Winfried Kretschmann (von links) im Gespräch mit Moderator Arnd Zeigler und Jürgen Klinsmann. Foto: Oliver Willikonsky - Lichtgut

Ministerpräsident Winfried Kretschmann und der frühere Nationaltrainer und VfB-Spieler Jürgen Klinsmann haben am Montagabend im Theaterhaus Stuttgart über ihren Heimatbegriff gesprochen.

Stuttgart - Hält man die Biografien von Winfried Kretschmann und Jürgen Klinsmann gegeneinander, so dominieren zunächst die Unterschiede. Was die beiden verbindet, hat jedoch weder mit Ruhm auf dem Fußballrasen noch mit Erfolg auf dem politischen Parkett zu tun. Das zeigte sich schon im vergangenen September, als der Wahlamerikaner Klinsmann und der bekennende Reisemuffel Kretschmann in San Francisco zusammentrafen, um für den Rolling Stone miteinander zu sprechen. Nun hat Klinsmann den Gegenbesuch angetreten, der Auswärts- und Heimspiel zugleich ist: Am Montagabend tauschten er und Kretschmann sich im Theaterhaus ein weiteres Mal aus. Der Andrang ist groß; die vom Bremer Moderator und Stadionsprecher Arnd Zeigler moderierte Veranstaltung schon im Vorfeld ausverkauft.

Statt um Gegensätze geht es zunächst um Gemeinsamkeiten. Ein verbindendes Element zwischen ihm und Klinsmann sei die Neugier, stellt Kretschmann fest. Das betreffe auch das Interesse an der Begegnung mit anderen Kulturen und Gedankenwelten. Nur ziehe er es eben vor, sich ihnen als Leser zu nähern. „Es fehlt mir am Reisefieber“, so der Landesvater. Klinsmann wiederum führt seine Aufenthalte in Italien, Frankreich, England und den USA vor allem auf sportliche Anreize zurück. Als jungen Spieler habe es ihn dorthin gezogen, wo die besten Möglichkeiten bestanden hätten, den eigenen Ehrgeiz zu befriedigen, blickt er zurück. Über den großen Teich folgte er schließlich der Liebe. Womit eine Kernfrage des Abends berührt wäre: Wo ist Heimat?

Für den Bäckersohn und Fußballhelden ist der Begriff vor allem an Menschen gebunden. „Wo meine Frau und meine Kinder sind, bin ich daheim“, überlegt er. „Natürlich gibt es auch andere Anknüpfungspunkte, aber das ist schon der Wichtigste.“

Wie der Heimatbegriff verstanden werden soll

Kretschmann bekennt, selbst Berlin sei ihm zu weit von Schwaben entfernt gewesen, wofür er spontanen Beifall erntet, dafür fühlt er sich auch im Jazz zuhause, den ihm der Bruder nahebrachte, oder in der Sprache. „Wenn ich in Kalifornien bin und Jürgen Klinsmann sagt ,die, wo‘, dann fühle ich mich zuhause“, merkt er schmunzelnd an. Sprache sei so etwas wie eine mobile Heimat.

Einig sind sich die Gesprächspartner darin, dass der Heimatbegriff nicht rückwärtsgewandt verstanden werden dürfe. Nur wer Veränderungen akzeptiere und offen bleibe, könne ein positives Heimatgefühl entwickeln, das gegen nationalistische Untertöne immun sei. So sei das Fahnenmeer des WM-Sommermärchens etwas ganz anderes gewesen als die Fahnenansammlungen, die dieser Tage immer wieder zu beobachten seien, teils schwarz-weiß-rot durchmischt..

Klinsmann und Kretschmann erweisen sich als empfindsame Zeitgenossen, die die politische Entwicklung in den USA ebenso ungekünstelt und treffend kommentieren wie den Zustand des VfB. „Empfindsam zu sein, bedeutet nicht automatisch, auch empfindlich zu sein“, betont der Ministerpräsident. Auch im Sport brauche man manchmal ein dickes Fell, bestätigt der Sportler.

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