Der alte Heinz Rittberger tut, was der junge schon tat: Er stibitzt den Tauben die Eier, um ihre Zahl zu verringern. Foto: red

Der 77-jährige Heinz Rittberger hegt 400 Tauben unter dem Dach der Leonhardskirche. Neue Schläge sind ihm ein Herzenswunsch, als Christ und als Mensch.

S-Mitte - Sofern es eines Beweises bedarf, stapft der gerade die aus Stein gehauene Wendeltreppe empor, die unter dem Dach der Leonhardskirche endet. Er heißt Heinz Rittberger, ist 77 Jahre alt und erklimmt die Stufen zwei-, dreimal täglich, diesmal unbeladen. Oft schleppt er Wasser und Körnerfutter mit sich. Das verteilt er, droben unterm Dachgebälk, in zwei Schlägen, in denen um die 400 Tauben nisten.

Dies im nunmehr sechsten Jahr. Krank, nein, krank ist er nie, sagt Rittberger, es sei denn, eine Erkältung erwischt ihn, wie in der Adventszeit. Aber dass die so gescholtenen Ratten der Lüfte den Menschen mit unheilbringenden Keimen überziehen, „das ist Panikmache“, sagt Rittberger, „wichtig ist, dass man aufklärend wirkt“.

Der Kontakt zu Haustieren birgt größere Gefahren

Bitte sehr: „Es wäre absurd, alle in der Umgebung des Menschen lebenden Tierarten als Gesundheitsschädlinge einzustufen.“ So erklärte es das Bundesinstitut für Risikobewertung in seiner Schrift zur „Schädlingseigenschaft von verwilderten Haustauben“. Enten oder Eichhörnchen seien ebenso bedenklich. Wer Tierkeime fürchtet, fürchte sich vor Hamster, Hund, Pferd, Sittich. „Der weitaus engere Kontakt mit Heimtieren dürfte größere Gefahren bergen“, schloss das Institut, das der Bundesregierung als Aufsichtsbehörde dient.

Rittberger zieht von so gut wie allem, was gegenwärtig geschieht, eine Verbindungslinie in die Vergangenheit. In diesem Fall so: 1837 gründete Albert Knapp den ersten Tierschutzverein Deutschlands, den Stuttgarter. Und wer war Knapp? Pfarrer der Leonhardskirche. Deren Trümmer der Bombennächte hat Rittberger als Achtjähriger fortzuschleppen geholfen. Heute ist er Kirchengemeinderat. Die Knappsche Tradition der Tierliebe „ist für mich Verpflichtung“, sagt Rittberger. Von diesem Satz führt eine Verbindungslinie in seine Jugend. Als 13-Jähriger rettete er acht Tauben vor dem Schlachter. Bald wuchs der Schwarm auf 50. Worauf der junge Rittberger tat, was der alte heute noch tut. Er stibitzte die Eier, um die Zahl zu verringern.

2009 wurde der erste Taubenschlag unterm Kirchendach zusammengezimmert. Weil er bald überfüllt war, folgte der zweite. „Warum nicht?“, hatte damals der Stadtdekan Hans-Peter Ehrlich geantwortet, als Rittberger um den Schlag bat. Er bat und bittet viele. Das Gustav-Siegle-Hauses hat er genauso als Standort vorgeschlagen wie das Haus der katholischen Kirche.

60 000 Euro pro Jahr bleiben ungenutzt

Aber alle Vorschläge lehnten gleich die Hausbesitzer ab oder später das Ordnungs- oder Baurechtsamt, obwohl der Gemeinderat 60 000 Euro jährlich für den Aufbau neuer Schläge genehmigt hat. Die vorgestanzten Gründe für das Nein sind stets: Protest der Nachbarn, statische Bedenken, Personalmangel, Kosten oder eben Angst vor Krankheit, kurz: Formalien und Furcht. Das schmerzt den Menschen und den Christen Rittberger. Ihm ist die Taube Teil der Schöpfung, die es zu bewahren gilt.

Er linst durch die gläserne Tür eines seiner Schläge, ein badezimmergroßer Würfel aus Pressholz, den jeder Heimwerker zusammenschrauben könnte. Gut 200 Vögel sind an diesem Abend durch die Dachluke hineingeflattert. Auf jedem waagrechten Fleck hockt eine Taube. „Die übernachten hier“, sagt Rittberger, „viele halten sich auch tagsüber im Schlag auf.“ Soll heißen: Die unliebsamste Hinterlassenschaft, der Kot, bleibt ebenfalls im Schlag. Alle paar Wochen wird ausgemistet und entsorgt. Denkbar wäre auch eine Weiterverwertung. Die alten Römer züchteten Tauben weniger des Bratens wegen, mehr, weil sie ihren Kot als Dünger verwendeten.

Aber das war die Antike. Die Gegenwart hat andere Argumente. Die Wissenschaft hat festgestellt, wie viel Gramm Futter mit wie viel Gramm mineralischer Beimenge Menschen wie Rittberger in Taubenschlägen zu verfüttern haben, damit das Federvieh sich weder zu wohl fühlt, noch zu unwohl. Absolute Zahlen sind dabei unwichtig, denn jeder veterinärmedizinischen Theorie widerspricht eine Gegentheorie.

Rittberger streut eine Handvoll Körner in eine Schale. Drei Schichten Vogelkörper pressen sich aufeinander und balgen um jeden Krümel. „Es sind einfach zu viele“, sagt er, schon wieder, weil eben die Schläge in der Stadt zu wenige sind. „Wir könnten den ganzen Dachboden vollmachen“, sagt Rittberger, „das geht natürlich nicht“. Aber falls sich sonst niemand erbarmt, will er den Dekan um einen dritten Schlag bitten.

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