Das Flüchtlingslager auf Lesbos Foto: Serkan Eren

Die Stuttgarter Serkan Eren und Louisa Sanchez haben in einem Flüchtlingscamp auf Lesbos Kinderschuhe verteilt. Die Polizei nahm sie fest und verhörte sie stundenlang.

Stuttgart/Lesbos - Helfen kann gefährlich sein. Das weiß kaum einer besser als Serkan Eren. Seit er 2015 in Stuttgart die Hilfsorganisation Stelp gegründet hat, war er an vielen Orten unterwegs, wo ein Menschenleben nicht viel zählt. Zuletzt überlebte er im Libanon mit knapper Not die Explosion im Beiruter Hafen. Doch wenig hat ihn so verstört wie sein jüngstes Erlebnis auf Lesbos. Willkür und „Psychoterror“ mitten in Europa, das kannte er bisher nicht.

Er war mit seiner Kollegin Louisa Sanchez auf Lesbos unterwegs. Im Lager, wo die Flüchtlinge untergekommen sind, nachdem Camp Moria abgebrannt ist. Sie wohnen in Zelten, mehrere hundert Menschen teilen sich eine Toilette, Duschen gibt es kaum, Strom noch gar nicht. Eren und Sanchez wollten sich dort umschauen, sehen, was gebraucht wird, wie man die argsten Nöte lindern kann. Morgens waren sie schon dort, hatten sich am Eingang angemeldet. „Da haben wir gesehen, dass die kleinen Kinder dort barfuß unterwegs sind“, erzählt Eren. Sie gingen wieder, kauften 50 Paar Kinderschuhe, kamen nachmittags zurück. Wieder meldeten sie sich der Vorschrift gemäß am Tor, wurden eingelassen und verteilten die Schuhe. Kurz besuchten sie noch eine Familie, mit der der Musiker Max Herre seit einem Interview befreundet ist und brachten dort Spielzeug vorbei. Als sie das Camp gegen 19.30 Uhr verlassen wollten, wurden sie von der Polizei angehalten und mitgenommen. Eren: „Man warf uns vor, dass wir ohne Erlaubnis eine militärische Sperrzone im Ausnahmezustand betreten hatten.“ Dass sie sich angemeldet hatten, habe keinen interessiert. In einem kleinem Raum wurden sie verhört. „Das war der reinste Psychoterror.“ Zehn Polizisten hätten sich abgewechselt und ständig die gleichen Fragen gestellt: Wo seid Ihr geboren? Wie viele Einwohner hat Dein Geburtsort? Was arbeiten Eure Eltern? Wo haben sich Eure Eltern kennengelernt? Weshalb seid Ihr hier? Nicht zu wissen, wie lang das Verhör dauere, ob man womöglich im Gefängnis lande, sei das Schlimmste gewesen.

Immerhin durften sie den letzten Kontakten ihrer Anruferliste eine Nachricht zukommen lassen. So erreichte er Max Herre, der umgehend Amnesty International alarmierte. Ob es deren Einfluss war? Auf jeden Fall hieß es nach viereinhalb Stunden: „Ihr könnt gehen!“ Am nächsten Morgen nahmen sie den ersten Flieger nach Athen. Mehr oder wenig diskret beobachtet von den Polizisten in Zivil, die sie verhört hatten. „Am Flughafen in Athen wurden wir die ganze Zeit ziemlich offensichtlich gefilmt“, sagt Eren. Zehn Stunden Wartezeit hatten sie, bis ihr Flieger nach Stuttgart abhob. „Wir überlegten, ob wir nochmals in die Innenstadt fahren, aber Amnesty International haben uns geraten, den Flughafen nicht zu verlassen.“ Niemals habe er sich vorstellen können, dass „wir in einem EU-Land wie Kriminelle behandelt werden, einfach weil wir helfen wollen“.

Aber es zeige eben auch, dass die Menschen dort am Ende ihrer Kraft seien. Nicht nur die Flüchtlinge. Eren: „Da gibt es Menschen, die ein Leben lang gespart haben, auf eine Strandbar oder ein kleines Hotel.“ Dann kamen die Flüchtlinge, und die Touristen blieben weg. Nun stehen die Einwohner vor den Trümmern ihrer Existenz. Das löst Ärger aus. Europa schaut weg und lässt die ohnehin von der Finanzkrise und Sparprogrammen gebeutelten Griechen die Last alleine tragen. „Der Frust ist verständlicherweise groß“, sagt Eren, die Aktion der Polizei wertet er als „Abschreckung“. Doch „wir werden uns das Helfen nicht verbieten lassen“.

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