Im griechischen Restaurant Cavos in Stuttgart wird ein Luftreiniger mit dem Namen Air Guard eingebaut. Er soll die Luft von Viren, Bakterien und Pollen fast auf Null minimieren. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Studien belegen, dass sich Aerosole im Inneren eines Restaurants mit Filtern fast auf Null minimieren lassen. In Stuttgart rüsten immer mehr Wirte auf, um in der kalten Jahreszeit mit Luftreinigern Gästen die Angst vor Coronaviren zu nehmen.

Stuttgart - Der Sommer währt nicht ewig. Beim Essen und Trinken fühlen sich die Gäste draußen sicher, weil der Wind die Aerosole wegweht. Die Risiken einer Virusübertragung bleiben im Freien gering, wenn man sich an Abstandsregeln hält. Doch irgendwann wird es so kalt sein oder so sehr regnen, dass man ins Innere eines Restaurants wechselt oder daheim bleibt.

Wirte fürchten, dass die Umsätze im Herbst und im Winter einbrechen. Um ihren Kunden ein sicheres Gefühl zu geben, investieren Stuttgarter Gastronomen hohe Summen für neuartige Luftreiniger, die laut wissenschaftlichen Studien die Virenlast in geschlossenen Räumen fast auf Null reduzieren. Die Hersteller fahren Sonderschichten, streichen ihren Urlaub und kommen mit dem Ausliefern und Einbauen kaum nach.

Cavos zahlt 34 000 Euro für das Luftreinigungsgerät

Jüngst hat die Münchner Universität der Bundeswehr das Ergebnis ihrer Untersuchungen in Sachen Raumlüfter mitgeteilt: Demnach sind etliche Systeme in der Lage, virulente Aerosolwolken effektiv zu säubern. Die Sache hat nur einen Haken: die meisten Geräte sind teuer.

Das griechische Restaurant Cavos an der Lautenschlagerstraße in Stuttgart hat jetzt 34.000 Euro ausgegeben für eine Anlage, die nach dem Prinzip der Luftreinigung in Operationssälen funktioniert. Das Gerät mit dem Namen Air Guard by Sidopa.de, von denen zwei Exemplare (eines zum Preis von 17.000 Euro) als Säulen in dem City-Lokal stehen, saugt die kontaminierte Raumluft an und befördert sie durch mehrere Filterstufen. Der gesamte Luftkanal ist mit antimikrobielle beschichteten Platten versehen. Die Beschichtung ist auf der Silberionentechnologie aufgebaut.

„Man kann Anträge auf Förderung beim Land stellen“

Laut Herstellerfirma Apodis GmbH Filtertechnik wird die belastete Luft zu 99,9 Prozent von Viren, Bakterien und Pollen gereinigt. Die gesäuberte Luft wird über der Kopfhöhe der Gäste ausgeblasen. „Damit wird niemand von der ausströmenden Luft belästigt“, sagt Dejan Riljic, Geschäftsführer der Firma in Salach im Landkreis Göppingen, „die frische Luft verdrängt die von den Personen ausgeatmete Luft in Richtung des Bodens.“ Wie er weiter mitteilt, haben bereits mehrere Brauereien und Restaurants in Stuttgart den Air Guard bestellt. Wem die Kosten zu hoch seien, könne das Gerät für 250 Euro im Monat leasen oder einen Antrag auf ein Förderprogramm des Landes stellen, sagt Dejan Riljic.

Die Aerosolwolke aus ausgestoßenen mikrofeinen Tröpfchen verteilt sich – vergleichbar mit Rauchschwaden – gleichmäßig in einem Raum und überwindet die Barriere einer Plexiglas-Trennwand. Die Firma Trotec aus Heinsberg ist ein weiterer Anbieter, der Innenräume von Gaststätten sicher machen will. und von einem Umsatzboom berichtet. Bundesweit verkauft sie einen Hochfrequenz-Luftreiniger, der mitten in der Coronakrise entwickelt worden ist. Zu den Kunden zählt TV-Koch Tim Mälzer.

