In der Teestube geben die Hazlewoods Seminar und reichen Afternoon Tea Foto: HW

Die Hazlewoods haben ihren English Tearoom im Heusteigviertel um eine Teestube erweitert. Dort lehren sie das Teetrinken und geben Seminare.

Stuttgart - Es war ein trauriger Tag, als die Teestube fertig war. Sie hatten wochenlang geschafft und malocht, damit pünktlich zum 24. Juni alles fertig war. Denn das ist der National Cream Tea Day. Doch es war, als ob dieser spezielle englische Rahm, die Clotted Cream, sauer geworden wäre. Denn es war der Tag, an dem eine Mehrheit der Briten der Europäischen Union den Laufpass gab. Von wegen abwarten und Tee trinken: Lynn und Christian Hazlewood brauchten zur Einweihung erst mal einen Whisky.

Seit zwölf Jahren leben sie in Deutschland, seit fünf Jahren betreiben sie ihren English Tearoom in der Weißenburgstraße im Heusteigviertel, denn sie nun um die Teestube gleich gegenüber des Ladens erweitert haben. Die Hazlewoods sind viel herumgekommen, Stuttgart ist längst ihr Zuhause geworden. Welch bittere Ironie ist es, dass ausgerechnet an jenem Tag, an dem die überzeugten Europäer erstmals in ihrer Teestube den Schwaben die uralte britische Institution des Afternoon Teas näherbrachten, die EU-Gegner auf der Insel mit dem Verweis auf die wegen der vielen Ausländer angeblich verloren gehende Traditionen den Sieg davontrugen.

Lynn Hazlewood und ihr Mann wollen nun einen deutschen Pass beantragen, wie es in der alten Heimat allerdings weitergeht, vermögen sie auch nicht zu sagen. Immerhin, eines hilft. Christian Hazlewood: „Wenn ein Engländer nicht mehr weiter weiß, trinkt er erst einmal eine Tasse Tee.“ Da sitzen sie ja an der Quelle. Schließlich verkaufen sie guten Tee, den man aber keinesfalls mit englischem Tee verwechseln darf. „Die Engländer trinken viel Tee, aber der meiste ist bitter und nur genießbar, wenn man Milch rein schüttet.“ In guten Tee gehöre weder Zucker noch Milch.

Tee gehört nicht in Beutel

Und keinesfalls gehöre er in Beutel verpackt. 1908 hatte der New Yorker Thomas Sullivan den Tee in Seidenbeutel gefüllt, um sie besser verschicken zu können. Die Kunden packten den Tee nicht aus, sondern tunkten die Beutel in heißes Wasser. Das ist praktisch, aber darunter leidet der Geschmack. Und weil Sir Thomas Lipton vor gut 120 Jahren ein gutes Geschäft witterte, Tee massenhaft herstellte, die Blätter häckselte und mehrere Sorten verschnitt, gewöhnten sich die Briten nicht nur daran, Beutel aufzubrühen, sondern auch noch schlechten Tee zu trinken.

Denn guter Tee ist wie Wein. Da schmeckt man den Terroir – den Boden, das Wetter, den Jahrgang. Bei den Hazlewoods kann man solcherlei Historien lernen, und den Gaumen schulen. Die Nachfrage ist groß. Weil sie in ihrem Laden wenig Platz dafür hatten, suchten sie nach einem Raum für die Seminare. Als sie erfuhren, dass gegenüber ein Laden auszog, packten sie die Gelegenheit beim Schopfe. Christian Hazlewood baute zehn Wochen lang um, riss Wände heraus, legte Leitungen und Boden, verputzte und tapezierte. Die Tapete stammt natürlich aus England, wie die Lampen und die Möbel. Jetzt haben sie eine Teestube wie aus einem Roman von Rosamunde Pilcher.

Zum Afternoon-Tea gibt’s Hühnchen

Den Raum kann man mieten für Festivitäten, aber vor allem geben sie hier Seminare und „feiern die Tea Time“, sagt Lynn Hazlewood. Und zwar besonders den Afternoon Tea, den Nachmittagstee. Der ersonnen wurde von der Herzogin von Bedford. Ihr wurde die Zeit zwischen Frühstück und Abendessen zu lang, für das Mittagessen hatten die Briten ja stets wenig übrig. Also lud sie ihre Freundinnen zum Nachmittagstee, zu dem Kleinigkeiten gereicht wurden. Eine Tradition, die eine Renaissance erfahre, sagt Lynn Hazlewood.

Doch wie macht den perfekten Afternoon-Tee? Das kann man bei den Hazlewoods lernen. Man braucht eine Etagére mit drei Tellern. Unten liegen Sandwiches, belegt mit Gurken, und mit Coronation Chicken. Das ist eine Mixtur aus gekochtem kalten Hühnerfleisch, Mayonnaise und Currypulver, gereicht erstmals zur Krönung von Elisabeth II. im Jahre 1953. Bei den Hazlewoods gibt’s auch eine vegetarische Version mit Humus und Avocado oder Eier und Kresse. Auf dem zweiten Teller wartet das klassische Gebäck, die Scones, Rahm und Marmelade, auf Teller drei sind Makronen und Törtchen zu finden. Was fehlt noch? Natürlich guter Tee. Damit lässt sich selbst ein trauriger Tag ertragen.

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