Richard Krolzig kümmert sich beim Frühlingsfest um den Betrieb des Riesenrads „Bellevue“. Mittlerweile ist er schon zum achten Mal in Stuttgart. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Bei der Fahrt mit dem Riesenrad auf dem Stuttgarter Frühlingsfest überblickt der Besucher das gesamte Festgelände. Manche Volksfestbesucher genießen dort nicht nur die gute Aussicht.

Stuttgart - „Kann ich Ihnen helfen?“ Beherzt greift Richard Krolzig zum Rollstuhlgriff und fährt den Frühlingsfestbesucher über eine kleine Rampe zur Riesenrad-Kabine. Dort wird der alte Mann unter Mithilfe der anderen Mitarbeiter in das Abteil gesetzt und kann mit seiner Begleitung die Fahrt antreten.

Richard Krolzig, der für die Düsseldorfer Firma Oscar Bruch junior den Betrieb des Riesenrads auf dem Stuttgarter Frühlingsfest organisiert, liebt seine Arbeit und macht Menschen gerne glücklich. „Am schönsten ist es, wenn man Kinder mit ihren Eltern oder Großeltern sieht, die wirklich Freude am Volksfestbesuch haben“, erklärt der im hessischen Bad Hersfeld geborene Schausteller.

Krolzigs Arbeitgeber, der mit drei Riesenrädern durch Europa tourt, hat eine lange Tradition. Bereits seit 1848 begeistern Angehörige der Familie Bruch mit ihren Attraktionen unzählige Besucher bei Volksfest, Kirmes und Co..

Mehr als 33 Tage bei der Arbeit

1896 kaufte Emil Bruch eine „russische Schaukel“, die damalige Bezeichnung für Riesenräder. Seit 2008 stellt das Unternehmen aus Nordrhein-Westfalen das Fahrgeschäft auch auf dem Frühlingsfest in Stuttgart auf, seit 2010 können die Besucher des Cannstatter Volksfestes in den Riesenrad-Kabinen der Firma Bruch in die Höhe gleiten.

Das Leben als Schausteller habe ihn schon von Kindesbeinen an begeistert, erzählt Krolzig während des Gesprächs in einer der 42 Kabinen. „Ich habe schon während der Schulzeit und auch parallel zum Studium immer mal wieder bei Schaustellerbetrieben gearbeitet“, sagt der gebürtige Hesse über seine Anfänge im Schaustellerbusiness.

Richard Krolzig, der mehr als 300 Tage im Jahr arbeitet, hat gelernt, dass das Leben als Schausteller mit seinen ständigen Ortswechseln und der Abhängigkeit von Wind und Wetter entbehrungsreich ist. „Es erfordert großen Einsatz, Beziehungen außerhalb des Schaustellergeschäfts zu pflegen. Nicht jeder kann verstehen, dass der Betrieb nun mal vorgeht“, berichtet der für Marketing und Kommunikation zuständige Angestellte.

Platz für mehr als 250 Personen

Trotzdem ist es ihm wichtig, auch außerhalb der Arbeit Beziehungen zu haben. „Ich fahre seit 20 Jahren nach Luxemburg, wo wir auch ein Riesenrad aufbauen. Mit der Zeit haben sich viele Kontakte in der Stadt ergeben, Freundschaften sind entstanden“, erzählt Krolzig.

Er selbst verbringt die meiste Zeit am Rad, hilft den Mitarbeitern, hält den Kontakt zu den Veranstaltern und ist Ansprechpartner für das Büro in Düsseldorf. Da das Frühlingsfestgelände etwas außerhalb von Stuttgart liegt, habe er in all den Jahren noch keine Zeit gefunden, einen Bummel auf der Königstraße zu machen. „Das möchte ich in diesem Jahr auf jeden Fall nachholen“, erklärt Krolzig. Er habe sich dafür schon einen Tag ausgesucht.

Das Riesenrad „Bellevue“ der Firma Bruch, das Dank einer Höhe von 55 Metern der Fixpunkt jedes Volksfestes ist, bietet bei maximaler Auslastung Raum für 252 Personen. Mit einer Gesamtlast von 350 Tonnen wiegt es mehr als 60 ausgewachsene afrikanische Elefanten.

Eine Köchin sorgt für den Zusammenhalt

Seit 1994, als es für mehr als fünf Millionen D-Mark gekauft wurde, wird es regelmäßig gepflegt, gewartet und auf den neuesten Stand der Technik gebracht. So ist es kaum verwunderlich, dass beim Aufbau, der mehrere Tage in Anspruch nimmt, die gesamte Mannschaft mithelfen muss. „Vor Stuttgart waren wir mit dem Riesenrad beim Frühlingsfest in Nürnberg. Noch während das Fest lief, waren wir mehrere Male auf dem Wasengelände in Stuttgart, um einen reibungslosen Aufbau sicherzustellen“, sagt Krolzig.

