Sara Hamad will eine gute Perspektive für ihre Kinder – und für sich. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Sara Hamad erzieht ihre fünf Kinder im Stuttgarter Osten ganz allein. Ausgesucht hat sie sich das nicht. Wie ein Drittel der Alleinerziehenden erhält sie Unterstützung.

Stuttgart - Sara Hamad ist nicht ihr richtiger Name. Denn die 42-jährige Palästinenserin möchte nicht, dass jeder weiß, wie eng sie kalkulieren muss, wie angeschlagen ihre fünf Kinder sind. Und schon gar nicht möchte sie, dass der Eindruck entsteht, sie sei ein Schmarotzer: „Ich bin nicht hergekommen, um Sozialhilfe zu beziehen“, sagt die Frau. Früher, in Palästina, hatte sie als Sekretärin gearbeitet und Radios und Fernseher repariert. Das war vor 2001. Zunächst bis 2007 und dann wieder seit 2011 lebt sie in Stuttgart, wo sie sich auch in der Flüchtlingsarbeit engagierte.

„Ich wollte in Palästina Sozialarbeit studieren“, erzählt sie. Doch dann brach sie das Studium ab, folgte ihrem Mann nach Stuttgart. Dorthin habe er die Kinder gebracht, dort arbeitete er als Architekt. Bis er psychisch krank und schließlich arbeitslos wurde. „Er hat mich und die Kinder geschlagen und gedroht, mich umzubringen, wenn ich mich von ihm trenne.“ Doch Sara Hamad konnte das irgendwann nicht mehr aushalten und trennte sich.

Kein Einzelfall: 11 857 alleinerziehende Haushalte listet der Stuttgarter Sozialdatenatlas auf

Mit ihrem Schicksal ist sie in Stuttgart kein Einzelfall. 11 857 AlleinerziehendenHaushalte listet der aktuelle Sozialdatenatlas der Stadt Stuttgart zum Stichtag Ende 2016 auf. „Das höchste Armutsrisiko gibt es bei Alleinerziehenden“, erklärten Vertreterinnen des Sozialamts und Jugendamtschefin Susanne Heynen bei der Vorstellung des Datenwerks im Jugendhilfeausschuss.

Doch nicht nur die knappe Haushaltskasse belastet die betroffenen Familien. In Sara Hamads Fall gingen die Gewalterfahrungen und die Trennung vom Vater auch an den Kindern nicht spurlos vorbei: „Seitdem sind sie in Therapie“, sagt Sara Hamad. Sie leiden unter Schlafstörungen, Suizidgedanken, unklaren Kopfschmerzen und allgemeiner Unlust. Sie sind 18, 16, 14, 10 und sechs Jahre alt. Die Großen besuchen die Realschule, der Kleine die Förderklasse.

Seit viereinhalb Jahren bringt Sara Hamad ihre Familie allein über die Runden. Damit das klappt, steht sie um 6, manchmal auch um 5 Uhr auf, bereitet das Mittagessen für die Großen vor und gibt allen ein Vesper mit. „Ich schaff es nicht immer, dann auch noch Frühstück zu machen“, räumt sie ein. Denn um kurz nach 7 Uhr muss sie selbst das Haus verlassen, um zu ihrer Arbeitsstelle nach Bad Cannstatt zu kommen, wo sie inzwischen als Schulbegleiterin an einer Werkrealschule arbeitet – eine Honorartätigkeit, fünfmal die Woche, vormittags. Darauf ist sie stolz. „Dass ich hier arbeiten kann, das hat mich sehr bestärkt“, sagt sie – und ihre Kinder auch. Zudem verschafft es ihr etwas Luft bei den Ausgaben, auch wenn sie noch aufstockende Unterstützung bezieht.

Hühnchen gibt es selten, Schuhe werden gebraucht gekauft

Trotzdem muss sie scharf kalkulieren. 1800 Euro habe sie im Monat, die Miete zahle das Jobcenter. Seit die Kinder größer sind, braucht sie 250 Euro pro Woche für Lebensmittel. Und natürlich könne sie nicht einfach Trauben, Mango, Äpfel nach Belieben kaufen, sondern nur, wenn sie im Angebot sind. Oft habe es Nudeln gegeben. „Da hat mein Zehnjähriger gesagt: Ich hab vergessen, wie Hähnchen aussieht.“ Als sie das erzählt, kämpft Sara Hamad mit den Tränen. „Ich sag meinen Kindern nicht, wir sind arm – ich will sie nicht verletzen.“ Aber klar ist auch: „Schuhe kaufe ich oft gebraucht über Ebay.“ Sie betont aber: „Jedes Kind hat ein eigenes Bett.“

Ihr Arbeitgeber ist das Jugendamt. In dessen Beratungszentrum kommt sie auch als Klientin. Regelmäßig bekommt sie Besuch von einer Familienhelferin. Ihren Plan, Sozialarbeit oder Sozialpädagogik zu studieren, hat Sara Hamad noch nicht aufgegeben. „Wenn ich keine Termine habe, dann lerne ich“, sagt sie. Für die Sprachprüfung. Viel Zeit dafür hat sie nicht. Oft gehen die Nachmittage dafür drauf, Arztbesuche oder Therapietermine für die Kinder zu organisieren oder sich um schulische Angelegenheiten zu kümmern. Sie schaut, dass alle Kinder sich sportlich betätigen: Zwei Söhne spielen Fußball, einer will vom Fußball zum Boxen wechseln, der vierte ist begeisterter Kampfsportler, geht zum Taekwondo, die Tochter habe sie jetzt für Fitnesskurse angemeldet, „dafür muss ich sparen“. Die Vereinskosten für die Buben werden über das Bildungs- und Teilhabepaket abgedeckt. Ausflüge? Die machten die Kinder ja über die Schule.

Sara Hamad ist dankbar für die Unterstützung für ihre Kinder

Und die Lebensqualität? „Die ist hier viel besser – in Palästina hätte es für meine Kinder nicht die Hilfen gegeben“, sagt Sara Hamad. Dafür sei sie dankbar. Ihr größter Wunsch? „Dass meine Kinder gesund werden und eine gute Ausbildung absolvieren können“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. „Und dass ich mein Studium absolviere.“ Auch wenn sie noch nicht weiß, wie sie das finanzieren kann. Aber das Ziel ist klar: Danach will sie endlich nicht mehr von Sozialleistungen abhängig sein.

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