Gras ist nicht gleich Gras. Und sattes Grün ist eine Wissenschaft für sich. In Sillenbuch wohnen Zwei, die sich damit bestens auskennen. Foto: Mauritius

Christa und Gerhard Lung aus Stuttgart-Sillenbuch gelten europaweit als Experten auf dem Gebiet der Rasenforschung. Sie werden dann gerufen, wenn die Halme nicht so wollen wie ihre Besitzer: auf Golfplätzen, in Gärten, beim VfB Stuttgart, Borussia Dortmund oder im Vorfeld einer Fußball-WM.

Sillenbuch - Der Laie sieht einfach nur Gras. Christa und Gerhard Lung sehen Wiesen-, Futter- und Rasengräser, sie sehen Horstrotschwingel, Wiesenrispe oder Sumpfstraußgras. Und vor allem sehen sie, wenn es den Halmen nicht gut geht. Die Eheleute betreiben das „Institut Dr. Lung für angewandte Rasenforschung“ und werden in der Regel gerufen, wenn der Rasen nicht so will wie sein Besitzer. Probleme seien häufiger, als man denke. „Ein Rollrasen ist eine lebende Ware, die muss behutsam behandelt werden. Das ist ein sensibles Produkt“, stellt Christa Lung klar.

Beim Rasen kann man viel falsch machen

Sattes Grün ist eine Wissenschaft für sich. „Das ist eine Disziplin, die so weit gefächert ist, das kann man sich kaum vorstellen“, sagt Gerhard Lung. Während schon Moos und Löwenzahn Häuslebesitzer in den Wahnsinn treiben können, fressen anderswo Larven der Wiesenschnake oder des Maikäfers Wurzeln an. Auch Pilzbefall kann die grüne Pracht in braunes Gestrüpp verwandeln.

„In Europa sind ungefähr 50 Arten bekannt“, sagt Gerhard Lung. Der Mensch setzt der Natur ebenfalls bisweilen zu, „man kann unwahrscheinlich viel falsch machen“, erklärt er. Zu fester oder falscher Boden, Dünger im Überfluss, ein radikaler Schnitt, zu wenig Wasser oder überhitztes Saatgut: Gründe, warum es nicht sprießt, gibt es viele, und die Aufgabe der Lungs ist, festzustellen, woran der Rasen krankt. „Wir Menschen gehen ja auch zum Arzt“, sagt Christa Lung.

Gerhard und Christa Lung Foto: Holowiecki

Die beiden wissen als Hohenheimer Absolventen, wovon sie reden. Die 62-jährige Christa Lung hat einen Abschluss in Biologie und Chemie und fünf Jahre an der Gartenbauschule unterrichtet, ihr zwei Jahre älterer Gatte ist promovierter Agrarbiologe. Sein Hauptlabor betreibt das Paar in Tübingen, außerdem eine Saatgutfirma. Christa Lung hat zudem ein Buch geschrieben. „Der perfekte Rasen“ wurde bereits mehrfach aufgelegt.

Die Eheleute halten Vorträge, sie erstellen Gutachten, sie untersuchen eingeschickte Proben unter dem Mikroskop oder nehmen Grünflächen vor Ort in Augenschein. Tatsächlich gilt der Name Lung europaweit als Kapazität auf dem Gebiet der Rasenforschung. Im Vorfeld der Fußball-WM 2006 etwa saß der Rasendoktor vorübergehend in einem Expertengremium für ein einheitliches Grün in allen Spielstätten, zudem ist er Mitglied in den Arbeitskreisen Bewässerung und Integrierter Pflanzenschutz des deutschen Golfverbands.

Auch der VfB Stuttgart vertraut auf das Ehepaar

Auf Golfplätzen sind die Profis mit dem grünen Daumen oft zugange, auch private oder kommunale Flächen machen sie flott. Die Dortmunder legen ihr Bundesliga-Spielfeld ebenso in die Hände der Alt-Sillenbucher wie der VfB. Das Problem: „Die modernen Arenen werden nicht so gebaut, dass es dem Rasen gut geht. Ob er sich an einem Standort wohlfühlt, stellt sich erst später raus“, sagt Christa Lung. Ihr Mann moniert, dass Rasen heute oftmals Wegwerfware sei, „er muss funktionieren und gut aussehen“, im Zweifelsfall werde mit grüner Sprüh-Rasenfarbe nachgeholfen.

Auf einem Golfplatz kann ein Millimeter über die Ballgeschwindigkeit entscheiden, doch auch manche Privatleute machen eine Philosophie aus der Gartenpflege. Leute, die mit der Nagelschere über den Boden kriechen, gebe es durchaus.

Auch die Lungs haben vor einigen Jahren hinterm Haus umgepflügt und neu eingesät mit einer Art, deren Wurzeln tiefer in den Boden reichen. Nachbarn holen sich ab und an Tipps am Gartenzaun, „wir helfen, wo wir können“, sagt Gerhard Lung. Aber im Privaten lassen er und seine Frau auch mal Fünfe gerade sein. Christa Lung lächelt. „Gänseblümchen finde ich optisch fantastisch.“

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