Boris Becker hat auch schon in Stuttgart aufgeschlagen – aber im Viertelfinale war meist Schluss. Foto: Getty

Das Weissenhof-Turnier hat eine lange Tradition und gehört zu einer etablierten Größe im Tenniszirkus. Schon die besten Spieler haben sich in Stuttgart packende Duelle geliefert.

Stuttgart - In diesem Jahr geht die 100. Auflage des Turniers über die Bühne.

Die Anfänge

Als sich 1894 der Stuttgarter „Lawn Tennis Club“ in der Gemarkung Stöckach unterhalb der späteren Villa Berg gründete, war dies mit einem kleinen Etikettenschwindel verbunden. Zwar entstand auf den zunächst drei Tennisfeldern bald ein „recht lebhafter Spielbetrieb“, wie der Chronist angesichts des 56-jährigen Vereinsjubiläums feststellte – doch auf Rasen wurde damals in Stuttgart gar nicht gespielt. Weil der Tennissport aber aus feinen englischen Kreisen nach Deutschland importiert wurde, zählten zu den Stuttgarter Gründungsmitgliedern immerhin die Familien des damaligen englischen Konsuls J. P. Harris-Gastrell sowie die seines amerikanischen Kollegen Edward Higgins.

„Bei aller Bescheidenheit kann behauptet werden, dass der Club mit seiner unermüdlichen Arbeit wesentlich dazu beigetragen hat, dem Tennissport in Württemberg Eingang und Verbreitung zu verschaffen“, heißt es weiter in der Festschrift von 1950. Da spielte man längst schon auf den „nach modernsten Richtlinien“ gebauten Tennisplätzen am Mühlbachhof in der Nähe des Weissenhofs. Seit 1914 hieß der Verein daher „Tennisclub Weissenhof e.V.“. Längst richtete der Club sein Internationales Turnier aus, dessen Premiere bereits auf das Jahr 1898 fiel. Das Clubhaus aus jener Zeit, 1927 erschaffen vom Architekten Paul Bonatz, dem Baumeister der Empfangshalle des Stuttgarter Hauptbahnhofs oder der Tübinger Universitätsbibliothek, steht heute noch.

Nach dem Zweiten Weltkrieg

Von den einst sieben Plätzen konnten nach dem Ende der Nazi-Herrschaft lediglich fünf wieder hergerichtet werden. Die anderen beiden waren durch Sprengbomben völlig zerstört worden; schließlich waren während des Krieges auf der Höhenlage des Clubgeländes mehrere Flak-Geschütze in Stellung gegangen – und hatten so die feindlichen Bomben auf sich gezogen. Bereits im Sommer 1949 konnte man auf dem Weissenhof aber wieder das erste Tennisturnier veranstalten, übrigens noch für Frauen und Herren. Seine Internationalität festigte der Weissenhof auch nach dem Krieg mit einem kleinen Trick: Man konnte eine Dame aus der Schweiz, die sich auf der Durchreise befand, zum Mitspielen überreden.

Doch die Anforderungen stiegen rasant: Bereits 1950 reiste der Vereinspräsident Kurt Nusch zu den French Open, um Spieler zu verpflichten. 1954 veranstaltete der Club die 39. Auflage seines Turniers bei herrlichem Wetter – und Nusch fasste die Ereignisse hinterher so zusammen: „Wenn die Spiele diesmal zu einem Erfolg wurden, haben wir das zwei Persönlichkeiten zu verdanken: Petrus und Gottfried von Cramm.“ Der elegante, hoch gewachsene Tennis-Baron Cramm, der 1934 die Internationalen Meisterschaften von Paris gewonnen hatte und 1935 sowie 1937 gegen den Engländer Fred Perry zweimal im Finale von Wimbledon unterlag, war zu diesem Zeitpunkt bereits 45 Jahre alt.

Der Einstieg von Mercedes

Bereits 1967 hatte mit Roy Emerson der erste Wimbledonsieger auch auf dem Weissenhof gewonnen – der Australier besiegte im Endspiel den Rumänen und späteren Boris-Becker-Manager Ion Tiriac. „Mit dem guten Stern auf allen Straßen als Sponsor würde auch Björn Borg zuerst seinen Bankauszug befragen, ehe er zu Stuttgart ‚Nein‘ sagt“, schrieb der Redakteur Horst Walter 1978 in den „Stuttgarter Nachrichten“, dem Jahr, in dem das Turnier unter dem Vorsitzenden Horst-Herrmann Ilg erstmals mit der Firma Dunlop als Sponsor Teil der weltweiten Grand-Prix-Serie wurde. Der Preis dafür: In Stuttgart setzte man nun ausschließlich auf die Herrenkonkurrenz. Ein in Bezug auf die Aufmerksamkeit der Tenniswelt lohnender Schritt. Denn tatsächlich stieg Mercedes-Benz 1979 auf dem Weissenhof als Titelsponsor ein – und ist bis heute geblieben.

