Tobias Rehberger im Dialog mit „Stuttgarter Nachrichten“-Autor Nikolai B. Forstbauer Foto: Steffen Schmid

Mehr als 300 Besucherinnen und Besucher erleben Tobias Rehberger in der Staatsgalerie Stuttgart. Auch das Rosensteinquartier ist Teil seiner künstlerischen Ortsbefragung.

Stuttgart - Tobias Rehberger interessiert sich für den Raum. Oft hat er in seinen Arbeiten Innenräume gestaltet, als Künstler in räumliche Zusammenhänge eingegriffen. Er hat städtische Orte der Begegnung – eine Bar, eine Metzgerei – als Kunstorte konzipiert. Er ist ein großer Fan des Fußballs, kann sich sogar vorstellen, ein Stadion als Kunstwerk erbauen zu lassen – mit solchen Gedanken spielt er als Gast in der Gesprächsreihe „Über Kunst“ mit Nikolai B. Forstbauer, ­Titelautor der „Stuttgarter Nachrichten“.

Mehr als 300 Besucher bei „Über Kunst“

Einen direkt persönlichen Bezug besitzt Rehberger zu mindestens drei großen Stadträumen Deutschlands: Er lebt und arbeitet in Frankfurt am Main und in Berlin; er wurde geboren im nahen Esslingen und erstellt aktuell in Stuttgart seine begehbare Skulptur „Probegrube“, die am 16. Mai eröffnet wird. Ein Anlass, der am Mittwochabend mehr als 300 Besucherinnen und Besucher in die „Über Kunst“-Bühne Staatsgalerie Stuttgart lockt.

Rehberger sucht „produktive Missverständnisse“

Das Räumliche, das Nebeneinander, Übereinander von Ideen, ihre Gleichzeitigkeit bestimmen das Denken dieses Künstlers. Städte interessieren ihn als Orte der Unausweichlichkeit. „Dort können Dinge aufeinandertreffen“, sagt er. Anders als das Land mit seinen Rückzugsmöglichkeiten sei die Stadt ein Ort der Konfrontation. Kulissenhaft wird sie für Tobias Rehberger nur dann, wenn sie erstarrt, genau geplant, beschrieben ist, wenn kein Raum mehr bleibt für Möglichkeiten, Offenheiten, Ungeklärtheiten. Für die „produktiven Missverständnisse“, die dieser Künstler so schätzt. „Plötzlich verschiebt sich etwas“, sagt Rehberger. „Das ist mein Lieblingsmoment in der Kunst.“

Warum denkt man das Unfunktionale nicht mit?

Ein Bild, das Tobias Rehberger selbst ­geprägt hat, ist das der „kleinen schwarzen Löcher in der urbanen Wahrnehmung“. Ein solches Loch kann für ihn auch das Loch in einer Wand sein, vor langer Zeit in Berlin, das zwei Brasilianer dazu inspirierte, dort, in einem defekten Haus, eine Bar zu eröffnen. „Warum“, fragt Rehberger, „denken wir das Unfunktionale nicht mit und lassen zu, was aus seinen Notwendigkeiten entsteht?“

In einem Übermaß des Bauens, Planens, Verschönerns, Verbesserns sieht er eine Gefahr, nicht nur für die Stadt: Die Straße, deren Spurbreite so sehr verringert wurde, dass schnelles Fahren in ihr nicht mehr möglich ist, sagt er, sei vielleicht auch für eine Demonstration zu schmal.

Rehberger arbeit mit einer umfassenden Produktionskette

Tobias Rehberger studierte von 1987 bis 1992 bei Thomas Bayrle und Martin Kippenberger an der Städelschule in Frankfurt; seit 2001 ist er dort selbst als Professor tätig. Die Kunsthochschule sieht er als einen geschützten Raum, in dem Dinge entstehen können, die sich nicht vorhersehen lassen, vielleicht bis zu einem gewissen Grad analog zum Raum der Stadt. „Für ein abrufbar überprüfbares Wissen“, sagt Rehberger, „ist an einer Kunsthochschule keine Verwendung.“ Schlechte, misslungene Kunst interessiert ihn so sehr wie die gute, gelungene – nur die große Grauzone zwischen beiden ist für ihn vollkommen belanglos. 1997 nahm Tobias Rehberger erstmals an der Biennale in Venedig teil. Seine eigene Kunst wuchs seither in räumlichen Dimensionen, gewann an Komplexität, erfordert größere logistische Leistungen. Arbeiten, die von anderen besser ausgeführt werden können, vergibt er.

