Auch deutsche Staatsbürger kämpfen für den IS. Die Türkei will inhaftierte Dschihadisten in ihre Heimatländer abschieben. Foto: dpa/Uncredited

Ankara will am Montag damit beginnen insgesamt bis zu 1300 ausländische Dschihadisten abzuschieben. Einen Teil davon nach Deutschland. Dort ringt man um den richtigen Umgang mit ihnen.

Istanbul - Die Türkei will insgesamt 20 deutsche Kämpfer des Islamischen Staates (IS) in die Bundesrepublik zurückschicken. Insgesamt geht es um die Rückführung von 1300 Dschihadisten, mit der am Montag begonnen werden soll. Das kündigte Innenminister Süleyman Soylu laut einem Bericht der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu am Freitag an. Der Minister machte zunächst keine Angaben dazu, wohin die IS-Kämpfer zurückgeführt werden sollen oder auf welche Weise.

„Wir brauchen die volle Zusammenarbeit und die aktive Partnerschaft unserer Verbündeten im Kampf gegen den Terrorismus“, sagte der Kommunikationsdirektor des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, Fahrettin Altun, un­serer Zeitung in Istanbul. Nach seinen ­Angaben hat die türkische Armee seit Beginn ihres jüngsten Syrien-Einmarsches vor einem Monat bereits vier deutsche IS-Mitglieder in Syrien gefasst. Weitere 16 Bundesbürger saßen laut Altun wegen einer IS-Mitgliedschaft bereits vorher in türkischen Abschiebezentren.

Insgesamt will die Türkei bis zu 1300 ausländische Anhänger der Dschihadisten in ihre Heimatländer schicken – viele von ihnen nach Europa. „Wir sind kein Hotel“, sagte Innenminister Süleyman Soylu am Wochenende. Zu den 20 deutschen IS-Mitgliedern in türkischer Haft kommen mehr als 80 Bundesbürger in den kurdisch bewachten Internierungslagern für IS-Gefangene in Syrien und im Irak; das geht aus der Antwort des Bundesinnenministeriums in Berlin auf eine Anfrage des CDU-Politikers Kai Wegner hervor. Wegner forderte, Menschen mit mehreren Staatsbürgerschaften unter den IS-Mitgliedern den deutschen Pass zu entziehen.

Niederländerinnen bitten um Hilfe

Soylu lehnte diesen Weg als „unverantwortlich“ ab. In den vergangenen Tagen hatten sich zwei niederländische Frauen, die 2013 zum IS gestoßen waren, bei der niederländischen Botschaft in Ankara gemeldet und um Hilfe gebeten. Dabei stellte sich heraus, dass ihre Heimat sie nicht mehr haben will: Die Regierung in Den Haag ist dabei, den beiden Frauen, die auch marokkanische Pässe haben, die niederländische Staatsbürgerschaft abzuerkennen. Das sei inakzeptabel, sagte Soylu. Er warf auch Großbritannien vor, durch rasche Ausbürgerungen von britischen IS-Mitgliedern die Problemfälle loswerden zu wollen.

Deutschland und andere europäische Staaten ringen seit Jahren um eine Antwort auf die Frage, was mit ihren Staatsbürgern geschehen soll, die als Mitglieder der Terrormiliz in Gefangenschaft geraten sind. Insgesamt hatten sich einer Untersuchung des EU-Parlaments zufolge rund 4000 Westeuropäer dem IS angeschlossen. Rund ein Drittel von ihnen sind demnach inzwischen wieder heimgekehrt; der Rest wurde entweder getötet oder gefangen genommen. Seit der Niederlage der Dschihadisten gegen die US-geführte internationale Anti-IS-Koalition im Frühjahr bewacht die syrische Kurdenmiliz YPG in Internierungslagern im Nordosten Syriens rund 12 000 IS-Kämpfer aus Syrien, Irak und anderen Ländern sowie Zehntausende Familienangehörige.

Viele Länder sperren sich gegen eine Wiederaufnahme

Zwar rief die YPG die Heimatländer der IS-Legionäre mehrmals auf, ihre inhaftierten Staatsbürger zurückzunehmen, doch die angesprochenen Länder betrachten die IS-Anhänger als Terrorgefahr für sich selbst und sperren sich gegen eine Wiederaufnahme.

Nun aber hat die türkische Militärintervention in Syrien die Lage verändert. Während des Vormarsches entkamen mindestens 750 IS-Gefangene aus Lagern in Syrien; die Türkei wirft der YPG vor, die Dschihadisten freigelassen zu haben. Etwa 500 der entkommenen IS-Mitglieder seien Ausländer, sagte Erdogan kürzlich. Laut Altun wurden 287 von ihnen – darunter die vier Deutschen – inzwischen von den türkischen Streitkräften wieder gefasst.

Türkische IS-Mitglieder, die in Syrien aufgegriffen werden, kommen in Gefängnisse in der Türkei, während die Europäer laut Medienberichten in Internierungslager in türkisch kontrollierte Gebiete im syrischen Afrin gebracht werden. Von dort aus sollen sie in ihre Heimatländer geschickt werden. „Werden diese Länder ihre Staatsbürger, die beim IS waren, zurücknehmen?“, fragte Erdogan. Bislang lautet die Antwort in den meisten Fällen: Nein. Die Türkei bekomme von europäischen Staaten zu hören: „Wir haben ihnen die Staatsbürgerschaft entzogen – kümmert ihr euch drum“, sagte Soylu.

Auch US-Präsident Donald Trump hatte die Europäer aufgerufen, sie sollten Tausende Bürger aus IS-Gefangenenlagern in Syrien zurücknehmen. Außer um die IS-Kämpfer in Syrien geht es um weitere 813 ausländische IS-Mitglieder, die laut Altun unabhängig vom Syrien-Feldzug in türkischer Auslieferungshaft sitzen, darunter 16 Deutsche. Die Türkei brauche die Unterstützung ihrer Partner, sagte Altun. „Wir tragen eine schwere Last.“

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