Willkommener Helfer: Serkan Eren wird von Flüchtlingskindern begrüß Foto: Balkanroute

Balkanroute Stuttgart nennen sie sich. Und helfen Flüchtlingen, die am Mittelmeer gestrandet sind. Mit Essen, Kleidung und Spielsachen. Nun reist Gründer Serkan Eren wieder in die Türkei. Timo Hildebrand wird dabei sein. Geld hat er gesammelt und gespendet, nun will er mit anpacken.

Stuttgart - Die Albträume kommen immer noch. Die Toten am Strand, die verzweifelten Menschen, die halb verhungerten Kinder, alles was der Stuttgarter Serkan Eren in den vergangenen Jahren in Griechenland und der Türkei gesehen hat, taucht dann wieder auf. „Nach meiner ersten Reise konnte ich nicht schlafen, bin alle zehn Minuten wieder aufgewacht“, sagt der Lehrer an der Stuttgarter Merzschule , „mittlerweile kann ich aber damit umgehen.“

Weil es auch die anderen Bilder gibt. Die Handküsse der Männer, die so dankbar sind, dass ihre Kinder wieder etwas zu essen haben. Das Strahlen des kleinen Jungen, der sein ganzes Leben auf der Flucht war und erstmals einen Stift in der Hand hat und etwas malen konnte. Die Umarmung des Buben, dem er eine Jacke und Schuhe gab.

Ihn plagen Albträumne

Deshalb macht er weiter, und weil er sich allen Helfern verpflichtet fühlt. „Wir werden von so vielen Menschen unterstützt“, sagt er, „dafür tragen wir Verantwortung.“ Unter jenen, die mit Rat, Tat und Geld helfen, ist auch der ehemalige VfB-Torhüter Timo Hildebrand. Über einen Artikel in dieser Zeitung ist er auf den Verein aufmerksam geworden. „Ich fand das bewundernswert, habe mit Serkan gesprochen und gefragt, wie ich helfen kann.“ Er brachte seine Kontakte und Kenntnisse ein, spendete selbst und sammelte Geld. Weil er mit Eren der Meinung ist, „niemand von uns hat einen Test bestanden, der ihn qualifiziert hat, in Deutschland auf die Welt zu kommen und zu den reichsten fünf Prozent der Menschen zu gehören. Wir hatten Glück und können daher etwas davon abgeben“. Typische Gutmenschen also, bekommt man da als gängige Beleidigung zu hören. Auch Hildebrand erntete solche Reaktionen. Ihn ließ gleich mal einer wissen, er finde ihn nun nicht mehr gut, er solle sich lieber um deutsche Rentner kümmern. Eren kennt das. Man hat ihm mit dem Tod gedroht, eines Tages fand er einen Zettel im Briefkasten: „Wir wissen, wo du wohnst!“ Aber er hat auch einen Brief bekommen, in dem stand: „Ich bin stolz, Ihr Nachbar zu sein.“

Ersmals fuhren sie 2015 nach Griechenland

Begonnen hat alles in einer Bar. Am Nebentisch hetzten sie über Flüchtlinge, Eren mischte sich ein. Zuhause merkte er aber, „ich habe ja nur geredet und nichts getan“. Das sollte sich ändern. Er und Kumpel Steffen Schuldis packten alte Klamotten in Kartons, heckten den Namen Balkanroute Stuttgart aus, baten via sozialem Netzwerk Facebook um Spenden – und wurden überrannt. Zwei Lieferwagen konnten sie vollpacken, fuhren in den Herbstferien mit drei weiteren Helfern 4400 Kilometer entlang der so genannten Balkanroute, verteilten Schuhe, Decken, Milchpulver, Windeln.

2015 war das, seitdem ist er immer wieder in den Ferien unterwegs. Zunächst auf der griechischen Insel Chios, wo in einer Nacht 2000 Menschen mit Booten ankamen. „Man kann sich das nicht vorstellen“, erinnert er sich, „eine Mutter, deren Kind über Bord gegangen war, ist wieder zurück ins Meer geschwommen und untergegangen. Niemand hat sie mehr gesehen.“ Solche Erlebnisse gehen unter die Haut. Man müsse aufpassen, nicht ungerecht zu werden, sagt Eren. In Griechenland hat er eine österreichische Ärztin kennen gelernt, die ihm erzählt hat, dass sie nach ihrer Heimkehr völlig ausgeflippt sei, weil ihr Kind gesagt habe, sein Fahrrad gefalle ihm nicht mehr.

Bei Izmir leben die Gestrandeten

Seit einem Jahr ist Balkanroute Stuttgart ein Verein. In Chios haben sie ein Kleidungslager aufgebaut, mit Spendengeldern unterstützen sie die Helfer dort. Sie selbst konzentrieren sich nun auf die Westküste der Türkei. Dort leben in der Nähe von Izmir seit Jahren Menschen in Lagern, die sie selbst gebaut haben. Sie haben die 1200 Dollar nicht, die die Schlepper verlangen, um sie übers Mittelmeer zu bringen; sie sind erschöpft oder wollen nahe an Syrien bleiben, um eines Tages zurückzukehren. Der Staat selbst lässt sie dort hausen, ohne Strom und Wasser, das Kümmern überlässt er einer Initiative namens Imece Inisiyatifi Cesme. Das sind vornehmlich Studenten.

Ihnen helfen die Stuttgarter. Mit Geld. Und Arbeit. Immer wieder sind Teams dort. Nächste Woche reisen nun Eren, Hildebrand und andere Helfer nach Cesme. Von den 10 000 Euro, die sie gesammelt haben, werden sie Reis und Bohnen kaufen, Lebensmittel, die einfach zuzubereiten sind, sowie Windeln, Spielsachen, Hefte und Stifte. Ein aufblasbares Zelt haben sie beschafft, darin geben sie Unterricht.

„Ich hätte nie gedacht, dass ich als Einzelner so viel bewirken kann“, sagt Eren, „früher glaubte ich immer, das sind alles Superhelden, und ich als kleines Menschlein könnte nichts tun.“ Aber das sei falsch, man müsse sich nur trauen. Das hat er getan, auch wenn die Einsätze viel Energie kosten und die Albträume ihn plagen: „Das ist es wert.“

Wer helfen oder spenden möchte, findet weitere Infos über den Verein auf der Webseite www.balkanroutestuttgart.de
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