Fundtiere müssen von Gesetzes wegen nebenan abgegeben werden. Der Verein erwirtschaftet Geld mit der Urlaubs- oder tageweisen Betreuung. Foto: factum/Weise

Dass ein Tierschutzverein ohne Zuschüsse überleben muss, ist bundesweit einmalig. Die neue Vereinsführung gesteht ihre Not in erfrischender Offenheit.

Böblingen - Auf die Besonderheit weist schon ein Zettel am Imbissstand hin: „Wir erhalten keine Zuschüsse.“ Die Damen am Stand reichen alles über die Theke außer Fleisch – selbstverständlich, denn dies ist das Sommerfest des Böblinger Tierschutzvereins. Der muss ohne staatliche Stütze überleben – als einziger in ganz Deutschland.

Demgemäß ist der Verein in Finanznot und verschweigt dies keineswegs. Anders als in der Vergangenheit ist die – neue – Führungsriege unübersehbar um Offenheit bemüht. Allein die ersten vier Seiten ihres aktuellen Informationshefts sind dem Geldmangel gewidmet. Ein fett in roten Buchstaben gedrucktes „S.O.S“ lässt keinen Zweifel an der Dringlichkeit.

Der Zwist mit dem Zuschussgeber ist eine Gehminute entfernt in Beton gegossen

Anna Faix zählt zu den neuen Köpfen im Vorstand. Sie lässt auch keinen Zweifel daran, dass die missliche Lage durchaus selbst verschuldet ist. „Der Ruf hat jahrelang sehr gelitten“, sagt Faix, „es gilt, wieder Vertrauen aufzubauen“. Einem Mahnmal gleich ist der Dauerzwist zwischen der ehemaligen Führungsriege und ihrem angestammten Zuschussgeber – dem Landkreis Böblingen – nur eine Minute Fußweg entfernt in Beton gegossen.

In ganz Deutschland übernehmen Vereine die staatliche Aufgabe, herrenlose Tiere zu retten und werden dafür von den Städten und Kreisen bezahlt. Nur eben in Böblingen nicht mehr. Weil die Kreisräte die Faxen leid waren, hatten sie 2015 den Bau eines neuen Tierheims und dessen Betrieb in Eigenregie beschlossen. 5,2 Millionen Euro waren für den grauen Zweckbau am Ende fällig, deutlich mehr, als ursprünglich veranschlagt. Seit Fundtiere von Gesetzes wegen nebenan abgegeben werden müssen, „haben wir einen harten Sparkurs hinter uns“, sagt Faix.

Die einstige Tierheim-GmbH strebt einem baldigen Ende entgegen

Die Zahl der hauptamtlichen Mitarbeiter ist von rund einem Dutzend auf eine Teilzeitkraft und eine Aushilfe gesunken. Der Tierheimbetrieb – ebenfalls eine Böblinger Besonderheit – war einst in eine GmbH ausgegliedert. Das Unternehmen strebt einem baldigen Ende entgegen. Der Landkreis ist als Gesellschafter folgerichtig ausgeschieden. „Wir sind dran, die GmbH aufzulösen“, sagt Faix, „das ist auch ein Kostenposten“. Allein die Rechnung des Steuerberaters für die jährliche Unternehmensbilanz sind für einen Tierschutzverein eine schmerzhafte Ausgabe.

„Wir versuchen, das alles als Chance zu begreifen, so abgedroschen es klingen mag“, sagt Faix. Verkürzt formuliert: Wenn sich ein staatliches und ein privates Heim nebeneinander ums Tierwohl bemühen, kann es den Tieren nur besser gehen. Von Spenden abgesehen, erwirtschaftet der Verein Geld mit der Urlaubs- oder tageweisen Betreuung von Hunden und Katzen. „Das läuft schon sehr gut“, sagt Faix. Einnahmequellen wie Kurse oder eben ein Sommerfest kommen hinzu. Dem Deutschen Tierschutzbund ist der Böblinger Verein inzwischen auch ein Begriff. Im Sinne einer Soforthilfe hatte der Dachverband 5000 Euro überwiesen und weitere Finanzspritzen in Aussicht gestellt.

Mit ihrer Voliere zur Rettung verletzter Tauben waren die Böblinger Tierschützer gar schon bundesweit in den Schlagzeilen. Sofern die Tiere so schwer verletzt wurden, dass sie in Freiheit nicht mehr überleben können, genießen sie in Böblingen einen Alterswohnsitz. Nebenbei ist auch dies deutschlandweit einmalig.

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