Putenfleisch von Discountern sei besonders häufig mit antibiotikaresistenten Keimen belastet, vermeldete der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) im Vorfeld der gerade stattfindenden Internationalen Landwirtschaftsmesse Grüne Woche in Berlin. Foto: dpa

Probleme mit Erregern, die unempfindlich gegen Antibiotika geworden sind, nehmen immer mehr zu. Ursachen für diese Resistenzen sind der sorglose Umgang damit in der Medizin und in der Tierzucht.

Antibiotika in der Tierzucht

Der Hunger auf Geschnetzeltes kann einem gründlich vergehen: Putenfleisch von Discountern sei besonders häufig mit antibiotikaresistenten Keimen belastet, vermeldete der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) im Vorfeld der gerade stattfindenden Internationalen Landwirtschaftsmesse Grüne Woche in Berlin. Von 57 untersuchten Proben wurden bei 50 Bakterien gefunden, die unempfindlich gegen Antibiotika sind. Das Fleisch war bei fünf verschiedenen Discounterketten in diversen deutschen Städten gekauft worden.

Solche Studien gab es in jüngster Vergangenheit viele: 2013 untersuchte die Tierärztliche Hochschule Hannover 120 gesunde Hähnchen in einem Schlachthof. Das Ergebnis: 89 Prozent der Proben waren mit resistenten Keimen belastet. Bei einer Untersuchung der Stiftung Warentest im selben Jahr waren zwölf von 20 Hähnchenfleisch-Proben mit Bakterien verkeimt.

Zwar sind alle diese Studien nicht repräsentativ, aber nach Meinung von Verbraucherschützern geben sie einen Hinweis auf den ungezielten und massenhaften Medikamenteneinsatz bei der Massentierhaltung. Der BUND-Vorsitzender Hubert Weiger spricht sogar von einem regelrechten „fortgesetzten Antibiotika-Missbrauch“.

Dabei ist die Gesamtmenge der Antibiotika für die Tierhaltung zurückgegangen. Nach Daten für 2013 wurden 1450 Tonnen von Pharmaunternehmen und Großhändlern an Tierärzte abgegeben und damit 169 Tonnen weniger als im Jahr zuvor. Zum Vergleich: 2011 waren es noch 1706 Tonnen.

Der Einsatz von Antibiotika ist vor allem in der Massentierhaltung üblich – insbesondere bei der Geflügelzucht. Das hat mit der Haltung zu tun: Nach der heutigen Gesetzgebung ist für ein Huhn eine Fläche von 550 Quadratzentimetern vorgeschrieben – das ist kleiner als ein Schulheft. Bei solch beengten Verhältnissen können sich Krankheiten schnell verbreiten. Deshalb wird oft die ganze Herde mit Antibiotika über das Trinkwasser behandelt – auch wenn nur einzelne Tiere erkrankt sind. Wie ungezielt dieser Einsatz ist, zeigte eine Untersuchung, die das Verbraucherministerium in Nordrhein-Westfalen 2011 in Auftrag gab: 96 Prozent der Tiere aus den untersuchten Betrieben wurden in der Mastzeit oft mehrfach mit Antibiotika behandelt.

Mittlerweile hat auch die Bundesregierung das Problem erkannt: 2014 sind schärfere Regeln für die Antibiotikagabe bei Mastvieh in Kraft getreten. Bis zum 15. Januar haben Bauern melden müssen, welchen Stoff sie wie vielen Tieren in welchen Mengen über wie viele Tage geben. In einer Datenbank soll sichtbar werden, wenn ein Landwirt übermäßig viel Antibiotika einsetzt. Fällt eine Mastanlage auf, muss gegengesteuert werden – etwa mit besserer Hygiene. Außerdem setzen sich neun Länder, darunter auch Baden-Württemberg, für ein Verbot von sogenannten Reserve-Antibiotika in der Tiermast ein, die als letzte Chance zur Behandlung schwerer Infektionen von Menschen gedacht sind.

Doch wann die Maßnahmen greifen, ist unklar. So zeigt sich die jahrelange Sorglosigkeit bei Antibiotika sehr deutlich unter dem Mikroskop: Wo immer Bakterien mit Antibiotika zusammenkommen, setzen sich jene Stämme durch, denen diese Medikamente am wenigsten anhaben können. Unter dem Selektionsdruck bilden sich bald schon widerstandsfähige Keime – und die können zum Verbraucher gelangen, etwa über das rohe Fleisch der Schlachttiere.

Mit Keimen belastetes Fleisch zu essen bedeutet erst mal nicht, dass man selbst daran erkrankt, heißt es beim Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR): Bei gesunden Menschen sind resistente Keime ungefährlich und gliedern sich in die normale Bakterienflora im Darm, auf Haut und Schleimhäuten ein. Doch bei Immunschwäche, etwa durch Alter, Krankheit oder Medikamente könnten sie sich übermäßig vermehren. Um sich davor zu schützen, rät das BfR, sich die Hände nach dem Berühren von rohem Fleisch, aber auch sämtliche Küchenutensilien gründlich zu waschen. Kochen und Braten bei mehr als 70 Grad zerstört die resistenten Keime.

Die Ratschläge sind zwar hilfreich, ändern aber nichts an dem Problem, heißt es beim BUND. Um es den Bakterien schwerer zu machen, Widerstandskräfte gegen die Wirkstoffe zu entwickeln, bräuchte es eine andere Tierhaltung, sagt Weiger. „Solange die Behandlung mit Antibiotika günstiger erscheint als die Verringerung der Tierzahl pro Quadratmeter oder die Verbesserung der Haltungsbedingungen, wird sich nichts ändern“, sagt auch Andreas Striezel, Nutztier-Experte der Gesellschaft für Ganzheitliche Tiermedizin.