Die Schattenseite: „Genügten zu von Cramms Zeiten noch eine elektrische Schreibmaschine als Siegesprämie sowie der Umstand, den Spielern die Spesen für die Anreise zu erstatten und sie bei Clubmitgliedern übernachten zu lassen, mussten nun Preisgelder ausgelobt werden“, erzählt Gert Brandner, der amtierende Präsident des TC Weissenhof. Doch der sportliche Qualitätssprung, den das Turnier unter dem neuen Namen Mercedescup und mit einem Anstieg des Preisgeldes von 8500 US-Dollar (1978) auf nun 125.000 US-Dollar (1979) erlebte, er war ebenfalls immens: So sah die Ausgabe von 1981 die sportlich vielleicht hochrangigste Endspielpaarung, als die Nummer eins, der Schwede Björn Borg, den aufstrebenden Ivan Lendl aus der Tschechoslowakei in vier Sätzen niederrang. „Die Leute saßen damals außerhalb des Geländes auf den Bäumen. Und die Polizei vorfahren, denn ich hatte Angst, dass sie mir die Zäune einreißen“, erzählt Bernd Nusch, der von 1973 bis 2006 der Turnierdirektor war.

Die Goldenen 80er und 90er Jahre

Björn Borg (1981), Henri Leconte (84), Ivan Lendl (85), Miloslav Mecir (87), André Agassi (88), Goran Ivanisevic (90), Thomas Muster (95, 96) oder Gustavo Kuerten (1998), so hießen einige der Turniersieger auf dem sportlichen Höhepunkt des Mercedescups, der von der Spielergewerkschaft ATP zwischen 1986 bis 1989 viermal in Serie mit dem Preis für das weltweit beliebteste Turnier ausgezeichnet wurde. 1991 sicherte sich Michael Stich als bis heute einziger Deutscher den Titel. Boris Becker trat viermal auf dem Killesberg an. Da der Leimener aber kein ausgewiesener Sandplatz-Spezialist war, reichte es in Stuttgart nie weiter als bis ins Viertelfinale. „Fragt man, welche Topspieler zwischen 1980 und 2000 nicht auf dem Weissenhof gespielt haben, fallen mir spontan nur Pete Sampras, Jim Courier und John McEnroe ein“, sagt Gert Brandner.

Doch nicht immer lief es für die großen Champions glatt: Wenige Monate nach seinem Sieg von 1981 gab Björn Borg, der 102 Wochen an der Spitze der Weltrangliste gestanden war, seinen Rücktritt bekannt. Als er 1984 ein Comeback versuchte, scheiterte der Schwede in Stuttgart bereits in Runde eins.

Ab- und Aufschwung in den 2000ern

Seine schwierigste Zeit erlebte das ATP-Turnier auf dem Weissenhof nach dem Ende des Tennisbooms in Deutschland. Da half auch die Tradition wenig, die Stuttgart in der Liste der ältesten Tennisturniere der Welt hinter den drei Grand Slams (der von Australien ist jünger) oder den Turnieren von Monte Carlo und am Hamburger Rothenbaum auf Position acht führt. Ohne einen nationalen Helden dominierten nach der Jahrtausendwende auf der roten Asche des Killesbergs zunächst aber die spanischen Sandplatzwühler.

2007 übernahm dann der österreichische Turnierdirektor Edwin Weindorfer mit seinem Team. „Stuttgart ist eine Stadt, die sich auch über den Sport definiert. Es gibt eine tolle Tennis-Infrastruktur, sowie ein fachkundiges Publikum und eine bunte Sponsorenlandschaft“, sagte der Chef der Eventagentur Emotions, der seit dem Vorjahr auf Rasenmatches setzt und nach Rafael Nadal mit Roger Federer nun den zweiten Superstar der Branche präsentiert. „Wir haben im schnelllebigen Tenniszirkus mit den richtigen Partnern die richtige Balance aus Tradition und Anpassungsfähigkeit gefunden“, sagt Gert Brandner, der Präsident des TC Weissenhof, der weiterhin die Rechte an dem ATP-Turnier hält. Und das soll auch so bleiben.

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