Die Möglichkeiten, die die digitale Technik – 3-D-Drucker inklusive – beim Entwurf, bei der virtuellen Gestaltung eines Objektes bietet, schätzt Rehberger. Seine Arbeit bewegt sich stets zwischen dem genau Bestimmten und dem Unbestimmten. Gerne spricht er vom „schönen Kontrollverlust“, davon, Prozesse ins Unbestimmte zu schicken.

Der Künstler als Fußballfan

Rehbergers Interesse schließt viele Kulturtechniken ein – das Essen, der Fußball sind Beispiele. Er sagt: „Es muss ja nicht immer Kunst sein.“ Aber Kunst, dies betont er, stellt für ihn vor allen Dingen eine Form des Denkens dar. Ein Denken, das er anwendet in verschiedenen, auch urbanen Situationen. In Frankfurt, seinem Wohnort seit nun 30 Jahren, erlebt er eine „Grauheit und Direktheit“, den Charme einer Metropole im Umbruch, im dauernden Wandel.

Die Chance Rosensteinquartier nutzen

Stuttgart scheint hier nicht unähnlich: „Das Rosensteinquartier“, sagt Tobias Rehberger, „ist wahrscheinlich eines der letzten großen innerstädtischen Bauvorhaben in den nächsten 100 Jahren.“ Dort also findet er eine jener Situationen vor, denen seine besondere Aufmerksamkeit gilt. „Es wäre angebracht, hier anders und weiter zu denken, über das hinaus, was man von anderen Stadtentwicklungsprojekten kennt“, sagt er und bekommt Applaus.

Den Stuttgarter Stadtraum, das Rosensteinquartier, will Rehberger bewusst unideologisch befragen; in seiner „Probegrube“ will er sehr diverse Ideen, Konzepte einander überlagern, schichten. Die Grube selbst, als Bild, sagt er, habe ihren Ursprung sowohl in der städtebaulichen Praxis als auch im Theater. Burkhard C. Kosminski, Intendant des Schauspiels Stuttgart, hat Rehberger zu diesem Projekt eingeladen.

Der Bildhauer sieht das Theater als einen „Gegenort der Wirklichkeit“; die Baugrube ist für ihn, mit den Worten des Architekturkritikers Niklas Maak, das „schlechte Gewissen einer Stadt“. Und Stuttgart selbst, das hat Tobias Rehberger nicht übersehen, ist natürlich auch dies: eine Grube, ein ­großer Kessel.

„Probegrube“ lebt durch die Nutzung

Andreas Hofer, Intendant der Internationalen Bauausstellung 2027, wird bei der Eröffnung der Probegrube“ über das Thema „Kunst als Impuls für die Stuttgarter Stadtentwicklung“ sprechen. Rehberger geht der Titel fast zu weit. Er will lieber von Stadtentwicklung im Allgemeinen sprechen, will zurücktreten hinter den Wahrnehmungs- und Denkmöglichkeiten, die seine Arbeit eröffnet. Die „Probegrube“ wird so zu einem Werk, das auch in der Nutzung durch die Besucher entsteht, in das eben diese Möglichkeiten, Perspektiven eingeschrieben sind.

Als ein Künstler, der die Grenze zur ­Architektur, zum Design überschreitet, sieht Tobias Rehberger sich indes nicht. „Ich war niemals ein Freund einzelner Ideen, sondern von Ideen, die sich einander ablösen“, sagt er. „Ich erkläre mir die Welt durch Differenz und nicht durch Gleichheit. So wird die Welt reich und das Gehirn größer.“

Tobias Rehberger in Stuttgart – 2021 Ausstellung im Kunstmuseum

Das Projekt Der Künstler Tobias Rehberger und sein Studio haben für das Schauspiel Stuttgart eine begehbare Skulptur über das utopische Potenzial der mit Stuttgart 21 zusammenhängenden Stadterweiterung entwickelt. „Probegrube. New Landscapes Show Up In The Unlikeliest Places“ heißt das Projekt im Schlossgarten. Eröffnung ist am 16. Mai um 19 Uhr. Von 22.30 Uhr wird im Schauspielhaus mit Tiefschwarz gefeiert.

Die Ausstellung Ende 2021 wird im Kunstmuseum Stuttgart eine umfassende Ausstellung zum Werk von Tobias Rehberger stattfinden. Dies sagte Rehberger, 2009 mit dem Goldenen Löwen der Bienale Venedig geehrt, am Mittwoch beim „Über Kunst“-Gespräch. Kunstmuseumsdirektorin Ulrike Groos bestätigte das Projekt: „Ich freue mich auf die Zusammenarbeit.“

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