Firma aus dem Ostalbkreis testet Luftreiniger im Fitnessstudio

Im Ostalbkreis von Baden-Württemberg hat die Firma Weigert Industrievertretung einen Plasmafilter auf den Markt gebracht, der bei einem wissenschaftlichen Test in einem Fitnesscenter in den Niederlanden für „Superergebnisse“ gesorgt hat, wie Geschäftsführer Klaus Weigert unserer Zeitung sagt. Die Aerosole könnten in geschlossenen Räumen auf nahezu Null reduziert werden. Die Studie werde in zwei Wochen veröffentlicht.

Die Firma hat sich nun an zahlreiche Politiker gewandt, um von diesem Fortschritt zu berichten. Vergleichsweise günstig ist der Raumlüfter mit Plasmafilter aus Bartholomä im Ostalbkreis. „Die Kosten liegen bei 2900 bis 3500 Euro“, sagt Weigert, „je nach Raumgröße.“ Ihm gehe es vor allem darum, dass ein relativ normales Leben auch im Herbst und im Winter möglich ist. „Klar, am Ende müssen wir auch verdienen“, erklärt der Geschäftsführer, „aber es ist nicht der schnelle Reichtum, der uns antreibt.“

Neben Restaurants will Weigert auch Schulen, Theater, Kinos und Fitnessstudios mit dem Plasmafilter, der in Säulen angebracht ist, sicher machen. Dieser Filter zerstöre die Hülle des Virus und nehme ihm „sozusagen das Fahrzeug“. Herkömmliche Umluftanlagen ohne zusätzlichen Filter seien eine große Gefahr, warnt er, besondern bei Sport und Fitness, wo heftig ausgeatmet wird. „Wenn nur einer in einem Fitnessstudio Coronaviren ausstößt“, sagt er, „verteilen die sich im gesamten Raum und können viele anstecken.“ Zu seinen Auftraggebern gehört der Fußballverein 1. FC Heidenheim, für den Weigert ein Filtersystem für die VIP-Bereiche plant.

Der Dehoga kann Wirte verstehen, die jetzt investieren

Die Auswahl an Luftreinigern für Gastronomen ist groß. Daniel Ohl, der Pressesprecher des Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga Baden-Württemberg, kann „nachvollziehen, dass Gastronomen aktuell in den Gesundheitsschutz investieren wollen, um dem Sicherheitsbedürfnis ihrer Gäste gerecht zu werden und damit eine hoffentlich hohe Auslastung der Plätze im Innenbereich sicherzustellen“. Dies sei angesichts der Sorgen vieler Betriebsinhaber im Hinblick auf die Herbst- und Wintermonate zu verstehen, in denen in der Regel keine Außengastronomie mehr möglich sei, sagt Ohl unserer Zeitung. Der Verband könne derzeit aber „keine allgemeingültigen Aussagen dazu treffen, ob solche Investitionen unter dem Gesichtspunkt des Gesundheitsschutzes effektiv und ob sie wirtschaftlich betrachtet sinnvoll sind“. Hier müsse jeder Einzelfall für sich betrachtet werden.

Ohl. „Es gibt daher derzeit keine generelle Empfehlung unseres Verbandes, zur Verminderung des Infektionsrisikos in technische Anlagen zur Luftreinigung zu investieren. Ebensowenig gibt es von uns Empfehlungen für bestimmte Anlagen oder Hersteller.“

Hersteller übernehmen keine Haftung

Der Stuttgarter Gastronom Michael Wilhelmer, der unter anderem das Amici betreibt, prüft derzeit die verschiedenen Möglichkeiten der Luftreinigung. Dafür müsse man sich Zeit nehmen. „Wir werden auf jeden Fall in saubere Luft investieren“, sagt er. Sein Kollege Jörg Mink vom Schloss Solitude pflichtet ihm bei. Wirte müssten ihre Verantwortung übernehmen und die technischen Innovationen nutzen, um die Angst vor einer Ansteckung zu nehmen. Schon jetzt würden viele seiner Gäste bei schlechtem Wetter absagen, weil sie nur draußen sitzen wollten.

Wichtig ist, dass die Hersteller keine Haftung übernehmen. Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht. „Wenn ein Gast direkt angehustet wird mit Coronaviren“, sagt ein Produzent, „hilft selbst das beste Gerät nicht.“

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