Der VfB will in Asien verstärkt Präsenz zeigen und dennoch seine regionale Ausrichtung pflegen. Foto: dpa

Fans des europäischen Spitzenfußball gibt es auf der ganzen Welt, überall sprudeln neue Geldquellen. Davon will künftig auch der VfB Stuttgart profitieren, der in China seine ersten Schritte macht. Es gibt bereits konkrete Pläne.

Stuttgart - Noch ist auf dem Trainingsgelände des VfB Stuttgart kein Ball gerollt – die ersten Erfolgsmeldungen aber kann der Bundesligist schon lange vor Saisonbeginn verkünden. Die Zahl der Mitglieder: wächst stetig und hat fast die 65 000-Grenze erreicht. Der Verkauf der Dauerkarten: bei der Rekordzahl von 33 000 gestoppt. Die Logen und Businesssitze: bereits jetzt zu 90 Prozent ausgebucht. Das Geschäft, es brummt – Zeit also, den Blick über den Kesselrand hinauszuwerfen. Der VfB, sagt Marketingvorstand Jochen Röttgermann, „wird sich dem Thema Internationalisierung zuwenden, um neue Märkte zu erschließen“.

Europäischer Spitzenfußball ist ein globales Premiumprodukt

Internationalisierung – das ist im Profifußball schon seit einigen Jahren das Zauberwort. In der Heimat sind die Erlösmöglichkeiten allmählich ausgereizt, in der weiten Welt jedoch sprudeln immer neue Geldquellen. Europäischer Spitzenfußball gilt als globales Premiumprodukt, Fans der Premier League, Primera Division und Bundesliga gibt es auf allen Kontinenten. Kein internationaler Topclub, der nicht Dependancen in Asien, den USA oder Lateinamerika eröffnet hätte und seine Kicker nicht regelmäßig zu PR-Touren in den Flieger setzen würde.

Der VfB ist international eine eher kleine Nummer und hatte zuletzt andere Sorgen: Abstieg, Wiederaufstieg, Ausgliederung, Klassenverbleib. Mit dem Rückenwind von Platz sieben ist nun auch in Bad Cannstatt Goldgräberstimmung ausgebrochen. Der VfB macht sich daran, die Fußballwelt zu erobern – und beginnt mit dem bevölkerungsreichsten Land der Erde: China. Nirgendwo scheinen die Möglichkeiten größer als in dem Riesenreich, das mit staatlicher Hilfe zur Fußball-Großmacht werden und die WM 2030 ausrichten will.

Der VfB hat zwei China-Spezialisten engagiert

Die Abteilung Internationalisierung hat der VfB bereits im Mai gegründet und zwei China-Experten eingestellt: den Sportmarketing-Experten Heiko Stroh, der mit einer Chinesin verheiratet ist und von Yunhao Zhang assistiert wird, einem seit Langem in Deutschland lebendem Chinesen. Beide waren bereits mehrfach in Fernost, um erste Kontakte zu knüpfen. Zudem hat der Club begonnen, in den einschlägigen chinesischen Social-Media-Kanälen eine Fangemeinde aufzubauen. Und schließlich wurde eine Marktanalyse erstellt, um herauszufinden, für was der VfB in China bekannt ist. Ergebnis: für die gute Jugendarbeit. „Das ist unser erster Anknüpfungspunkt“, sagt Jochen Röttgermann.

Anders als viele Großvereine will der VfB in Asien nicht im Kolonialherrenstil auftreten, sondern „auf Augenhöhe“, wie der Marketingchef meint: „Als solcher Partner sehen wir gute Chancen, auch wenn sich schon viele andere europäischen Clubs auf dem chinesischen Markt bewegen. Das Thema wird nicht von allen so strategisch bearbeitet, wie wir das vorhaben.“

Chinesische Clubs sollen vom VfB lernen, wie man Talente ausbildet

Zwei „Leuchtturmprojekte“ sollen den Anfang bilden: Einerseits wird es Ableger der VfB-Fußballschule geben, andererseits ist die Kooperation mit einem chinesischen Club angedacht. Interessierte Vereine waren bereits in Stuttgart und haben sich unter anderem das Nachwuchsleistungszentrum angeschaut. Von solchen Strukturen ist die Chinese Super League noch weit entfernt – bislang haben die Clubs meist für völlig überteuerte Preise Altstars aus Europa verpflichtet. „Wir wollen Vereine in ihrer Entwicklung unterstützen“, sagt Röttgermann.

Klar ist aber auch: Bei der Entwicklungshilfe soll es nicht bleiben – es geht ums Geldverdienen. „Perspektivisch soll es gelingen, die dortige Wirtschaft für uns zu interessant zu machen“, sagt Röttgermann. Beste Voraussetzungen sieht er hierfür, da Stuttgart das Zentrum einer extrem starken Wirtschaftsregion sei:„Für Firmen, die in den europäischen Markt wollen, ist das ein hochinteressantes Umfeld.“

Allerdings, auf diese Feststellung legt Jochen Röttgermann Wert, werde man bei allen Internationalisierungsbemühungen nicht vergessen, wo die meisten VfB-Fans sitzen: „Wir werden immer eine regionale Ausrichtung haben und unsere Wurzeln auch weiterhin hegen und pflegen.“

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