Die Tri-Bühne-Intendantin Edith Koerber arbeitet mit einem Ensemble aus Istanbul zusammen.Foto:Franziska Kraufmann Foto:  

Frauen voran: Was Edith Koerber, die Intendantin des Stuttgarter Theaters Tri-Bühne, in dieser Saison so alles plant.

Stuttgart - Auf einer Müllhalde treffen sie sich: die eine türkisch, die andere deutsch, zwei Frauen, die einander nicht kennen, aber beide in misslichen Lagen stecken. Zunächst versuchen sie, mit dem Übersetzungsprogramm ihrer Handys die störende Sprachbarriere zu überwinden. Als das geschafft ist, schmieden sie ein Komplott: Ein Skandal muss her, um im Internet Aufmerksamkeit für ihre Probleme zu schaffen.

Mit dieser Szene beginnt das Stück der Tri-Bühne, das die Intendantin Edith Koer­ber zurzeit zusammen mit dem türkischen Bosporus Schauspiel Ensemble schreibt. Es passt zum Tenor des neuen Spielplans. Unter dem Motto „Frauen, Liebe, Zukunft“ werden, wie bereits in den vergangenen Jahren immer wieder, Geschichten von Frauen über Frauen erzählt.

Goethes Stella mal anders

Koerber sucht Probleme aus dem Alltag: „Ich will Realität auf die Bühne bringen, Inhalte und Menschen zeigen, die sich mir täglich aufdrängen.“ Neben vielen sozialkritischen Stücken widmet sie sich auch dem klassischen Thema der Liebe, allerdings auf unkonventionelle Art. Sie inszeniert Goethes „Stella“ in seiner frivolen Originalfassung. Darin entscheidet sich Stella, sich auf eine polyamouröse Beziehung einzulassen und nicht, wie in der nachträglich bereinigten Version, aus Eifersucht den Freitod zu wählen.

Gleich an drei Projekten arbeitet die Tri-Bühne mit dem feministischen Bosporus Schauspiel Ensemble zusammen, das vom Goethe-Institut in Istanbul gefördert wird. Bei einem gemeinsamen Probenwochenende im Schwarzwald kam auch die politische Lage in der Türkei zur Sprache. Es sei gefährlich, sagen die Künstlerinnen, die in ihrer Theaterreihe auch den Völkermord an den Armeniern thematisieren. Das entspreche nicht der reaktionären Regierungsideologie ihres Heimatlands. Auch wenn sie kritische Stücke in Deutschland auf die Bühne brächten, könne ihnen das in der Türkei zum Verhängnis werden.

Kunst und Zensur

So sieht sich Koerber plötzlich mit künstlerischen Grenzen konfrontiert, die sie so aus Deutschland nicht kennt. „Können wir solch kritische Texte bei dieser zugespitzten Lage in der Türkei überhaupt inszenieren?“, fragt sie. Und beantwortet die Frage gleich selbst. Denn genau da, zwischen Meinungsfreiheit und Zensur, knüpft für sie die ethische Verantwortung ihrer Kunst an. „Demokratie – wen fördert sie, wen macht sie mundtot?“

Ihr Theater solle nicht nur Belustigung oder Zerstreuung sein, sagt Edith Koerber, sondern „politisch-poetisches Theater“ das auf der Ebene der Kunst seinen Beitrag zur Veränderung leistet und ungehörten Stimmen ein Mikrofon reicht.

Info

Die nächsten Premieren: „Das Fräulein Pollinger“, ein Volksstück mit Musik und Bewirtung von Traugott Krischke nach Ödön von Horváth, Regie: Edith Koerber, 20. November, 19.30 Uhr.

„Zabel“, Gastspiel von Bogazici Gösteri Sanatlari Toplulugu (Bosporus Schauspiel Ensemble, Istanbul), 2. Dezember, 20 Uhr. „Frauen über Grenzen hinweg“ (Arbeitstitel), Koproduktion Theater Tri-Bühne und BGST (Bosporus Schauspiel Ensemble, Istanbul), Premiere im Mai 2020. „Stella – Ein Schauspiel für Liebende“, Premiere im Juli 2020.

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