Der Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt hat zugesichert, dass es freiwillige Vereinbarungen mit den Landwirten geben soll, die Haltungsbedingungen zu verbessern – auch zulasten des Verbrauchers: „Mehr Tierschutz geht nicht ohne eine leichte Steigerung der Kosten beim Fleisch“, so der CSU-Politiker in einem Interview kurz vor Weihnachten. Das Kilo Grillfleisch für 2,99 Euro – das geht nicht.

Antibiotika in der Medizin

Die Hoffnung auf neue Antibiotika keimt im Wald zwischen Moosen und Steinen – in Afrika, Asien, Südamerika, aber auch in Deutschland. Dort versuchen Wissenschaftler seit Jahren, die Pilze und Bakterien aufzuspüren, die sich als geeignete Bausteine für neue Antibiotika-Sorten erweisen. Die Zeit drängt: Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums sterben allein in Deutschland jedes Jahr etwa 15 000 Menschen an einer Infektion mit Keimen, die gegen die bisher verfügbaren Antibiotika resistent sind.

Die Gründe sind Experten aus der Medizin und der Politik bekannt: Viel zu oft wurden Antibiotika verschrieben. Das zeigte im Dezember eine Analyse von Arzneimittel- und Diagnosedaten der Krankenversicherung DAK. Sie stufte rund jede dritte Verordnung bei den Versicherten im Jahr 2013 als fragwürdig ein. Gerade bei Erkältungskrankheiten werden viele Infektionen durch Viren ausgelöst – Antibiotika wirken aber nur bei bakteriellen Infektionen.

Je häufiger aber das Medikament eingesetzt wird, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass es wirkungslos wird. Jeder einzelne Gebrauch trägt zur Vermehrung resistenter Bakterienstämme bei. Wenn die Entwicklung ungebremst weitergehe, so bestätigt das Robert-Koch-Instituts, werde man einige Infektionskrankheiten, die bislang gut zu behandeln waren, nicht mehr mit Antibiotika kurieren können.

Schon jetzt gibt es bereits Infektionen, für die kaum noch wirksame Antibiotika zur Verfügung stehen: Manche Arten von Lungenentzündungen beispielsweise oder die ausgerottet geglaubte Tuberkulose. Laut Weltgesundheitsorganisation litten 2013 etwa 480 000 Menschen an einer Form, gegen die die meisten Antibiotika nicht wirken. Zwar stehen für solche Fälle sogenannte Reserve-Antibiotika zur Verfügung. Aber diese Mittel haben starke Nebenwirkungen und können ebenfalls unwirksam gegenüber Erregern werden. Experten wie Hans-Georg Sahl, Professor für Mikrobiologie an der Universität Bonn, mahnen daher, mehr in die Forschung zu investieren, um den Keimen Herr zu werden.

Doch seit 50 Jahren ist die Forschung nach neuen Wirkstoffen nahezu eingeschlafen: Da Antibiotika in der Regel nur kurzzeitig genutzt werden und wenig kosten, die Entwicklung einer neuen Form aber zehn bis 15 Jahre und Hunderte Millionen von Euro beansprucht, hat die Wissenschaft das Interesse verloren. So hatten die Bakterien Zeit, sich an die Wirkstoffe zu gewöhnen. Lediglich öffentliche Forschungseinrichtungen liefern einen neue Wirkstoffkandidaten. Zuletzt war dies beim Deutschen Zentrum für Infektionsforschung an der Uniklinik Bonn und der Northeastern University in Boston der Fall: Sie vermeldeten nun die Entwicklung eines neuen Antibiotikums, das bei Versuchen im Labor zahlreiche resistente Erreger abtötet. Und die Bakterien entwickelten in Tests keine neuen Resistenzen. Unklar ist jedoch, ob der Wirkstoff beim Menschen wirkt und für ihn verträglich ist.

In Kliniken versucht man derweil, es erst gar nicht zu einem Kampf gegen die Keime kommen zu lassen: Mit den richtigen Hygienemaßnahmen, so schätzen Experten, könnte rund ein Drittel aller Infektionen vermieden und damit auch die Entwicklung resistenter Keime eingedämmt werden. Bundesweit nehmen zahlreiche Alten- und Pflegeheime sowie Krankenhäuser an Hygienekampagnen teil. Inzwischen gibt es mit dem Hygieneförderungsgesetz und dem Infektionsschutzgesetz auch Unterstützung seitens der Politik.

Doch Experten reichen diese Maßnahmen nicht aus: „Die beste Verordnung nutzt nichts, wenn das Fachpersonal fehlt, um sie umzusetzen“, sagt Thomas Hauer vom Deutschen Beratungszentrum für Hygiene in Freiburg. Wichtig sei ein Antibiotika-Management seitens der Ärzte und eine bessere Aufklärung über den Umgang damit bei den Patienten. „Ein Antibiotikum sollte nach Anweisung des Arztes eingenommen und nie vorzeitig abgesetzt werden“, so Stefan Möbius von der Landesapothekerkammer Baden-Württemberg anlässlich des Europäischen Antibiotikatages. Reste gehören in den Müll. „Wer diese über die Toilette entsorgt, riskiert, dass sich die Substanzen in die Umwelt verbreiten.“ Auch das fördert Resistenzen.

 

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