Tredeschin-Leiter Michael Kunze und seine Figuren vor dem Schaufenster des Theaters im Stuttgarter Osten Foto: Jürgen Brand

Vor 20 Jahren gründeten die Figurenbauerin Lydie Vanhoutte und der Puppenspieler Michael Kunze das Figurentheater Tredeschin. Inzwischen wird Stuttgarts kleinstes Figurentheater von der Stadt Stuttgart und dem Land Baden-Württemberg gefördert.

Stuttgart - Herr Kunze, Puppen- oder Figurentheater für Kinder: Gibt es eine untere Altersgrenze?

Als untere Altersgrenze würde ich die Sprachfähigkeit sehen, also etwa zweieinhalb Jahre. Darunter sind die Möglichkeiten der Konzentration des Kindes sehr begrenzt. Es gibt Kollegen, die für Kinder ab zwei Jahren etwas zum Schauen anbieten. Aber mir würde das keinen Spaß machen.
Bei Kindern kann die Konzentrationsfähigkeit auch im selben Alter unterschiedlich sein. Wie schafft ein Theater diesen Balanceakt?
Wir erleben es meist so: Wenn ein Gemeinschaftserlebnis entsteht, weil sich ältere Geschwister und Eltern von der Vorstellung mitnehmen lassen, schaffen es auch die jüngeren Kinder.
Nach welchen Kriterien suchen Sie die Sujets aus, und wie entwickeln Sie die Stücke?
Für Erwachsene spielen wir meist mit den Mitteln des Schauspiels. Charakterfiguren und ihre Widersprüche wie etwa der Dorfrichter Adam aus Kleists „Der zerbrochne Krug“ werden dargestellt und ausgelebt. Gute Kindergeschichten wie die von Michael Ende taugen für Kinderproduktionen. Oder eben Märchen. Märchen sind eine Sinfonie der Gefühle! Mit deren Spiel werden innere Bilder beim Publikum erzeugt.
Viele ihrer Inszenierungen wirken – gekonnt – handgemacht und als Kontrast zur durch raffinierte Techniken dominierten Gegenwartswelt. Welche Absicht steckt dahinter?
Keine andere als die, dass wir für Inszenierungen und Figuren viel Spielfreude entwickeln müssen, damit sie Jahrzehnte aufführungsfähig sind. Zu unserem zehnten Bühnenjubiläum inszenierten wir genreübergreifend „Johanna von Orleans“ mit Tänzern, Schauspielern, Figurenspielern und einem eigens aus Zagreb angereisten Choreografen. Alle waren begeistert Aber nachdem sie in unserem Theater „abgespielt“ war, bilanzierten wir: Wenn wir noch einmal eine so aufwendige Produktion erarbeiten, können wir unser Theater aus finanziellen Gründen schließen.
Hat sich das Rezeptionsverhalten der jungen Zuschauer im Laufe von zwei Jahrzehnten verändert?
Die Kinder sind früher reif und sprachgewandt, dazu selbstbewusster. Etwas aber hat sich nicht verändert – ihre Neugier und ihr Vertrauen.
Was sollte der tiefere Sinn eines Theaters für Kinder sein? Reine Unterhaltung, Lehrstück?
Es sollte aus der kindlichen Erfahrungswelt erzählt werden. Von Freuden, vom Leid. Und es sollten Verlockungen und Versuchungen thematisiert sein, denen Kinder ausgesetzt sind und wie damit umzugehen wäre. Es können Sprachfähigkeit, Ausdrucksfähigkeit, Fantasie, Lebensfreude und Humor angeregt werden.
Seit Jahren ist das Mischen von Genres im Figurentheater üblich. Unabhängig davon, dass solche Produktionen auch ein Kostenproblem ist, was halten Sie von diesen Inszenierungen?
Es kann sehr faszinierend sein wie zum Beispiel die Produktion von „Momo“ von der Jungen Oper Stuttgart. Wenn sich die grauen Herren in Nichts auflösen zum Beispiel, dann ist das nicht nur eine tolle Idee, sondern auch der Einsatz von Technik. Schön, wenn diese Mittel zur Verfügung stehen.
Das Theater Tredeschin lädt anlässlich des 20-jährigen Bestehens vom 3. bis 11. Oktober zum Figuren-Theaterfestival mit eigenen Produktionen und Gastspielen ein. Wie können Sie dieses Unternehmen finanziell stemmen?
Wir haben schon mehrere Festivals veranstaltet. Dieses Festival ist in Abstimmung der vom Land Baden-Württemberg geförderten Figurentheater entstanden. Stadt und Land fördern uns.
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