Gökay Sofuoglu bei der CSD-Polit-Parade 2017. Damals hätte er nicht gedacht, dass er dafür einmal so angefeindet werden würde. Foto: Lichtgut/

Bereits fünf Jahre ist die Türkische Gemeinde in Baden-Württemberg fester Bestandteil des CSD-Umzugs. Zum ersten Mal schlägt ihr für ihre Teilnahme nun purer Hass entgegen – von politisch rechtsgerichteten Türken.

Stuttgart - Als die Türkische Gemeinde in Baden-Württemberg (TGBW) vor fünf Jahren erstmals auf der Polit-Parade des Christopher Street Days (CSD) mit einer kleinen Delegation mitlief, war das eine kleine Sensation. Erwarteter Gegenwind blieb aus. Heute, fünf Jahre später, ist die TGBW eine feste Größe auf dem CSD und die Delegation war mit etwa 200 Teilnehmern bei der Parade vergangenen Samstag auch sichtbarer als je zuvor. Jetzt schlägt der TBGW auf einmal ein Hass entgegen, „wie wir das noch nicht erlebt haben“, sagt Gökay Sofuoglu, der Vorsitzende der TGBW.

Sowohl auf dem elektronischen Postweg als auch über soziale Netzwerke haben Sofuoglu und seine Mitstreiter mehrere Dutzend Beleidigungen und Bedrohungen erreicht. Auf Twitter wurden die ganz üblen Kommentare bereits entfernt, weil sie gegen die Nutzungsbedingungen des Dienstes verstoßen. „Wessen Gemeinde sind Sie? Zionisten und FETÖ („Fethullahistische Terrororganisation“, die 2016 den Putschversuch in der Türkei geplant haben soll, Anmerkung d. Red.)? Armselige Schlümpfe“, steht beispielsweise aber noch in den Kommentarspalten.

Bedrohungen der Polizei melden

Der Hass gegen den Auftritt der TGBW beim CSD und die Solidaritätserklärungen mit sexuellen Minderheiten kommt vor allem von türkischen, politisch rechtsgerichteten Einzelpersonen oder Gruppen. Bedrohungen und Beleidigungen will Sofuoglu sammeln und bei der Polizei melden. Halbwegs sachliche Wortmeldungen will er nutzen, um mit den Menschen zu diskutieren – und sie bestenfalls umzustimmen.

„Homosexualität ist in der türkischen Community leider immer noch ein Tabu-Thema“, sagt Gökay Sofuoglu. Mit den bunten Aktionen zum CSD habe die TGBW aber auch „schlafende Hunde“ geweckt: „Es ist gut, dass das Thema jetzt wenigstens mal diskutiert wird. Es sichtbar gemacht zu haben, ist ein Schritt in die richtige Richtung.“

Hier zeigt sich, wie sich an der Teilnahme der TGBW am CSD Stuttgart die Geister scheiden:

Größer als die Ablehnung in sozialen Netzwerken ist aber die Zustimmung, und die kommt nicht nur von den Veranstaltern des CSD Stuttgart, sondern auch aus der Community selbst. „Ein wichtiges und gutes Zeichen. Danke dafür!“, schriebt etwa eine dem Namen nach türkischstämmige Frau, „Ihr wart super!“, lobt eine andere. Für Sofuoglu ein Zeichen, dass es nicht nur Gegner sexueller Minderheiten, sondern auch viele Unterstützer innerhalb der türkischen Gemeinde gibt.

Auch in der Gesamtbetrachtung um den CSD in Stuttgart scheint Homophobie wieder auf dem Vormarsch zu sein. Die Polizeistatistik des Landes Baden-Württemberg zählt einen leichten Anstieg an Hassverbrechen gegen sexuelle Minderheiten zwischen 2017 und 2018. Außerdem kam es während des Christopher Street Days in Stuttgart selbst zu einem Übergriff auf einen Homosexuellen – was es so seit Jahren nicht gab. Ein 36-Jähriger berichtete, von einem Unbekannten an der Jakobstraße blutig geschlagen worden zu sein. Die Polizei ermittelt in dem Fall.

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