigenen Talente aus der John-Cranko-Schule ausüben.

Das Quartett Vladimir Malakhov, Yseult Lendvai, Robert Tewsley und Margaret Illmann brachte Reid Anderson 1996 aus Toronto mit, danach holte der Stuttgarter Ballettchef nur selten Tänzer von außen. Stars einzukaufen sei nie interessant für ihn gewesen, sagt Anderson. Es fasziniere ihn viel mehr, zu sehen, wie die jungen Talente auf der großen Bühne ankommen und sich entwickeln. Manche kenne er seit ihrem zehnten Lebensjahr. Und jetzt? Sind sie Superstars. „Das ist magisch.“

Anderson möchte das Training für Zuschauer öffnen

Auch das Duo Friedemann Vogel und Alicia Amatriain, das an diesem Mittwoch die Hauptrollen in John Crankos Version des Klassikers „Schwanensee“ tanzen wird, kommt aus der Schule. Die Bühnenproben laufen auch am Montagabend, und es ist für Reid Anderson ungewöhnlich, nicht im Opernhaus dabeizusein. Stattdessen unterstreicht er beim Treffpunkt Foyer noch einmal die Bedeutung der Stuttgarter Kaderschmiede: „Hätten wir diese Schule nicht, würde das Stuttgarter Ballett heute niemals so gut dastehen, wie wir es jetzt tun“, sagt der Ballettchef. Für ihn spielt sie auch in der Zukunft eine entscheidende Rolle. Dass nach intensiver Vorarbeit und vielen zähen Diskussionen ein Neubau der John-Cranko-Schule komme, mache ihn glücklich.

Der Nachfolger steht fest – Tamas Detrich

Der Kanadier selbst wird den 52 Millionen Euro teuren Komplex als Intendant nicht mehr eröffnen können. Im Sommer 2018 übergibt er die Führung an seinen bisherigen Stellvertreter Tamas Detrich. Wegen Schadstoffen im Boden und der schwierigen Lage am Hang dauern die Bauarbeiten länger als ursprünglich geplant, die Fertigstellung verschiebt sich dem Finanzministerium zufolge ins Jahr 2019. Er könne damit leben, sagt Anderson, weil er wisse, dass das Resultat am Ende hervorragend sein werde. Mit funkelnden Augen hinter der randlosen Brille beschreibt er, wie die dort geplante Probebühne auch für die Kompanie ein Schritt auf ein ganz neues Level sei. Sie bietet optimale Arbeitsbedingungen für die Schule. Und auch für die Kompanie. Man könne dem Publikum dort sogar öffentliches Training anbieten, schwärmt er.

„Wenn man die Tänzer nicht pflegt, fliegen sie davon“

Doch die Ausbildungs- und Trainingsbedingungen sind nur das eine. Für eine erfolgreiche Zukunft braucht das Stuttgarter Ballett seiner Ansicht nach auch eine moderne, interessante Interimsoper. Mit dem alten Paketpostamt an der Grenze zum Rosensteinpark hat sich der Verwaltungsrat auf einen Standort festgelegt. Platzmangel werde es dort nicht geben, sagt Anderson – aber man müsse heute viel Fantasie haben, um zu erahnen, wie es dort einmal aussehen werde.

Anderson: Man muss auch im ehemaligen Paketpostamt etwas wagen

Anderson plädiert dafür, etwas zu wagen und diesen Ort mit seinem riesigen Platzangebot in einen „In-Spot“ mit einer hohen Attraktivität fürs Publikum zu verwandeln. In einen Ort, an dem das Stuttgarter Ballett auch künstlerisch Risiken eingehen könne. Um deutlich zu machen, wie wichtig eine interessante, moderne Lösung auch für die Tänzerinnen und Tänzer ist, zieht er wieder einen bildstarken Vergleich. Demnach sind seine Protagonisten wie Schmetterlinge. Gelinge es nicht, sie zu füttern und zu pflegen, flögen sie davon.

Fünf Jahre soll die Interimslösung andauern. Im Ballett ist ein solcher Zeitraum bereits ein Drittel der professionellen Karriere. Wenn Tänzer fünf Jahre „in the middle of nowhere“, also mitten im Niemandsland an einem Unort tanzen müssten, würden sie gehen, warnt Anderson. Die meisten Leute, vor allem die Politiker, würden das gar nicht ­verstehen.

Vor allem in Fernost liebt das Publikum die Kompanie.

Stuttgart bleibt die Basis für das Stuttgarter Ballett. International hat es sich zu einer Marke für Spitzenkultur entwickelt, bei Gastspielen sind die Säle ausverkauft. Vor allem in Fernost liebt das Publikum die Kompanie. Man habe davon profitiert, dass das Interesse am klassischen Ballett in vielen asiatischen Ländern in den vergangenen zwei Jahrzehnten enorm gestiegen sei, sagt Anderson. Und für seine Tänzerinnen und Tänzer seien die Auftritte fernab der Heimat eine Herausforderung, aber eben eine enorm wichtige. Gastspiele seien „sehr anstrengend“, aber sie seien auch eine Zeit der Freiheit, weil man – zumindest meistens – nicht auch noch proben müsse, sagt Anderson.

Finale mit den „Fantastischen Fünf“

Und was erwartet das Stuttgarter Publikum mit Reid Andersons Finale? Am 23. März kommt es zu einer besonderen Premiere – „Die Fantastischen Fünf“. Stücke von Marco Goecke, Katarzyna Kozielska, ­Roman Novitzky, Louis Stiens und Fabio Adorisio werden dann zu erleben sein. Fünf neue Choreografien an einem Abend, das sei auch für ihn eine Premiere, sagt Anderson gegen Ende des Abends im Mozartsaal: „Aber ich wollte es so. Da war ich mal egoistisch.“ Er wolle das jedoch auch „für euch“ – für das Publikum.

Cranko-Schüler begeistern

Zum Finale des Abends zeigen Ji Soo Park, Luca Bergamaschi und Vincent Travnicek – Schüler aus der John-Cranko-Schule – „Lamento della Ninfa“, ein spannungsreiches Stück des Engländers Stephen Schrophshire. Es begeistert das Publikum in der Liederhalle – und ist ein kleiner Vorgeschmack auf die Zukunft, auf die nächste Generation des Stuttgarter Balletts.

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