Für Kasse, Technik und Fahrbetrieb sind neben Krolzig weitere elf langjährige Mitarbeiter des Unternehmens auf dem Stuttgarter Frühlingsfest. Die Crew wird von einer eigenen Köchin versorgt. „Jeden Tag das Volksfest-Essen zu haben, ist auf Dauer nicht gut. Außerdem fördert die Tischgemeinschaft den Zusammenhalt des Teams“, sagt der Schausteller.

Täglich von 12 Uhr bis in die späten Abendstunden dreht sich das „Bellevue“ und ermöglicht den Gästen einen Blick über das gesamte Festgelände. „Es ist schön, wenn von den Besuchern etwas zurückkommt. Manche Kinder malen Bilder für uns, Besucher eines Seniorenheims erzählen, dass sie zuletzt zu Kriegszeiten mit dem Riesenrad gefahren sind. Das sind einfach unbezahlbare Momente unserer Arbeit“, sagt Krolzig.

Das Riesenrad als Liebesnest

Es kommt auch immer wieder vor, dass die Riesenrad-Kabine zum romantischen Liebesnest wird. „Ab und zu finden im Riesenrad auch Hochzeiten statt. Einmal ging es sogar soweit, dass einer unserer Mitarbeiter zwei Gäste beim Liebesakt in der Kabine überrascht hat“, erzählt der Hesse. „Natürlich durften die beiden dann noch eine Runde fahren“, schiebt er nach.

Ein anderes Mal, es war bereits nach Betriebsschluss und die Mitarbeiter machten sich auf den Weg in die Innenstadt, hörte die Belegschaft dumpfes Klopfen und unterdrücktes Rufen aus einer der Kabinen. „Da hatten wir tatsächlich eine Kabine vergessen, in der noch Besucher saßen“, sagt Krolzig. Da es sich dabei allerdings um ein junges Paar handelte, ist er sich sicher, dass ihre gemeinsame Zeit in der Kabine nicht allzu schlimm war.

Dank moderner Technik, mit der das Riesenrad bedient wird, kann heute niemand mehr vergessen werden. Auch die Drehgeschwindigkeit und die Anzahl der Runden lassen sich über eine Schaltzentrale individuell steuern. Auf dem Stuttgarter Frühlingsfest dürfen sich die Riesenradbesucher auf vier Runden einstellen, die in rund acht Minuten zurückgelegt werden.

Launiges Riesenrad

Das große Rad inmitten des Festgeländes dreht sich nur dann, wenn es mit ausreichend Energie versorgt wird. „Unser Riesenrad verbraucht in 23 Frühlingsfesttagen mehr Strom als eine vierköpfige Familie in einem Jahr“, berichtet Krolzig und fügt erklärend hinzu: „Licht lockt eben Leute.“

Doch auch abseits von Volksfest und Kirmes trifft man auf Riesenräder der Firma Bruch. „Mittlerweile sind unsere Räder auch als Sehenswürdigkeiten großer Städte beispielsweise zur Weihnachtsmarktzeit beliebt“, sagt Krolzig. Im vergangenen Winter diente eines der Riesenräder als Attraktion im Europa-Park im badischen Rust. Außerhalb der Saison, die mittlerweile fast das gesamte Jahr einschließt, wird das Fahrgeschäft in einer Lagerhalle aufbewahrt.

Bei einem ist sich die Belegschaft sicher: „Das Riesenrad muss eine Frau sein. Am Abend funktioniert noch alles bestens und einen Tag später geht gar nichts mehr“, erzählt der Essener mit einem Lächeln.

Das Volksfest als Lebensmittelpunkt

Richard Krolzig, der nur selten in seiner Wohnung in Nordrhein-Westfalen wohnt, hat das Schaustellerleben mit den Jahren kennen und schätzen gelernt: „Man schläft Tür an Tür. Das ist natürlich nicht immer einfach.“

In all den Jahren, die er schon durch die Länder zieht, hat er die Eigenheiten der besonderen Berufsgruppe kennengelernt: „Schausteller sind extrem flexibel. Wenn man ihnen sagt, dass sie morgens nach Kapstadt ziehen sollen, dann ist das für sie kein Problem.“ Auch die Familie spielt eine große Rolle bei den Betrieben. „Ohne den familiären Zusammenhalt wäre das Geschäft gar nicht möglich“, erklärt er.

Das Festgelände ist der Ort, an dem sich das Leben der Schausteller abspielt. Hier wird geheiratet, getauft, gelernt, gelebt. „Und das Riesenrad ist das Rathaus der Kirmesstadt“, ergänzt Krolzig.

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