Der Fachkräftemangel ist auch in den baden-württembergischen Krankenhäusern groß. Besonders betroffen sind Bereiche wie die Operationssäle und die Intensivpflege (Foto). Foto: dpa

Der Wettbewerb der Krankenhäuser um Fachkräfte ist enorm. Nun zahlt das städtische Klinikum vorübergehend Zulagen für Funktionskräfte im OP, in der Intensivpflege und für Hebammen. Die anderen Häuser in Stuttgart sprechen von „Entsolidarisierung“ und „Wettbewerbsverzerrung“.

Stuttgart - Erst vor Kurzem herrschte unter den Stuttgarter Krankenhäusern noch holde Eintracht. Weil das Robert-Bosch-Krankenhaus (RBK) die Geburtshilfe im Charlottenhaus schließt, verpflichteten sich alle Häuser, einen Teil der etwa 1000 Geburten zu übernehmen. Doch die Harmonie ist schon dahin: Das Klinikum der Stadt zahlt Funktionsmitarbeitern bis Mitte nächsten Jahres übertarifliche Zulagen. Für Hebammen im Monat 300 Euro mehr, Intensivpflegekräften je nach Ausbildung 250 oder 400 Euro. Beschäftigte im OP und in der Anästhesie am Standort Mitte erhalten ab dem dritten Bereitschaftsdienst je 50 Euro obendrauf. Im OP des Katharinenhospitals gibt’s einen Monatsbonus von 300 Euro für sehr gut qualifizierte Funktionskräfte. So steht es in einer Personalratsinfo. Ziel sei, „Personal zu motivieren und zu halten, den Einsatz von Leasingpersonal zu verringern“.

Man sei Abwerbeversuchen von Trägern außerhalb Stuttgarts ausgesetzt, „die Zulagen und Wechselprämien zahlen“, begründet Krankenhausbürgermeister Michael Föll (CDU) den Schritt. Und man müsse die „Kapazität stabilisieren und erweitern“. Etwa in der Neonatologie, wo man durch den Wegfall des Charlottenhauses mehr Fälle bekommen werde. Und man wachse gegen den Trend mit plus zwei Prozent bei den Fallzahlen, so Föll. Dazu kommt: Das Klinikum hat etwa 150 Kräfte auf Leasingbasis beschäftigt. Es seien mit über 200 schon mehr gewesen, sagt der Bürgermeister, aber noch immer zu viele. Leasingkräfte sind in den Kliniken wegen des Fachkräftemangels deutlich teurer als das Stammpersonal.

Viele Leasingkräfte im Zentral-OP

Die Personalvertretung hat den Zulagen zugestimmt. „Mit Bauchschmerzen“, gibt Jürgen Lux zu. Zulagen für einzelne Bereiche „entsolidarisieren einen Betrieb ungemein“, sagt der Personalratsvorsitzende. „Unter Volldampf arbeiten im Krankenhaus viele.“ Lux findet, solche Zuschläge müssten tarifvertraglich geregelt werden. Obwohl auch ihm recht wäre, wenn die Zahl der Leasingkräfte sinken würde. Lux: „Mit dem Leasing ist keiner glücklich.“

Gerade im Zentral-OP des Klinikums ist der Anteil der Leasingkräfte hoch. Diese kosten den Arbeitgeber nicht nur etwa das Eineinhalb- bis Zweifache des eigenen Personals. Die Leihmitarbeiter selbst verdienen auch deutlich mehr als die Stammkräfte. Im Funktionsdienst liege das Plus beim Stundenlohn durchaus bei 50 Prozent, selbst auf der Normalstation seien es noch 25 Prozent, sagt Jürgen Lux. Dabei können sich die Leasingkräfte sogar die Dienste aussuchen, müssen keine Nacht- und Bereitschaftsdienste machen. „Die unattraktiven Dienste bleiben übrig“ – fürs Stammpersonal, sagt Michael Föll. Auch das führe zu einer „Entsolidarisierung“, kritisiert Jürgen Lux.

Krankenhausgesellschaft warnt vor „Überbietungswettbewerb“

Bei der baden-württembergischen Krankenhausgesellschaft (BWKG) kennt man die Themen Zulagen und Leasing in Kliniken. Diese Entwicklung sei „in Ballungsräumen immer wieder zu beobachten“, erklärt BWKG-Sprecherin Annette Baumer. Tendenz steigend. Im Vorjahr waren in Kliniken im Land 1153 Leasingvollkräfte im Pflegebereich tätig, 20 Prozent mehr als vor vier Jahren, etwa ein Drittel im Funktionsdienst. Bei den Zulagen hält man bei der BWKG einen „Überbietungswettbewerb nicht für wünschenswert“, so Baumer. Und Leasingkräfte könnten zwar „eine sinnvolle Ergänzung“ zum Stammpersonal sein, „zu viel Leasingpersonal kann aber zu Unzufriedenheit bei der Stammbelegschaft führen“.

Als Bernd Rühle, der Geschäftsführer des Diakonie-Klinikums, von den Zulagen im Großkrankenhaus der Stadt gehört hat, war er „enttäuscht über diese Entsolidarisierung“. Schließlich habe man vereinbart, Mitarbeiter nach Tarif zu bezahlen, kritisiert der Sprecher des Verbands der Stuttgarter Krankenhäuser. Das tue besonders weh bei einem Haus, das sich durch Steuergelder finanziere. Rühle: „Wir alle haben Engpässe.“ Im Diakonie-Klinikum seien elf Leasingkräfte beschäftigt. „Dieses Problem löst man nicht durch Zulagen, dadurch löst man nur eine Spirale nach oben aus.“

Konkurrenz hät ähnliche Probleme

Mark Dominik Alscher, der Ärztliche Geschäftsführer des Robert-Bosch-Krankenhauses (RBK), wird noch deutlicher. Das Klinikum betreibe „Kirchturmpolitik“, sagt er. Auch im RBK würde man viel tun, die derzeit 31 Leasingkräfte zu ersetzen, gibt Alscher zu. Unter Fachkräftemangel leide man ebenso. Man habe deshalb 43 Stationsbetten aus dem Betrieb genommen, sechs Intensivbetten und einen von zwölf OP-Sälen. „Die bräuchten wir auch“, betont Alscher. Angesichts der Aktivitäten des Klinikums sieht sich der Ärztliche Geschäftsführer des RBK geradezu „zum Handeln gezwungen – da können wir nicht zuschauen“.

Markus Mord, der Geschäftsführer des Marienhospitals, spricht von „Wettbewerbsverzerrung auf Kosten anderer Krankenhäuser“. Die Zulagen des Klinikums seien „ordentlich“. Auch das Marienhospital hat Leasingkräfte, 17 bis 20, bei 440 Vollkräften. Mord rechnet damit, dass nun auch Pflegekräfte aus seinem Haus höhere Ansprüche stellen werden. Die Hebammen hätten um einen Termin gebeten. Mord vermutet: „Da wird es auch um mehr Geld gehen.“

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