Dietmar Hopp (links), Angela Merkel und Winfried Kretschmann beim Treffen in Sinsheim. Foto: AFP/DANIEL ROLAND

Einst posierte Angela Merkel im Anorak als Klimakanzlerin vor schmelzenden Arktis-Gletschern. Aber es geht auch eine Stufe kleiner, auch wenn das Thema brennt wie nie. In der nordbadischen Provinz geht sie mit Ministerpräsident Kretschmann auf Klima-Entdeckungsreise.

Sinsheim - Winfried Kretschmann klingt am Ende ganz angetan von Angela Merkel. „Sie ist sehr interessiert“, schwärmt der grüne Ministerpräsident nach einem Rundgang mit der CDU-Kanzlerin durch die neue „Klima Arena“ in Sinsheim im Rhein-Neckar-Kreis. Beide lassen sich am Montag die Eröffnung der Mitmachausstellung nicht entgehen. „Wir sind ja beides Naturwissenschaftler. Und da merkt man gleich, wie einen das verbindet.“ Die Kanzlerin ist vielen nicht schwarz genug, Kretschmann einigen in seiner Partei viel zu schwarz. Zwischen den beiden scheint das Klima zumindest zu stimmen.

Global gesehen gerät es jedoch mehr und mehr aus den Fugen. Der Klimawandel ist das politische Megathema dieser Tage, da will die Kanzlerin selbst vorbeischauen bei der Eröffnung der Ausstellung in der nordbadischen Provinz. Und so staunten Kanzlerin und Ministerpräsident über abschmelzende Gletscher, den CO2-Abdruck beim Einkaufen im Supermarkt, über klimafreundliche Gebäude und das Verschwinden des Regenwaldes. Besucher sollen in Sinsheim lernen, wie sie selbst einen Beitrag leisten können gegen den Klimawandel.

Hopp will vorangehen

Die neue Einrichtung ist gesponsert von Dietmar Hopp, Mäzen des TSG 1899 Hoffenheim. Das Gebäude liegt auch nur einen Steinwurf vom Stadion entfernt, in der Dietmar-Hopp-Straße. Hopp spricht am Montag von einem atemberaubenden Ressourcenverbrauch. 2014 habe er den Startschuss für das Projekt gegeben, der Klimawandel habe ihm aber schon vorher Angst gemacht. „Wir leben auf Pump“, sagt Hopp. Ohne eine Wende werde es zur Katastrophe kommen. 45 Millionen Euro habe er in die Arena investiert. Er spare daheim auch selbst beim Strom und Wasser. Er träumt schon von weiteren Arenen in jedem Bundesland.

In einer Supermarkt-Installation können sich Besucher über den CO2-Abdruck von Lebensmitteln informieren. „Die Kanzlerin wollte Hähnchen“, sagt ein Mitglied der Klima-Stiftung von Hopp. 100 Gramm Hähnchenfleisch verursachen 370 Gramm CO2 - dieselbe Menge Rind hingegen mehr als ein Kilo. Schautafeln erklären den Treibhauseffekt. In einem Memory-Spiel kann man Fakten zum Klima lernen, etwa dass man Wohnräume rund fünf Minuten lüften sollte. In einem blauen Würfel in der Mitte der Halle, der aussieht wie ein Gletscher, können Besucher in das Jahr 2100 reisen. Es ist düster dort. Der Amazonas ist nur noch braunes Ödland.

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„Wir haben keine Erlebniswelten geschaffen, sondern ein Informationszentrum“, sagt der Vorstandsvorsitzende der Klima-Stiftung, Alfred Ehrhard. Die Botschaft sei, dass jeder seinen Beitrag leisten könne. Die Ausstellung selbst sei allerdings nicht CO2-neutral. „Wir kompensieren nicht alles“, sagt er. Aber Wissensvermittlung dürfe man nicht gegen den CO2-Ausstoß aufrechnen.

Kretschmann betont die Bedeutung des Projekts. „Es gibt immer mehr Menschen, die verführt werden. Die gar nicht glauben, dass es den Klimawandel gibt“, sagt er. „Wenn wir Menschen zu Verbündeten im Kampf gegen Klimawandel machen wollen, brauchen wir mehr als Pdfs, Bücher und Schaubilder.“ Aufklärung sei wichtig, sagt er. Er sieht sich im persönlichen Klimaschutz durch sein Amt begrenzt. „Ich kann da persönlich gar nicht so viel machen, außer dass ich mir bald ein Elektroauto zulege.“

Merkel wehrt sich

Das Thema könnte nicht aktueller sein: Die schwarz-rote Bundesregierung hat erst vor wenigen Tagen ein 200 Seiten starkes Klimaschutzprogramm geschnürt - und dafür heftige Kritik von Opposition und Klima-Aktivisten geerntet. Verschmutzungsrechte, die Unternehmen für den Verkauf fossiler Heiz- und Brennstoffe künftig nachweisen müssen, sollen 2021 nur zehn Euro pro Tonne kosten. Später soll der Preis dann steigen.

Merkel weist in Sinsheim aktuelle Klagen über eine Abschwächung ihres Klimaschutzkonzepts energisch zurück. Es herrsche eine sehr große Nervosität in der Debatte. Die Bepreisung von CO2 sei zentrales Element des Klimaschutzpakets. „Wir glauben, dass man etwas langsamer einsteigen sollte, um möglichst viele Menschen mitzunehmen.“ Im Zweifel müsse man eben dann nachsteuern.

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In seiner Rede gibt sich Kretschmann dann doch ein wenig grüner und ungeduldiger als die Kanzlerin - und kann sich Kritik am schwarz-roten Klimapaket nicht verkneifen. Die Signale über Preise müssten so groß sein, dass Unternehmer den Klimaschutz zum Kern ihres Geschäftsmodells machten. „Diesem Ziel sind wir aus meiner Sicht in den vergangenen Wochen noch nicht nahe genug gekommen.“ Der Klimawandel sei kein Zeitgeistthema, sondern „das bestimmende Thema unserer Zeit“. Statt Panik brauche es eine Stimmung der Tatkraft.

Kretschmann lobte in dem Zug auch die Demonstrationen und Proteste von Klimaaktivisten. Am Montag gingen in Deutschland und anderen Ländern auch Klimaaktivisten der Bewegung Extinction Rebellion auf die Straße. „Gott sei dank protestiert die Jugend“, sagt er. Man müsse ja schneller werden im Kampf gegen den Klimawandel. „Dass kann ich nur begrüßen, dass die jungen Leute sich das nicht gefallen lassen.“

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