Ein Bild der Plakatausstellung „The Life and Struggle of Garment Workers“, das das Leid der Näherinnen dokumentiert Foto: Foto: www.taslimaakhter.com

Future Fashion statt Fast Fashion: Angesichts der modernen Sklaverei in Asien zeigen Stuttgarter Gruppen, wie und wo man Klamotten in der Stadt mit gutem Gewissen einkaufen kann. Sie bieten sogar einen fairen und geführten Einkaufsbummel an.

Stuttgart - Es sind Mädchen ohne Zukunft. Von ihren Familien verkauft. Von skrupellosen Geschäftemachern ausgebeutet. Die etwa 300 000 Mädchen mit ihren flinken Händen in den Spinnereien Südindiens sind bar jeder Würde. Ohne Menschenrechte. Sie sind moderne Sklaven. „Sie schuften bis zur totalen Erschöpfung in einer Siebentagewoche bis zu zwölf Stunden“, erklärt Reji Parappallil, der für Terres des Hommes arbeitet, bei seinem Besuch in Stuttgart.

Sein Bericht erschüttert die Zuhörer im Institut für Auslandsbeziehungen. Mit jedem Detail ein bisschen mehr. Etwa, dass die Mädchen manchmal vor Erschöpfung in die Maschinen fallen. Dass sie danach halb tot nicht medizinisch versorgt werden, dass sie kein gesundes Essen bekommen, dass die sanitären Anlagen grauenhaft sind, dass sie sexuell belästigt werden, dass sie die Spinnereien nicht verlassen dürfen und dass jeder Kontakt zur Außenwelt verboten ist. Und: Sollten sie den Drei- oder Fünfjahresvertrag, den ihre Familien in gutem Glauben mit den Textil-Mafiosi geschlossen haben, nicht bis zum Ende erfüllen, stehen sie mit leeren Händen da. Dann gibt es nicht einmal den gerechten Anteil der versprochenen 1500 Euro für fünf Jahre Martyrium. Dann bleibt ihnen nur das körperliche oder seelische Trauma, das nie wieder heilt. Was in Südindien bittere Realität ist, kann sich überall auf der Welt gleich oder ähnlich abspielen.

Der Hunger nach Fast Fashion

Doch ins Bewusstsein der Öffentlichkeit geraten sie meist nur dann, wenn etwas Schreckliches passiert. So wie in Bangladesch, als die Textilfabrik in Rana Plaza niederbrannte und am 24. April 2013 beim bisher größten Unfall in der internationalen Textilindustrie 1100 Näherinnen im Flammenmeer umkamen. „Seit Rana Plaza ist es in Bangladesch besser geworden“, sagt Philipp Keil der Stiftung Entwicklungszusammenarbeit (SEZ). Aber das heißt nicht, dass anderswo heile Welt wäre. Menschenunwürdige Bedingungen und Ausbeutung sind eher die Regel als die Ausnahme in diesen Ländern. Denn der Hunger nach billiger und schnell produzierter Mode ist groß. „5,4 Milliarden Kleidungsstücke werden alleine in Baden-Württemberg jährlich konsumiert. Die Hälfte davon wird nur einmal getragen.“

Damit hat er den Ball elegant an die Verbraucher weitergespielt. Denn in Ländern wie China, Bangladesch oder auch Indien direkt gegen die Missstände zu kämpfen, gleicht dem Kampf gegen Windmühlen. Auch Reji Parappallil weiß, dass er Korruption und die Machenschaften der Textilindustrie nicht von heute auf morgen in Indien beenden kann. Daher reist er um die Welt. Klärt auf, schafft Bewusstsein. Dafür, dass diese armen Mädchen die wahren Kosten der Spottpreisklamotten tragen. Nicht zu vergessen, dass diese Art von Textilproduktion die Umwelt zerstört.

Mit diesem Wissen, so hofft auch Mirjam Hitzelberger vom Dachverband Entwicklungspolitik, müsste eigentlich jeder Einkauf bei einem Fast-Fashion-Händler zur Gewissensfrage werden. Eigentlich müsste man sich beim lustvollen Bummel durch die Stadt die Frage stellen: „Wer hat meine Klamotten gemacht?“ Aber statt die Moralkeule zu schwingen, setzt auch sie auf Aufklärung. „Ich weiß, dass es schwer ist, anders einzukaufen und sich in diesem Ökolabel-Labyrinth zurechtzufinden.“ Der Verbraucher sollte es einfacher haben. Etwa durch ein Lieferkettengesetz, das angeblich von CDU-Wirtschaftsminister Peter Altmaier blockiert wird. „So ein gesetzlicher Rahmen würde sicherstellen, dass die Unternehmen auf die Menschenrechte oder Umweltzerstörungen ihrer Zulieferer achten müssen“, sagt Hitzelberger, „freiwillige Selbstverpflichtungen reichen nicht aus“.

Qualität statt Masse

Gleichwohl hätte der Verbraucher schon jetzt „jede Menge Optionen“. Eines ihrer Schlagworte lautet: „Buy less, pay more.“ Frei übersetzt: Kaufe mehr Qualität statt Masse. Aber wo? Welche Läden in Stuttgart haben Klamotten, die unter ökologisch einwandfreien Bedingungen und ohne Menschenrechtsverletzungen produziert wurden? Welche Labels haben freiwillig einen Verhaltenskodex unterzeichnet? Greenpeace Stuttgart hat dazu einen „Ratgeber Kleidung“ gedruckt, der grundsätzliche Orientierung bietet, aber auch 21 Läden auflistet, „wo der Einkauf einen Beitrag für eine gerechtere Welt und Schonung der Umwelt leistet“. Um die Sache noch griffiger zu machen, bieten Mirjam Hitzelberger und ihr Dachverband Entwicklungspolitik Future-Fashion-Touren durch Stuttgart an. Dabei schlendert sie mit Gruppen durch die Stadt und erklärt hautnah, wie man beim Einkauf soziale Verantwortung übernehmen kann.

Die Termine für die Führungen im März sind nach dem Erscheinen dieses Artikels alle ausgebucht. Mehr Informationen zu den nächsten Führungen gibt es per E-Mail lena@futurefashion.de
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