Nein, das ist kein bisschen kitschig: Till Brönner beim Konzert in Stuttgart Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Man kann gar nicht zu früh anfangen mit den Weihnachtspartys: Trompeten-Star Till Brönner hat zur „Christmas Party“ in die Liederhalle geladen und seinen Fans gezeigt, dass der Jazz auch aus den alten Weihnachtsliedern noch etwas machen kann.

Stuttgart - Es ist noch kein 1. Advent, und in Stuttgart hat noch nicht mal der Weihnachtsmarkt geöffnet, da stimmt Till Brönner mit seiner Jazzformation schon im gut besuchten Beethovensaal sein Publikum auf das kommende Christfest ein. Klassik, Pop- und Rockmusik profitieren Jahr für Jahr vom Geschäftsmodell Weihnachten. Auch der Jazz, dem ein mitunter stacheliges Wesen nachgesagt wird, gibt sich da handzahm und ist gern mit von der Partie. Von Satchmo bis Coltrane, von Ella bis Landgren – alle mach(t)en sie mit.

Das lässt sich auch Till Brönner, Deutschlands smarter und international erfolgreicher Trompetenstar, nicht entgehen. Vor ein paar Jahren noch hat der tolle Till sein Instrument an den Nagel hängen wollen, weil nichts mehr ging. Professor Burba legte ihm eine radikale Umstellung der Blastechnik nahe, was Brönner viel Zeit und Energie kostete. Doch die Mühe hat sich gelohnt: Sein Trompetensound klingt heute völlig unangestrengt, strahlt, ist rund und wunderbar geschmeidig. Wenn Brönner bei Jazzfestivals auftritt und Neo-Bop-Nummern spielt, bläst er mit scharfem Ton angriffslustig zur Attacke, beim Weihnachtsprogramm in der Liederhalle präsentiert er sich immer wieder hauchzart als verschmuster Jazz-Cat. Süßer Trompeten nie klingen.

Till Brönner ist nicht Stefan Mross und dieser Abend kein Musikantenstadl

Doch Till Brönner ist kein Stefan Mross, man ist nicht im Musikantenstadl, der Mann macht Jazz. Nach der melancholisch angehauchten Ballade „Nature Boy“, die Soul-Sänger Frank McComb in einem raffiniert durchgearbeiteten Rubato präsentiert, dem Abschiedslied der Pfadfinder „Auld Lang Syne“ (als zweite Nummer!) und dem Weihnachtshit „Winter Wonderland“, bei dem muntere Schlittenglöckchen bimmeln, geht es ab. „Ziehen Sie sich warm an, jetzt wird gejazzt!“, kündigt der Band-Leader an, und das durch den schwedischen Gastflötisten Magnus Landgren erweiterte Oktett präsentiert „Let It Snow“ als rasante Straight-Jazz-Nummer.

Besonders beeindruckend sind Mark Wyand am Saxofon und Drummer David Haynes. Sonderapplaus gibt es für den Stuttgarter Pianisten Olaf Polziehn. Kaum wiederzuerkennen ist „Stille Nacht“, das Weihnachtslied, das vor 200 Jahren im Salzburger Land geschrieben wurde und um die ganze Welt gegangen ist. Brönner macht sich einen - fast möchte man sagen - diabolischen Spaß daraus, die melodiöse Pastorelle im brodelnden Gebräu einer lauten Nacht in Rio zu versenken, wo der Nikolaus vermutlich in kurzen Hosen Samba tanzt.

Das Publikum feiert mit wachsender Begeisterung

Den Titelsong der Jazz-Show und des vor zwölf Jahren erschienenen Brönner-Albums „Better than Christmas“ singt McComb in Stevie-Wonder-Manier. Vor zwölf Jahren hat Brönner ihn auf seinem Weihnachtsalbum mit Yvonne Catterfeld eingespielt. Worauf die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ fragte: „Sind Sie ein Kitschtrompeter, Herr Brönner?“ Nach dem Konzert in der Liederhalle verneinen wir das entschieden. Zwar öffnet Brönner – besonders mit dem samtweich klingenden Flügelhorn – Sehnsuchtsräume, weckt Erinnerungen an das beglückende Kindheitserlebnis Weihnachten, veranstaltet aber mit seinem brillanten Horn und seiner bärenstarken Band eine ausgelassene Jazz-Party, bei dem das Publikum im Beethovensaal mit wachsender Begeisterung mitmacht. Eine frühzeitige Weihnachtsfeier der besonderen Art.

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